Mit seinem neuen Film „Le Promeneur du Champ de Mars“ lässt Robert Guédiguian seine geliebte Provence hinter sich und dreht im Alter von 51 Jahren einen Spielfilm über François Mitterrand. Vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen der frei erfundenen Person des jungen Antoine Moreau und dem französischen Staatspräsidenten behandelt der Film den Abstieg des Politikers.ARTE: Welches sind die besonderen Motive, wegen derer Sie mit diesem Film aus dem Rahmen ausscheren, den wir sonst bei Ihnen gewöhnt sind?
Robert Guédiguian: Schon seit mehreren Jahren habe ich darüber nachgedacht, einmal an einem anderen Schauplatz zu arbeiten. Zwölf Filme habe ich in Marseille, in der Umgebung der Stadt und um dieses Thema herum gemacht – mit immer denselben Darstellern. Das heißt, an einem Schauplatz, der in der Wirklichkeit liegt und der sich daher auch ständig weiterentwickelt und verändert. Und auch die Darsteller sind ständig in Bewegung – schließlich sind seit dem ersten dieser Filme inzwischen zwanzig Jahre vergangen. Melodramen, Tragödien und Komödien habe ich dort gedreht. Vor einer solchen Kulisse und mit einer solchen Truppe brauchte ich mir nicht die Sorge zu machen, meine Ausdrucksmöglichkeiten könnten irgendwann und irgendwo an Grenzen stoßen.
Um mich dennoch einmal anders zu orientieren, musste die Anregung schon von außen kommen – und auf etwas ganz Außergewöhnliches hinauslaufen. Auf etwas Fremdes, Fremdartiges, vielleicht auch auf etwas Überraschendes im Sinne eines haarigen, eines gefährlichen Projekts. Denn um etwas Ähnliches zu machen wie meine bisherigen Arbeiten, hätte der Aufwand sich nicht gelohnt.
Eine solche Anregung kam schließlich von meinem alten Freund Frank Le Wita. Der erste Film, den wir zusammen geschrieben, gedreht und produziert haben, der Streifen „Dernier été“, ist übrigens 1981 in Cannes gelaufen. Wenige Tage vor der Wahl von Mitterrand sind wir zusammen zur Bastille gefahren. Das war die Zeit, als wir beide engagierte Kommunisten waren. Der Vorschlag kam also von ihm, und ich erkannte auf den ersten Blick, dass es ein ganz außergewöhnliches Projekt werden sollte. Die Figur Mitterrand – das bedeutete einen Film über einen Mann der Geschichte zu machen, der allerdings noch gar nicht so lange zur Vergangenheit gehörte. Wir reden hier ja nicht über Ludwig XI.
Ihr Film beruht auf dem Buch „Le Dernier Mitterrand“ von Georges-Marc Benamou, dessen Erscheinen einen Skandal auslöste. Haben Sie das Buch seinerzeit gelesen ?
Nein. Frank hat mir die Geschichte erzählt. Und er erwähnte, dass er sich die Rechte gesichert habe. Als er nach Marseille kam, um mit mir über das Projekt zu reden, da sah ich im Mittelpunkt das Verhältnis eines Mannes zu Krankheit und Tod. Ich dachte an einen Mann, der um jeden Preis Herr dieses Schicksals bleiben will, der sich nicht unterkriegen lässt und den Tod auf überlegen-höhnische Weise herausfordert: „Ich sehe Dir in die Augen – komm doch und hol’ mich“. Diese trotzig-herausfordernde Art hatte etwas, das ich mochte. Der zweite Aspekt war für mich diese Beziehung zwischen dem Meister und seinem Schüler. Wir sehen einen jungen Mann und sein betagtes Gegenüber, und die beiden führen einen Dauerdialog. Ich muss dabei an Jacques le Fataliste von Diderot denken, an all’ diese philosophischen Dialoge, ja an einen eigentlichen Dialogfilm. Aus all diesen Gründen fühlte ich mich sofort von dem Projekt angezogen, obwohl ich das Buch gar nicht gelesen hatte.
Was gab es denn für Sie Besonderes an dieser Beziehung? Was könnte ein neues Licht auf die Figur Mitterrand werfen, sie erklären helfen ?
Was ich durch dieses Verhältnis zwischen Meister und Schüler zum Ausdruck bringen wollte, das war die Botschaft, dass es jener Zeit nicht gelungen ist, sich selbst zu übertragen, ein Vermächtnis weiterzugeben. Am Ende des Films sieht man diese Szene mit Mitterrand/Bouquet und Moreau/Lespert, wo der Junge zum Alten sagt: „ …na ja gut – sozialer Friede… Aber der Traum von der Gleichheit, der bleibt jedenfalls.“ Und in der Tat verschärft der Klassenkampf sich nur, selbst wenn er sich von der nationalen Ebene auf eine weltweite Ebene verlagert. Die Konfrontation von Reichen und Armen ist ein Widerspruch, den es in dieser Schärfe nie zuvor gegeben hat. Wir werden uns heute bewusst, dass es bei der Übernahme eines Modells zu Brüchen gekommen ist. Das Alternativmodell eines Kollektivbesitzes an den Produktionsmitteln, nach dem wir eineinhalb Jahrhunderte lang getickt haben, das Modell, das für die Doktrin des Sozialismus steht – dieses Modell wurde weder weitergegeben noch übernommen.
Mitterrand antwortet nicht auf die Frage von Antoine Moreau, weil er keine Antwort hat. Auch ich habe eine solche Antwort nicht. Und doch scheint es mir heute dringend notwendig, diese Frage erneut zu stellen. Wir alle müssen darüber nachdenken, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte bedeuten kann. Wir werden nicht umhin kommen, über Modalitäten für eine bessere Verteilung des Wohlstands nachzudenken. Einfach weil es mit der Welt so nicht weitergehen kann. Auf dem Champ de Mars in Paris sagt Antoine Moreau, der Klassenkampf werde mit nie erlebter Gewalt geführt werden. Ich glaube, dass er Recht hat. Ich glaube, wir erleben das schon jetzt Tag für Tag.
Gespräch: Olivier Bombarda






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