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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

10/08/11

Michel Portal Unit: « Châteauvallon : 23 août 1972 »

Jahrhundertaufnahmen des Jazz


Intensität und Emotionalität in der freien Improvisation
von Thomas Neuhauser

Jahrhundertaufnahmen des Jazz


Der Klarinettist und Saxophonist Michel Portal, eine heute 76-jährige vitale Ikone des frankophonen Jazz, gab mit seiner damaligen Unit am 23. August 1972 im südfranzösischen Châteauvallon ein längst nicht mehr nur in Frankreich legendäres, frei improvisiertes Konzert. Die europäische Jazz-Avantgarde, insbesondere in England, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden hatte sich damals mit ihren profiliertesten Vertretern, zu denen Portal bis heute gehört, bereits deutlich von der Protesthaltung des schwarzen Free Jazz abgegrenzt und emanzipiert, was hier gut zu hören ist.
Es muss schon eine besondere Atmosphäre gewesen sein, an diesem warmen Augustabend, denn der ursprünglich unter dem Titel „No, no but it may be“ erschienene 47-minütige Live-Mitschnitt ist ein herausragendes, aber doch eher seltenes Beispiel dafür, dass Spannung, Intensität und die Emotionalität einer wirklich freien Jazz-Improvisation, kurz die besondere Aura des Auftritts, mit auf die Aufnahme gerettet werden konnte. Und zwar so, dass man fast 40 Jahre später als aufmerksamer und konzentrierter Hörer der Platte davon noch etwas miterleben kann - auch wenn man nicht dabei gewesen ist.

Mit einer so freien und spontanen Jazz-Improvisation wie auf diesem Live-Mitschnitt der Michel Portal Unit hat sich der europäische Jazz vom Vorbild des afro-amerikanischen Free-Jazz nicht nur befreit, sondern die musikalische Ausdrucksform auch weiter entwickelt. Wenn Portal hier manchmal noch Albert Ayler seine Referenz erweist, so geht es doch nicht mehr um Unterdrückung, Ungerechtigkeit und den musikalischen Schrei nach Freiheit. Diese Musiker suchen und finden größtmögliche Freiheit ohne Aggression und Wut im spontanen, durchaus auch humorvollen Zusammenspiel – oder, wie es der am Pariser Konservatorium klassisch ausgebildete Michel Portal sagt: „Jazz bietet mir die einzige Möglichkeit, frei zu sein, zu schweben, zu träumen.“ Bei diesem Konzert von 1972 lässt uns der experimentierfreudige Portal, der übrigens auch mal im Stil von Roland Kirk zwei Saxofone oder Klarinetten gleichzeitig spielt, heute noch an seinen Träumen teilhaben.

„Live in Châteauvallon“ steht exemplarisch für die eigenständige, europäische Linie der freien Jazz-Improvisation, nicht zuletzt deshalb gehört das Konzert in die Reihe der 50 Jahrhundertaufnahmen. Durch die bewusste Einbeziehung der eigenen musikalischen Wurzeln und der Einflüsse aus Klassik, Folklore oder zeitgenössischer E-Musik wird das Free-Jazz-Etikett dieser modernen Improvisationsmusik aus Frankreich, England oder Deutschland nicht mehr gerecht, auch wenn Portal und seine Mitmusiker diese Tradition der Great Black Music manchmal noch anklingen lassen, und ihr Spiel mit zwei Kontrabassisten immer geerdet, manchmal sogar fast swingend ist.
Die Band mit Michel Portal an Saxofon, Klarinette und Bandonéon, Bernard Vitet an der Trompete und Violine, Beb Guérin und Léon Francioli an den Kontrabässen, Pierre Favre Perkussion und den gelegentlichen Vokal-Interventionen der Sängerin Tamia zeigt nicht nur die ganze Bandbreite der Musiker, sondern vermittelt selbst beim Hören nach so vielen Jahren die Entwicklungen und den Spannungsaufbau in der Live-Improvisation - und überzeugt natürlich außerdem mit Portals herausragender Meisterschaft und Kreativität an Saxofon und Bassklarinette. Davon hat Michel Portal in den letzten vier Jahrzehnten übrigens nichts eingebüßt, wie seine neuesten Aufnahmen mit Jack DeJohnette oder Claude Barthelemy zeigen.

Autor: Thomas Neuhauser
Michel Portal Unit: « Châteauvallon : 23 août 1972 »
Ina 1972 / Universal Music 2003 (LC 00699)

Erstellt: 02-08-11
Letzte Änderung: 10-08-11