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Stummfilm - Metropolis - 17/02/10

Nachlese

Inzwischen konnte sich jeder selbst ein Bild machen vom Mythos Metropolis in der neuen, der restaurierten Fassung. Die „Langfilmpremiere“ des mühevoll bearbeiteten Klassikers hat stattgefunden, live mit Orchestern in Berlin und Frankfurt, als TV-Ereignis auf arte und in dessen Rezeption im immer beliebter werdenden Public Viewing am Brandenburger Tor – gut besucht trotz eisiger Minusgrade.

Mit den Eindrücken dieses Filmgenusses wollte man offenbar das Publikum nicht alleinlassen und bot so im Rahmen der Berlinale am nächsten Tag ein Diskussionspanel an, um etwaige Fragen zu beantworten, die durch den Film, die begleitende Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz oder auch die Lektüre des bei Belleville erschienenen Begleitbandes aufgekommen sein könnten. Dementsprechend glich dieses „längste q and a der Welt“ eher medizinischer Nachsorge als einer intellektuellen Kontroverse: Keine teamfernen Gäste waren geladen und hätten subjektiv über das Filmerleben des Freitagabends berichten und vielleicht streiten können – lediglich die Runde der an der Restaurierung beteiligten „üblichen Verdächtigen“ kam erneut zusammen. Die gaben sich dafür wirklich alle Mühe, einen interessanten Nachmittag zu gestalten und anschaulich in ihre Arbeit einzuführen.

Jeweils im Doppel mit Martin Koerber (Stiftung Deutsche Kinemathek) standen vier Gäste dem voll besetzten Saal im Filmhaus Rede und Antwort – unterstützt von einführendem filmischen Material. Die gelungene Taktik hieß „in medias res“, Koerber eröffnete nach den allgemeinen Willkommensgrüßen und Dankesbotschaften gleich mit „Wir stehen für Ihre Fragen zur Verfügung“. Doch unabhängig davon, ob Paula Felix-Didier, die als Leiterin des Filmmuseums Buenos Aires den sagenhaften Materialfund publik machte, den Podienreigen eröffnete, oder später Anke Wilkening (Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung) über den Prozess der Restaurierung an sich Auskunft gab, der Dirigent und Leiter der Europäischen Filmphilharmonie Frank Strobel lebendig über die Bedeutung der Originalmusik für die neue Fassung referierte oder Thomas Barkels Einblicke in die Tücken der digitalen Bildrestaurierung gewährte – das Publikum schien ausschließlich bestrebt, den Mythos weiter zu stricken. Man hätte diskutieren können, welche Bedeutung die neue Schnittfassung mit geänderter Szenenfolge für die Dramaturgie hatte und wie bzw. ob Fritz Langs nunmehr erstmals wieder sicht- und erlebbare Gesamtvision trägt – immerhin war der Raum vollbesetzt mit „Hardcore-Cinephilen“. Man hätte eigene Standpunkte beziehen können zu den seinerzeit durch zeitgenössische Kritiken wie H.G. Wells Aussage, Metropolis sei „der allerdümmste Film“ angeregten Debatten, ob und in welchen Bereichen Metropolis visionär war, wo aber vielleicht gerade doch rückschrittig und zu recht gekürzt. Jetzt, wo alle Nebenfiguren offen auf dem Tisch liegen, z.B. die Bedeutung der Rolle des „Schmalen“ zunimmt und sich logisch erschließt, ebenjene Logik sich aber auch an anderen Stellen durch kleine „Umbauten“ im Plot leicht verändert hat – vor allem aber der gesamte Film einen anderen Rhythmus samt divergierender Schnittfolge bekommen hat, jetzt sollte man meinen, tauschen sich diejenigen Filmkenner, die Metropolis nahezu auswendig kennen über Inhalte aus. Über ganz neu verständlich gewordene Schlüsselszenen wie die Flucht der Arbeiterkinder. Über die veränderte Wirkästhetik, auch im Zusammenhang mit der Musik. Über die Für und Widers der Exportfassungen im Gegensatz zur von Lang intendierten Ursprungsfassung – schließlich sieht man nicht alle Tage den lange erwarteten Director’s Cut eines Jahrhundertfilms. Doch die Frage, ob das Original wirklich stets die beste Wahl ist, will hier niemand diskutieren. Auch inhaltliche Fragen werden weder an das Material selbst, noch an seine akribischen Rekonstrukteure gerichtet. Stattdessen wälzt man im Publikum altbekannte Backstories, stellt möglichst detailierte Metropolis-Kenntnissse zur Schau und hechelt so weiter begierig dem Mythos hinterher. So schnell lässt sie nicht los, die Obsession Metropolis: Wie viel Material genau ist denn nun immer noch verloren? Wie viele Seiten des Particells haben gefehlt? Wird noch weiter restauriert, werden die Vertikalstreifen noch verschwinden? Wird eine Studienfassung mit der aktuellen Version entsprechenden Schwarzblenden erscheinen? Gibt es alte Schellackplatten mit der Musik vom Komponisten dirigiert? Und immer wieder: Wie teuer war denn nun die gesamte Restaurierung? Es ist den eloquenten Gastgebern zu verdanken, dass die zwei Stunden Metropolis-Panel nicht zu einer einzigen technokratischen Seminareinheit wurden. In den ausführlichen, noch von der akuten Begeisterung getragenen Antworten lagen viele unerwarteten Einblicke – von den Besonderheiten der Spezialsoftware gestützt von anschaulichen vorher/nachher Parallelprojektionen über die facettenreichen filmmusikalischen Charakteristika der Spätromantik bis zur Frage, mit wie vielen Bildern pro Sekunde denn nun Stummfilme generell und Metropolis im Besonderen projiziert werden sollten: Während die vorherrschende Meinung zu 20 Frames bei Stummfilmen gegenüber den üblichen 24 von heutigen Tonfilmen tendiert, hatte der Komponist seinerzeit eine stolze 28 vorgegeben. Dies erklärt auch, warum die Neufassung von Metropolis trotz der wieder aufgetauchten und medial so gefeierten „30 Minuten mehr Material“ nur unwesentlich seine Länge verändert hat – er wird schlichtweg schneller projiziert. Der Inhalt der 900 hinzugekommenen Meter allerdings ist deutlich als Veränderung wahrnehmbar – aber es braucht wohl für die auf Sensation gepolten Rezipienten noch eine Weile, bis der Inhalt die Form und der Film seinen Mythos zugunsten einer differenzierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem filmhistorischen Kernwerk besiegen kann. Denjenigen, die sehr viel Energie und Lebenszeit investiert haben, dabei täglich den Mut zu zahllosen, gelegentlich kontrovers im Team diskutierten Entscheidungen haben mussten und immer um die beste Lösung gerungen haben gebührt großer Dank dafür, die Basis für diese Auseinandersetzung geschaffen zu haben. Und nachdem sie geduldig alle Fragen zu ihrem „langen Weg zu Metropolis“ beantwortet haben, sollte man nicht auf eine weitere von ihnen erstellte Studienfassung auf DVD warten, sondern einen Schritt in Richtung eigenem Standpunkt zu einem viel diskutierten Film wagen – das Werk ist dem nämlich mittlerweile gewachsen und benötigt nicht mehr der uneingeschränkten Pflege und Schonung.

Kyra Scheurer


Erstellt: 10-12-09
Letzte Änderung: 17-02-10