Synopsis
Vivian, Lisa und Tanja sind Models. Sie sind auch Freundinnen, gehen zusammen aus und tauschen ihre Klamotten. Bei Flecken auf verliehenen Kleidern, Drogen und Typen, die die andere gut findet – da hört die Freundschaft auf. Castings, Kotzen und Drogen gehören zum Alltag der drei blonden Mädels aus Wien.
- Der Kommentar zum Film
Die Stärke der Dokumentarfilme Ulrich Seidls besteht darin, dass Seidl extrem gut castet. Er denkt sich ein Setting aus, und seine Leiendarsteller haben nun eigentlich nicht viel mehr zu tun, als sie selbst zu sein. Klingt einfach? Ist es natürlich nicht, nicht einmal für den Filmemacher selbst, der mit seinen letzten Filmen, allen voran Tierische Liebe (1995) eine gewisse Perfektion in seiner speziellen Regiemethode entwickelt hat. Doch über Models sagt er: „Nie zuvor war es für mich wahrscheinlich so schwierig, Regie zu führen wie bei diesem Film. Erstens: Weil Models nicht daran gewöhnt sind, dass man sich für ihre menschliche Seite interessiert. Zweitens: Weil Models gewohnt sind, schlecht behandelt zu werden. Und drittens hatte ich es mit Menschen zu tun, die gewohnt sind, ihren Arbeitseinsatz ausschließlich über Geld zu motivieren. Aber Geld konnte nicht die Basis einer fruchtbaren Zusammenarbeit sein für einen Film, wie ich ihn verstehe.“
Trotz all dieser Schwierigkeiten liess sich Seidl zum Glück nicht abschrecken, und entstanden ist ein Film, der zu seinen Besten zählt. Der inszenatorische Trick, die Models in den imaginären Spiegel blicken zu lassen – der durch die Kamera ersetzt wurde – funktioniert sehr gut. Vivian, Lisa und Tanja sehen uns direkt an, denn der Spiegel ist ihr Verbündeter. Er ist die einzige Instanz, der das Trio grenzenlos vertraut.
Der Zuschauer folgt der Selbstinszenierung der Hauptdarstellerinnen durch ihren gnadenlosen Alltag. Ein Casting jagt das Nächste, ein Fotoshooting, schneller Sex mit einem Fotografen, der gut für die Karriere sein könnte, Fressen und anschließendes Erbrechen auf dem Klo und Clubbesuche mit ausgiebigem Kokainkonsum sind an der Tagesordnung. Seidls Kamera folgt den Models hautnah – überallhin.
Vivian Bartsch ist das Model, das am meisten Eindruck beim Zuschauer hinterlässt. Sie bekommt für ihre unglaublichen und dennoch alltäglichen Geschichten auch den meisten Platz im Film eingeräumt. Einmal fragt sie einen Fotografen, wohin sie ihren Kaugummi tun soll, den sie im Mund vergessen hat. „Spuck ihn zu mir“ meint er lässig. „Wirklich?“ fragt sie etwas verunsichert. „Ja, spuck ihn zu mir,“ sagt er noch mal ermunternd, und sie tut es – kichernd.
Es verwundert wenig, wenn sie später im Film noch ganz andere Dinge tun wird, um an ihrer Karriere zu basteln. Ein „Stern“-Fotograf betitelt sie: „Du arschgeficktes Weihnachtsmännchen. Zieh Dich aus. Ich will sehen, was Du hast.“ Vivian zieht sich brav aus, aber devot ist sie dabei nie. Denn sie ist schlagfertig und hat ein lockeres Mundwerk („Ist er so klein, oder ist es schon wieder vorbei?“). Außerdem hat sie ihre ganz persönliche Methode, um mit ihrem Alltag klar zu kommen: Vivian geht in den Wald, zieht sich nackt aus und schreit – „volle Pulle“. Und sie hat es geschafft: Knapp sechs Jahre nach den Dreharbeiten von Models hat sich Vivian Bartsch als gefragte Schauspielerin etabliert.
Nana A.T. Rebhan
- Interview mit Vivane Bartsch zum DVD Start Models
Nana A.T. Rebhan (N.R.): Wie hat Dich Ulrich Seidl ausgewählt aus über hundert Bewerberinnen für die Rolle des Models?
Viviane Bartsch (V.B.): Ich bin gar nicht zu dem Casting gegangen. Die Casterin Eva Roth hat mich angerufen, und ich habe erst einmal abgesagt, weil ich noch am Anfang meiner Schauspielausbildung war. Ich habe sie dann aber doch getroffen, und wir mochten uns gegenseitig sofort. Sie hat Seidl gesagt: „Ich glaube, ich habe die Richtige gefunden.“ Woraufhin Seidl und die Casterin mich besuchten und wir stundenlang geredet haben. Mehr oder weniger wurde ich genötigt, die Rolle anzunehmen (lacht).N.R.: Kanntest Du denn Seidls Filme da bereits?
V.B.: Nein. Aber als er mir die Rolle gab, bat er mich darum seine Filme nicht anzusehen. Er wollte, dass ich völlig unvoreingenommen mit ihm drehe. Meine Eltern haben gesagt: „Was, Du drehst mit dem Seidl?“ Es war sehr hart, nicht in eine Videothek zu gehen, und mir einen Film auszuleihen. Aber es war eben eine Vertrauenssache.
N.R.: Wie war denn die Arbeit mit Ihm?
V.B.: Sehr intensiv. Er recherchiert sehr gründlich und probt dann auch sehr lange mit den Schauspielern. Beim Dreh werden aber letztendlich alle Dialoge improvisiert. Das macht mir großen Spaß.
