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Literatur aus Frankreich - 04/01/11

Momentaufnahmen

Momentaufnahmen ist ein schmaler, unvollendet gebliebener Band aus kleinen, nebeneinander montierten Erinnerungsfetzen. Es zeichnet den von Brüchen bestimmten Lebensweg aller Juden im Exil nach, ein Weg der Irrungen, mit auslaufenden Schiffen, fahrenden Zügen und langen Märschen mit dem Koffer in der Hand als Wegmarken. Doch das besondere am Exil des Stéphane Mosès ist, dass es ihn nicht nach Paris, London oder Hollywood führt, sondern an die Tore der Wüste.



Beim Öffnen des Buches glaubt man, ein privates Erinnerungsalbum aufzuschlagen: Berlin 1936, Amsterdam 1937, Casablanca 1938, Paris 1953. Daten und Orte folgen aufeinander wie eine Fotoserie aus Kindheit und Jugend. Stefan Moses ist drei Jahre alt. Er liegt in seinem Kinderbett. Seine Tante beugt sich über ihn, um sich zu verabschieden. Noch weiß er nicht, dass sie sich auf den Weg ins Exil macht, ein Weg, den er drei Jahre später selbst beschreiten wird. Sieben ist er, als er in Marokko ankommt. Hitze, Fliegenschwärme. Der erste Tag in der französischen Schule: „Die Lehrerin sagt etwas, was ich nicht verstehe; alle setzen sich, ich bleibe stehen.“ In der Schule liest der die Märchen der Comtesse de Ségur auf Französisch, zu Hause die der Brüder Grimm auf Deutsch. 1939, er ist acht, gerade hat Frankreich Deutschland den Krieg erklärt. Mit seiner Mutter, der Großmutter und dem Bruder schläft er auf einer Matratze im Frauengefängnis von Casablanca: er ist nun ein „feindlicher Ausländer.“

Mit zehn entdeckt er Heine, Goethe und Colette in den Büchern, die seine Eltern retten konnten, als sie Deutschland verließen. 1942: das Vichy-Regime im besiegten Frankreich verschärft die Bestimmungen zum Umgang mit Juden, Stefan folgt den Eltern auf einem sandigen Weg, der ins Lager von Sidi-el-Ayachi führt. Sie werden wegen ihrer jüdischen Herkunft interniert. Mit 18 dann: Halleluja! Stefan Moses heißt von nun an Stéphane Mosès, er ist Franzose. Mit 19 dann steht die Abreise zum Studium nach Frankreich bevor. Er schaut den Jungen und Mädchen seines Alters zu, wie sie mit ihren Fahrrädern um den Rond-Point d’Europe in Casablanca fahren: er fühlt sich unwiderruflich ausgeschlossen.
Stéphane Mosès wurde 1931 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren. 1936 floh er mit der Familie aus Deutschland, zuerst nach Marokko, nach dem Krieg ließ er sich in Paris nieder, 1969 wanderte er dann nach Israel aus.

Dieser große jüdische Denker und unermüdliche Brückenbauer zur deutschen Philosophie und Literatur veröffentlichte unter anderem
Der Engel der Geschichte. Franz Rosenzweig - Walter Benjamin - Gershom Scholem, aber auch zahlreiche Kommentare zum Werk von Franz Kafka, Manès Sperber und Paul Celan. Stephane Mosès starb 2007

Internierungscamp neben Berberstämmen

Dennoch ist Momentaufnahmen mehr als nur ein Buch mit persönlichen Erinnerungen. In seiner zeitlichen und räumlichen Fragmentierung zeichnet es den von Brüchen bestimmten Lebensweg aller Juden im Exil nach, ein Weg der Irrungen, mit auslaufenden Schiffen, fahrenden Zügen und langen Märschen mit dem Koffer in der Hand als Wegmarken. Doch das besondere am Exil des Stéphane Mosès ist, dass es ihn nicht nach Paris, London oder Hollywood führt, sondern an die Tore der Wüste. Frühling 1940, Marrakesch, sieben Uhr morgens, Platz Djema el-Fnah: „Die Luft ist kühl, das Morgenlicht unglaublich transparent. Die ersten Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker und Märchenerzähler nehmen ihre vorbestimmten Plätze ein.“ Ein scharfes Licht, das Licht der wiedergefundenen Kindheit, scheint aus der Nacht der Geschichte und des Vergessens auf in jeder einzelnen dieser Momentaufnahmen. Hierin liegt die Stärke und auch die Schönheit dieses allegorisch anmutenden Buches.

