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Im Gespräch... - 08/07/05

Mutter Courage

Interview mit Juliane Köhler über ihre Rolle im Fernsehfilm "In Sachen Kaminski" (auf ARTE am 15. 7. 2005)


Wer kann entscheiden, ob Eltern in der Lage sind, ihr Kind zu erziehen? Juliane Köhler spielt eine Mutter, der das Sorgerecht entzogen wird. Ein Gespräch über ein schwieriges Thema

Wer Juliane Köhler noch als mondäne Hitler-Geliebte Eva Braun aus „Der Untergang“ in Erinnerung hat, wird erstaunt sein: In dem ARTE-Fernsehfilm „In Sachen Kaminski“ stellt die Schauspielerin mit derselben Intensität Petra Kaminski dar, eine schüchterne Frau, die um ihre Tochter kämpft.

ARTE: Frau Köhler, der Regisseur Stephan Wagner wollte unbedingt, dass Sie Petra Kaminski spielen. Warum?

Juliane Köhler: Habe ich ihn auch gefragt. Er sagte, dass er meine Fähigkeit schätze, mich vollkommen zu verwandeln. Und eben auch vollkommen unscheinbar wirken zu können, so dass man mich kaum sieht. Das war ihm sehr wichtig für die Rolle der Petra Kaminski. Für mich als Schauspielerin ein tolles Kompliment.

Wie sind Sie in die Psyche dieser Frau eingetaucht?

Das war ziemlich schwierig. Ich hatte mich mit der Welt geistig zurückgebliebener Menschen nie zuvor auseinandergesetzt. Anfangs haben wir uns alle ganz intensiv vorbereitet und in verschiedenen Einrichtungen die Menschen beobachtet. Die tollste
Erkenntnis dabei war, dass dies alles beim Dreh überhaupt keine Bedeutung mehr hatte. Das Hauptthema war plötzlich nicht mehr der unterdurchschnittliche IQ dieser Eltern, sondern nur noch, wie ein Mensch damit umgeht, dass ihm die Kinder weggenommen werden. Und dann handeln alle Eltern gleich, egal wie hoch ihr IQ ist.

Also war es für das Verständnis der Rolle wichtig, dass Sie selbst Mutter sind?

Ganz klar. Die Geschichte ist ja wirklich passiert, das ist kaum vorstellbar. Wenn das Jugendamt auf einmal vor meiner Tür stünde, um mir meine Kinder wegzunehmen, ginge es mir genauso wie den Kaminskis. Ich hätte keine Ahnung, wen ich zuerst anrufen müsste. Das eigentlich Schlimme aber ist, dass das Jugendamt diese ganze Misere verbrochen hat. Eine Institution, die eigentlich helfen sollte.

In dem Film geht es auch um menschliches Versagen. Um den verletzten Stolz der Erziehungshelferin, um die offenbare Geldgier der Familienvermittlungsstelle, die für jedes untergebrachte Kind gut kassiert …

Der Film will keinen eindeutigen Buhmann benennen. In dieser Gratwanderung bestand auch die Schwierigkeit beim Dreh. Einerseits versteht man, dass das Jugendamt in die Familienverhältnisse eingreifen musste, um eine gesunde geistige Entwick-lung Lonas zu garantieren. Aber andererseits wird deutlich, dass sie nicht einfach von den Eltern hätte getrennt werden dürfen, dass es eine andere Lösung gegeben hätte. Das wirkliche Problem sind inkompetente Menschen.


Wann dürfte das Jugendamt Ihrer Meinung nach das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, beschneiden?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Grundsätzlich bin ich dagegen, dass überhaupt eingegriffen wird. Zumindest nicht mit so rigiden Mitteln. Es gibt ja Familien, in denen Förderprogramme wirklich funktionieren. Da arbeiten die Erziehungshelfer mit den Eltern zusammen, teilweise entstehen richtige Freundschaften, das ist das Ideal. Natürlich ist es sinnvoll, die Kinder geistig unterentwickelter Eltern zu fördern und ihnen bessere Chancen zu bieten. Vielleicht kann das manchmal sogar schon die Schule leisten. Aber unsere Schulen sind ja auch so katastrophal.


Also keine „neue Beelterung“, wie es im Fachjargon heißt, sondern lieber Erziehungshilfe?

Neue Eltern, das ist für mich absolut indiskutabel. Egal, wie dumm die Eltern sind, man kann ihnen nicht einfach die Kinder wegnehmen.


Dieser Film basiert auf einem authentischen Fall. Wie nah ist der Film an der Wahrheit?

So nah wie möglich. Nur dass es in dem wahren Fall zwei Kinder waren und die sogar in zwei verschiedene Familien gesteckt wurden. Kinder erst von den Eltern zu trennen und dann auseinander zu zerren, wer macht so etwas? Das zeugt von mehr Dummheit als ein niedriger IQ.


Haben Sie die Familie vor Drehbeginn kennen lernen und mit ihr sprechen können?

Nein, das wollten wir nicht. Als wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten, war die Familie gerade wieder zusammengeführt worden. Das war fünf Jahre nach der Trennung, auch das muss man sich einmal vor Augen führen. Die ältere Tochter war inzwischen zwölf Jahre alt.


Will der Film aufklären?

Ich denke schon. Was ich wirklich schlimm finde, ist, dass sich nichts geändert hat, nachdem diese Familie durch die gesamte deutsche Gerichtsbarkeit gegangen ist. Die Probleme, die sie hatten, gibt es nach wie vor, es spricht nur niemand darüber. Und im Jugendamt laufen noch immer dieselben inkompetenten Menschen herum. Ich würde mich wirklich freuen, wenn der Film etwas bewirken könnte.

Das Gespräch führte Corinna Daus

Erstellt: 08-07-05
Letzte Änderung: 08-07-05