Meine Lieblingsaufnahme mit allen Mozart-Klaviersonaten ist die von Mitsuko Uchida, die Mitte der achtziger Jahre entstand. Die Japanerin ist in Wien aufgewachsen. Als Tochter eines Diplomaten kam sie mit 12 Jahren in die österreichische Hauptstadt und hat dort – unter anderem bei Wilhelm Kempff – ihr pianistisches und musikalisches Handwerk gelernt. Sie wollte, obwohl ihr Klaviertechnik brillant ist, keine strahlende Liszt/Chopin/Rachmaninow-Virtuosin werden, sondern vertiefte sich lieber in die Werke von Schubert und studierte die Komponisten der Zweiten Wiener Schule Schönberg, Berg und Webern. Aus Mitsuko Uchida wurde eine introvertierte, hoch empfindsame Pianistin. Der internationale Karrieredurchbruch gelang ihr, als sie 1982 in London einen Konzertzyklus mit allen Mozart-Klaviersonaten aufführte, den sie zwei Jahre später auch für die Schallplatte aufnahm.
Mitsuko Uchida spielt Mozart mit großer Natürlichkeit, als würde die Musik in all ihrer klavieristischen Brillanz, mit ihren überraschenden, formalen Entwicklungen und plötzlichen Stimmungswechseln überhaupt erst im Augenblick der Aufführung erdacht werden. Der Weg erscheint ganz kurz zwischen Mozarts Kopf und Uchidas Händen. Ihre Interpretationen der Japanerin sind bis in die letzte Artikulationsnuance durchdacht, aber sie haben nichts Demonstratives. Uchida versagt sich den Ehrgeiz etwas Besonderes und „Persönliches“ aus den Mozartsonaten zu machen. Sie spielt sie einfach – mit einem direkten, runden Anschlag, kontrolliertem Temperament und phänomenaler Klarheit im Ausdruck. Wie gefühlvoll sie die Temporelationen austariert! Mit welcher Geschmackssicherheit sie ornamentale Passagen laufen lässt! Wie viel Zeit sie sich für die langsamen Sätze nimmt! Das Andante cantabile con espressione der a-moll-Sonate KV 310 beispielsweise erklingt in ihrer Deutung ergreifend ruhig und innig wie ein sachtes Dahingleiten auf dem windstillen See der Traurigkeit. Und im anschließenden Presto macht sie deutlich, welche Verzweiflung Mozart in diese Sonate gelegt hat, die in Paris nach dem Tod der Mutter entstanden ist. Es gibt ein seltsames Phänomen bei allen Versuchen, ideale Mozartinterpretationen zu umschreiben: Man beginnt sofort, sie ex negativo zu benennen: Mozart darf nicht süßlich klingen und nicht trocken akademisch, nicht aufgesetzt theatralisch und nicht gesäuselt, nicht zu frei phrasiert und nicht zu starr, nicht oberflächlich und nicht bedeutungsüberladen. Wer Mozart spielt, fühlt sich umstellt von unendlich vielen Neins – und muss doch durch diese Neins hindurch einen Weg finden, der hinaus in freies, unverkrampftes selbstverständliches Musizieren führt. Das gelingt Mitsuko Uchida auf wunderbare Weise. Sie ist eine Balancekünstlerin, wie man sie sich sensibler kaum vorstellen kann.
Mitsuko Uchida, Klavier:Mozart, Wolfgang Amadeus: Klaviersonaten Nr. 1-18
+Fantasie KV 475
5 CDs (Philips 468356-2)






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