Mit zahlreichen Rückblicken auf die Kurzfilm-Highlights der letzten Jahrzehnte feierten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen dieses Jahr ihr 50. Jubiläum. Seit 1999 wird in Oberhausen mit dem MuVi-Award für das beste deutsche Musikvideo auch der weltweit einzige Festival-Musikvideopreis verliehen. Wechselnde Jurys prämieren hier künstlerisch herausragende Clips aus Deutschland, die Vorauswahl wird in Oberhausen getroffen. Der Autor und Musikkritiker Olaf Karnik stellt die interessantesten Clips aus dem diesjährigen MuVi-Wettbewerb vor.
Bei den Oberhausener MuVi-Nominierungen lässt sich eine deutliche Gegenästhetik zum aktuellen Clip-Mainstream erkennen. Verstärkt wird in schwarz-weiß gedreht; weiß, grau und blasse Farben dominieren; immer öfter unterbrechen Handlungen und Dialoge die Musik. Der Einfluss der bildenden Kunst sowie der Filmkunst sind deutlich erkennbar und das enge Korsett des Musikvideos wird oft gesprengt. Nur wenige dieser Clips wird man wohl je im Musikfernsehen zu sehen bekommen, wo fast nur noch nackte Haut und phallische Gitarren das Geschehen bestimmen.
Bei der Clip-Produktion wird ja prinzipiell im Nachhinein das Bild auf die Musik gepappt – nicht hier. Durch Thomas Köners Personalunion als Musikproduzent und Regisseur sind beide Ebenen wechselseitig verschränkt. Wir hören und sehen Kälte. Großartig, wie einzelne Bilder von vereisten Straßen und verschneiten Wegen unmerklich immer weiter ineinander morphen, bis sich die Kartographie einer Landschaft ergibt und der Eindruck einer Reise ohne Bewegung entsteht. Mit über 12 Minuten ist „Banlieu du vide“ auch der längste Clip des MuVi-Programms.In Corine Stübis „Working Girl“ ist alles schön in unschuldiges Weiß getaucht, und doch macht sich eine gespenstische Atmosphäre breit. Die Bilder spielen moderne Frauenrollen durch: Kunstkonsumentin, Sekretärin, GoGo-Tänzerin, Pop-Sängerin, Friseurin, Lehrerin, Mutter, Ärztin, Putzfrau, Fleischerin, Masturbatorin, Krankenschwester. Lauter automatisierte Gesten und mechanisierte Bewegungsabläufe, und die Galerie ist ein Eisblock. Wenn man so will, hat man hier eine böswillig-provokante Fortsetzung von Antonionis „Identifikation einer Frau“.
Mit ihrem Musikvideo „Why“ für Donna Regina haben die Kölner Filmemacher Graw Böckler schon einmal den MuVi-Preis gewonnen. Ihr neuer Clip „Mugen Kyuukou (How To Believe In Jesus)“ gehört auch 2004 zu den Höhepunkten des Programms. Tujiko Norikos Elektro-Ballade erfährt durch die Visualisierung eine ungemeine Aufwertung : eine hell erleuchtete Jesus-Statue wird durch den Kakao der Post Production-Effekte gezogen. Schönheit ist das Scheinen der Idee – das wusste schon Hegel.
Nicht alle Musikvideos im MuVi-Wettbewerb sind avantgardistisch oder formatsprengend. Dass man auch innerhalb der Konvention Unterhaltung mit inhaltlichen Aussagen verbinden kann, sieht man bei den Clips der „Ärzte“ oder „Chicks On Speed“. Norbert Heitkers 60er Jahre-Schwarzweiß-Fernsehshow-Satire samt „Dalli-Dalli“-Zitat und „Bildstörung“ kennt man ausnahmsweise auch aus dem Kontext real existierender Clipkanal-Tristesse.„Das sind Dinge, von denen ich gar nichts wissen will“ wird so mancher gerne mit den“ Ärzten“ einstimmen, die sowieso fast immer außerordentliche Filmchen für sich werben lassen. Auch bei “Wordy Rappinghood” von den „Chicks On Speed“ wird heftig aus der Popgeschichte zitiert: auf selbstgemachten Kostümen finden sich Botschaften aus der New Wave-Ära oder D.A. Pennebakers berühmter Musikfilm von 1967, in dem Bob Dylan zahlreiche Plakate mit Songtext-Fragmenten fallen lässt. Der Chicks On Speed-typische Overkill der Zeichen und Zitate wird von Regisseurin Deborah Schamoni bestens in Szene gesetzt.
Mit knapp 10 Minuten hat auch „Die Zeit heilt alle Wunder“ von Cornelia Cornelsen und Florian Giefer Überlänge. Auf den ersten Blick ist dies nur ein gelegentlich mit Musik der Gruppe Wir sind Helden unterlegtes Portrait eines Berliner Rentner-Ehepaars. Doch Text und Musik fungieren als Stichwortgeber für die Akteure und strukturieren den Ablauf der Szenen – die Rentner singen mit, tanzen zur Musik und reagieren auf die Aussagen des Songs. Und ganz im Gegensatz zur Melancholie der Musik entfaltet sich hier ein absolut lebensbejahendes Szenario: es wird geulkt, geliebt, gemacht und getan, posiert, reflektiert und über die Stränge geschlagen – so kommt Pop in den Alltag.







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