Am 2. April 1928, knapp zwei Wochen nach der Moskauer Uraufführung und nach Meisels Rückkehr, ist die Berliner Premiere. Mit 70 Musikern ist wiederum ein großes Orchester engagiert. Es paßt zum unglücklichen Verlauf dieser Arbeit, daß die Prometheus erst nach einigem Antichambrieren sich für den Tauentzienpalast als Uraufführungstheater entscheidet und dadurch nun auch noch die Probenarbeit verzögert wird. Das gesellschaftliche Berlin erwartet nach dem Panzerkreuzer Potemkin einen erneuten Nervenkitzel und sieht sich jetzt einem Film gegenüber, der nicht auf das Pathos der Gefühle, sondern auf den Intellekt setzt. Dermaßen irritiert, wird Eisenstein von der Kritik zum Hofberichterstatter der Revolution degradiert; im gleichen Stil wird die Musik gleich miterledigt.
Werner Sudendorf, Revolte im Orchestergraben. Zur Biografie Edmund Meisels,
In: Kinematograph Nr.1, Der Stummfilmmusiker Edmund Meisel, 1984, Frankfurt am Main, S.14-15
Rekonstruktion der Musik
Die Meisel-Musik ist in Gestalt der Klavierdirektion und unvollständiger Orchesterstimmen im Russischen Staatsarchiv für Kunst und Literatur überliefert. Dieses Archivmaterial bildete die Grundlage der Rekonstruktion, mit der die ZDF/ARTE-Filmredaktion den Mainzer Komponisten Bernd Thewes (*1957) beauftragt hat. Über ein Jahr arbeitete Bernd Thewes an einer schlüssigen Synchroneinrichtung des Musikmaterials zur sowjetrussischen Fassung des Films und deren Instrumentierung aufgrund der im Klavierauszug enthaltenen Angaben.
Dies ist der zweite Anlauf zu einer Rekonstruktion von einer der meist diskutierten deutschen Filmmusiken der 1920-er Jahre, nachdem es in England Ende der 1970er Jahre einen ersten Anlauf für eine Rekonstruktion gegeben hat, unternommen von dem Musiker David Kershaw (Universität York), der sich bei seiner Arbeit vor allem auf die Orchesterstimmen im British Film Institute stützte und erst zu spät Zugang zum Klavierauszug hatte, den er dementsprechend kaum berücksichtigen konnte.






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