N.R.: Wie lange habt Ihr gedreht?
V.B.: Fast ein dreiviertel Jahr, unglaublich lang. Und es gibt Unmengen von Material. Bei Seidl funktioniert es so, dass er sehr viel Geld ins Material steckt.
N.R.: Hast Du denn selbst vor dem Film gemodelt?
V.B.: Ich habe Werbespots gedreht für Coca-Cola und so, aber richtig gemodelt habe ich nie. Da bin ich ja auch eigentlich nicht so der Typ für.
N.R.: Wie kam der Film beim Publikum an?
V.B.: In Österreich wurde er total verrissen. Die Kritiker haben kein gutes Haar an ihm gelassen. Weder an der Regie noch an den Darstellern. In Deutschland dagegen kam er sehr gut an. Ich selbst finde ihn einen sehr ästhetischen Film. Und der Seidl ist der Seidl – es gibt niemanden, der ähnliche Filme wie er macht. Da würde er sich aber jetzt freuen, wenn er das hören würde... David Lynch ist David Lynch – Seidl ist Seidl. Er macht spezielle Bilder, Einstellungen, Sequenzen – anders kann ich das nicht erklären.
N.R.: Einige Szenen gehen ja ziemlich weit – wie war das für Dich?
V.B.: Ja? Ich weiß nicht. Ich habe mittlerweile viel schrägere Sachen gemacht, die mir persönlich viel näher gegangen sind als der Dreh zu MODELS. Mittlerweile sind für mich Szenen, in denen ich weinen muss viel schlimmer, viel intimer, als die Szenen, die ich in Models gedreht habe. Aber damals war es für mich harte Arbeit.
N.R.: Wie ist es, eine Abfolge von Szenen mit Koksen, Kotzen und Sex zu spielen?
V.B.: Das kann man nicht spielen, da muss man sich reinsteigern. Es heißt ja auch method acting –man muss sich mit der Rolle identifizieren, um sie zu spielen. Für MODELS haben wir sehr lange gedreht, und ich bin dann immer auch die Figur, die ich spiele. Einmal ging das dann so weit, dass ich da stand und sagte: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Ich steigere mich sehr hinein in meine Rollen. Ich verstehe mittlerweile auch, wenn Schauspieler an Drogen oder Selbstmord gestorben sind. Übrigens finde ich die Szenen besser, in der es der Viviane im Film richtig dreckig geht, die sind mir am Besten gelungen.
N.R.: Eine Szene hat mir mit am besten gefallen - Du bewirbst Dich um ein Fotoshooting mit einem Fotografen, und er gibt Dir die unglaublichsten Namen, etwa „Du arschgeficktes Weihnachtsmännchen“.
V.B.: O ja, diese Szene war toll. Wir haben alles improvisiert, und ich wusste, dass ich den Baumann – so heißt der Fotograf - irgendwie provozieren und mit ihm spielen muss. Es war aber sehr gefährlich, denn er ist sehr handgreiflich geworden, wie man es auch in der Szene sehen kann. Einmal bin ich deshalb sogar aus dem Bild gelaufen...
N.R.: War denn nicht abgesprochen, wie weit der Fotograf in der Szenen gehen darf?
V.B.: Nein. Er konnte machen, was er wollte. Ich darf gar nicht erzählen, was da alles passiert ist. Da müsste mir ARTE viel Geld zahlen, damit ich das erzähle. (lacht)
N.R.: Du steigst da nicht mal so aus einer Szene, wenn es Dir zuviel wird?
V.B.: Nein, das mach ich nicht. Ich bleibe bis zum Ende in der Szene.
N.R.: Wer ist eigentlich dieser Fotograf Baumann?
V.B.: Der Baumann ist ein sehr berühmter Fotograf, der weltweit für den PLAYBOY, den STERN und andere Magazine fotografiert. Er ist kein böser Mensch, aber während des Drehs hat er mich fast in den Wahnsinn getrieben.
N.R.: Seidl hat Baumann nie gestoppt, wenn der zu weit gegangen ist?
V.B.: Nein, das konnte er nicht tun. Nehmen wir an, dass der Film großartig ist. Dann hat das auch damit zu tun, dass jeder dabei über seine Grenzen gegangen ist. Ich verstehe dass der Seidl nicht „stopp“ sagt, wenn er sich denkt, „da kann man gar nicht hinsehen, aber das ist so großartig, das muss die ganze Welt sehen“. Würdest Du dann „stopp“ sagen?
N.R.: Aber hinterlässt so eine Arbeitsweise nicht Schäden beim Schauspieler?
V.B.: Natürlich nimmt man als Schauspieler einen gewissen Schaden davon. Mit meiner jetzigen Erfahrung wäre der Film aber garantiert noch brutaler. Ich würde heute noch offener sein, noch weiter gehen. Damals war da trotzdem noch ein Schutzschild da. Es war ja mein erster Film, ich hatte keine Ahnung. Ich würde sehr gerne mal wieder mit Seidl drehen, unser intensives Arbeitsverhältnis aus Hass und Liebe hat mich sehr inspiriert. Manche aus dem Team sagten sogar: „Gib ihnen Waffen, sie werden aufeinander losgehen, und es bleibt nichts mehr übrig.“
Das Interview führte Nana A.T. Rebhan, Berlin, März 2005
- Models
Buch und Regie: Ulrich Seidl
Mit Vivian Bartsch, Lisa Grossmann, Tanja Petrovsky
- Ausstattung
Bildformat: 1.85:1 (Letterboxed)
Untertitel: Deutsch, Extras: Trailer
EAN: 4042564012590
Artikel Nummer: 6401259
FSK: 12 Jahre






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