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02/07/04

Mit brennenden Worten

Interview mit Antonio Skármeta, Regisseur des Films "Mit brennender Geduld"


Antonio Skármeta über seine literarischen Schulden bei Pablo Neruda

Der 1940 geborene Autor Antonio Skármeta ist vor allem für seinen Roman „Mit brennender Geduld“ über die Freundschaft zwischen einem unglücklich verliebten Postboten und Pablo Neruda bekannt geworden. Michael Radfords Verfilmung, „Der Postmann“ (Il Postino) 1994 machte weltweit Furore. Skármeta selbst verfilmte sein Buch 1989: "Mit brennender Geduld" war seine erste Regiearbeit. Skármeta ist eng mit Deutschland verbunden. Nach der Machtübernahme der chilenischen Militärjunta lebte er bis 1989 in West-Berlin. Er schrieb Romane, Erzählungen, Hörspiele und Drehbücher. 2000 kehrte er als chilenischer Botschafter nach Berlin zurück. Heute lebt er in Santiago de Chile und widmet sich ausschließlich der Literatur. 2005 erscheint sein neues Buch über Pablo Neruda auf Deutsch.


ARTE: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Sie es Pablo Neruda verdanken, die Unschuld verloren zu haben. Kam Ihr Erfolg bei den Frauen also durch Neruda?

Antonio Skármeta: Nun ja, in gewisser Weise schon. Denn als ich jung war, war ich ständig hoffnungslos in ältere Mädchen verliebt. Aber natürlich interessierten die sich meist für gleichaltrige Jungs. Eines Tages las ich dann ein Buch mit Liebesgedichten Nerudas. Ich lernte einige von ihnen auswendig, sagte sie bei der nächsten Gelegenheit einem Mädchen auf und tat so, als wären es meine eigenen. Wunderbarerweise hatte ich mit meiner Kühnheit Erfolg. Mir war immer klar, dass ich diese „Schuld“ irgendwann begleichen müsste.

A RTE: Haben Sie deshalb „Mit brennender Geduld“ geschrieben, das ja auch eine Hommage an Neruda ist?

Antonio Skármeta: Natürlich. Geschichten, die auf eigenen Erlebnissen basieren, kann man besondere Authentizität verleihen. Und obwohl die Idee des Romans eine große Idee ist, weil es um die Poesie aus der Perspektive einfacher Menschen geht, war die persönliche Erfahrung ausschlaggebend für das Buch.

ARTE: Neruda ist eine Figur Ihres Romans. Wie nah kamen Sie ihm im wirklichen Leben?

Antonio Skármeta: Ich habe ihn etwa ein Dutzend Mal getroffen. Zum ersten Mal, als ich 26 Jahre alt war. Ich wollte ihm unbedingt mein erstes Buch zeigen. Also ging ich zu seinem Haus und überreichte es ihm mit der Bitte, er möge es lesen und beurteilen. Halb gelangweilt sagte er mir, dass er es lesen würde und dass ich in zwei Monaten wiederkommen sollte. Aber ich bin schon nach zwei Wochen wieder hingegangen ... (lacht)

ARTE: Hatten Sie keine Angst, dass er unfreundlich reagieren könnte?

Antonio Skármeta: Nein, gar nicht. Ich war ja damals so begeistert von meinem Erstlingswerk, dass ich es selbst „Die Begeisterung“ nannte. Außerdem war es ein wenig Mode, dass die jungen Schriftsteller dieser Zeit den großen Poeten um ein Urteil baten. Trotzdem war ich natürlich aufgeregt. Neruda sagte mir dann, dass er das Buch gut fand. Aber dass dies absolut nichts zu bedeuten habe, weil die ersten Bücher chilenischer Schriftsteller immer gut seien. Man müsse deshalb erst einmal das zweite abwarten ... Von da an besuchte ich ihn häufiger und wir unterhielten uns über Literatur. Oder ich erzählte ihm Klatsch über die anderen Schriftsteller. Geschichten dieser Art liebte er.

ARTE: Am Strand von Isla Negra finden sich noch heute Graffiti-Sprüche wie „Wir grüßen dich, Genosse Neruda“. Literatur und Politik – passt das zusammen?

Antonio Skármeta: Ja, das geht schon, aber nur in seltenen Fällen. Es kommt eben darauf an, dass einer Talent dafür hat. Und Neruda hatte eindeutig das Talent. Gleichzeitig erinnere ich mich an eine Wahlkampfveranstaltung in einem Vorort von Santiago vor der Präsidentenwahl 1969, auf der er eine Rede hielt. Als er fertig war, riefen die Leute so lange nach Gedichten, bis er ihnen schließlich einige vorlas. Was mich persönlich aber langweilt, ist politische Literatur mit einem ganz konkreten Auftrag.

ARTE: Was prägt einen chilenischen Schriftsteller?

Antonio Skármeta: Chilenische Schriftsteller haben einen unmittelbaren Bezug zum Leben, einem Leben, das teilweise hart, schwierig, unsicher ist. Fast alle großen chilenischen Schriftsteller stammen aus sehr einfachen Verhältnissen, viele wurden quasi in Armenhütten geboren. Neruda zum Beispiel war der Sohn eines Eisenbahnarbeiters. Das erklärt auch die Authentizität, die kommunikative Kraft seiner Poesie

ARTE: Wie werden Sie Nerudas 100. Geburtstag feiern?

Antonio Skármeta: Von den 22 Einladungen, die ich bekommen habe, musste ich zwölf absagen. An dem Geburtstag selbst werde ich in Mexiko sein, wo es in der Universität eine große Feier zu Ehren Nerudas geben wird.


Das Gespräch führte Katrin Schaumann für das ARTE Magazin


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Erstellt: 02-07-04
Letzte Änderung: 02-07-04