April 1942, Stefan lebt mit seiner Familie in Sidi-el-Ayachi in weißgekalkten Baracken mit anderen Juden aus Deutschland, Österreich, Polen und mehreren Gruppen spanischer Republikaner. Das Lager liegt aber unweit der Mündung eines schlammigen Flusses, wo Berberstämme leben. Diese anderen Nomaden, „gehüllt in Burnusse aus weißer Wolle”, veranstalten jeden Sommer einen großen Wettkampf. Entlang des Ufers feuern sie „aus ihren reich verzierten Gewehren donnernde Salven in den Himmel”.

Geschichte als Offenbarung

Stéphane Mosès, der ein ausgewiesener Kenner des Werkes von Walter Benjamin war, hat in seinen philosophischen Kommentaren gezeigt, wie sehr die Geschichte als lineare, bruchlose Erzählung ein Konstrukt, ein künstliches Gebilde ist. Und so konnte er sich natürlich beim Erzählen seiner eigenen Geschichte nicht mit einer chronologischen Aneinanderreihung seiner Erinnerungen zufrieden geben. Geschichte, insbesondere wenn sie die Geschichte eines ewigen Exils ist, kann nicht geschrieben, sie muss offenbart werden in eben diesen Momentaufnahmen, „wo das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt“ (Walter Benjamin). Deswegen beschreibt das Buch von Stéphane Mosès die Erinnerungen auch nicht eigentlich, es löst sie vielmehr aus im Gedächtnis desjenigen, der es liest. Geschrieben in einer einfachen Sprache, die nicht viele Worte macht, lässt es in manchen Passagen an die chiffrierten Texte eines Franz Kafka denken. Geräusche, Gesten, Blicke sagen mehr als das Gezeigte. Und manch winziges Detail bekommt bisweilen eine ganz eigene Bedeutung und Wichtigkeit, beispielsweise der französische Schlager „J’attendrai“, den der kleine Stefan mit einer spanischen Freundin zweistimmig singt.


Momentaufnahmen
Instantanés
von Stéphane Mosès
Suhrkamp Verlag Oktober 2010
ISBN-13: 978-3518421529
Zwischen den Sprachen

Momentaufnahmen ist ein Buch aus vielen kleinen Teilen, und es ist ein Text in zwei Sprachen. Stéphane Moses schrieb zuerst auf Deutsch, dann nahm er sich das Buch erneut vor, um es auf Französisch zu übersetzten und zu erweitern. Der Suhrkamp-Verlag hatte die wunderschöne Idee, diese beiden Versionen auf der gleichen Seite unterzubringen. Hier werden die kleinen Unterschiede sichtbar, die Verschiebungen zwischen beiden Fassungen, die Unmöglichkeit einer Deckungsgleichheit zwischen dem französischen und dem deutschen Text. Immerhin ist Stéphane Mosès nicht nur zwischen beiden Sprachen aufgewachsen, auch später wanderte er immer zwischen beiden Ländern und Kulturen hin- und her. Die Verwandlung des Jugendlichen in einen großen Intellektuellen im Paris der 1950er Jahre, an der Seite von Jacques Derrida und Emmanuel Levinas, zeigt das Buch, das nicht fertig wurde, nicht, ebenso wenig wie die Abreise nach Jerusalem 1969. Doch die letzte Momentaufnahme, die Mosès vor seinem Tod noch am Ende einfügte, lässt all das auf ganz eigene Weise aufscheinen: Paris, 13. Mai 1968. Mosès und Liliane demonstrieren auf der Straße, untergehakt bei ihrem Freund Paul Celan. Celan singt begeistert die Internationale. Mosès schreibt: „Was mich betrifft, so habe ich nicht den Drang mitzusingen. Ein Jahr zuvor, während des Sechstagekrieges, hatte diese Hymne sämtlichen Gegnern Israels als Erkennungssignal gedient. Celan bemerkte unser Schweigen nicht”.

Eine Rezension von Christine Lecerf

Erstellt: 18-02-10
Letzte Änderung: 04-01-11