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Christian Oster - 07/11/13

Mein blindes Schicksal

Ein literarischer Herbst ganz im Zeichen des Unvorhergesehenen – neue französische Romane in deutscher Übersetzung

Sicher ist es ein Zufall, aber ein glücklicher: Mein blindes Schicksal, ein leichter, verschmitzter Roman über die zahllosen Möglichkeiten, die der Zufall einem Leben bescheren kann, erscheint in Deutschland zur gleichen Zeit wie Letzte Liebe von Christian Gailly, Alle meine Freunde von Marie N’Diaye, Clara von Eric Laurrent und Ein Jahr von Jean Echenoz. Oder sollte doch mehr als nur der reine Zufall im Spiel sein? Bei den deutschen Übersetzungen französischer Romane in diesem Herbst 2006 scheinen die Autoren rund um den Verlag «Editions de Minuit», die auch in Frankreich zurzeit höchst erfolgreich sind, voll im Trend zu liegen. Für uns eine Gelegenheit, diese Gruppe, diese Welle einmal näher zu betrachten: die «Minimalisten», eine der zwei großen Tendenzen in der aktuellen französischen Literatur.

Die Story ist einfach, sehr sogar. Ein Mann und seine Partnerin Laure fahren gemeinsam mit dem Auto weg. Sie wollen ein paar Tage auf einer Insel vor der bretonischen Küste verbringen, wo ein Freund seinen fünfzigsten Geburtstag feiert. Doch auf dem Werg geschehen Dinge, die das Ganze zum Hindernislauf machen. Christian Oster genügen die ganz kleinen, völlig unbedeutenden Geschehnisse, eine Fliege, die in die Wohnung eindringt, die Ankunft der Putzfrau im Haus, eine kaputte Kupplung auf der Autobahn, der Kauf eines Handys, um den Lauf eines Lebens und den seiner Erzählung zu verändern. Alles beginnt mit einem Niesen. Laure hat sich, wie alle Frauen, denen sich dieser Mann versucht anzunähern, «verkühlt». Die Erkältung wird ganz konkret, sie beschließt, die Fahrt zu unterbrechen und sich in einem Hotel ins Bett zu legen. Unser Verführer muss seine Reise also allein fortsetzen. Er hält den Daumen in den Wind und gerät so in eine ganz andere Geschichte. Er ist bei der Geburtstagsfeier von jemandem dabei, den er nicht einmal kennt, und er findet sich im Bett einer Frau wieder, die er nicht begehrt. Dieser burleske Don Juan mit seinem ausgeprägten Talent, in flüchtige Abenteuer zu geraten, verstrickt sich dabei ebenso sehr in seinem Verlangen wie in seinen Worten. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr verliert er sich in Gedanken, die mehr und mehr zum inneren Abgleiten werden. Er selbst sieht sich voranschreiten auf dem Weg zur aktiven Selbstauslöschung. Zu seiner eigenen Überraschung kommt unser philosophierender Clown dennoch ohne allzu große Schwierigkeiten auf seiner Insel in der Bretagne an. Doch die Geburtstagsfeier des Freundes war am Tag zuvor.

Christian Oster, geboren 1949, sieht in seinem Weg zur Literatur selbst einen glücklichen Zufall. Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium an der Sorbonne und allen möglichen kleinen Jobs wird er Lektor bei verschiedenen Verlagen, ein Beruf, den er noch heute ausübt. Er sagt, zum seriösen Schreiben seier aus einer «Hemmung» heraus gekommen. Er habe gerade an seinem vierten Krimi geschrieben, als ihm, ganz zufällig, Jean Echenoz’ Cherokee untergekommen sei. Doch war es nicht eher eine Notwendigkeit? Zumindest war es ein Schock, ein Ruf, ein Aufruf, sich mit einer anderen Art Literatur zu befassen. Eine Gruppe oder Schule im eigentlichen Sinne waren sie nie, und doch haben Echenoz, Oster, Gailly, Toussaint und noch ein paar andere etwas erweckt, das heute als neue Art der literarischen Fiktion erscheint.

Weil diese Schriftsteller sich wieder für Geschichten und Figuren interessieren, für Objekte und Orte, auch weil ihr Ansatz sehr neutral, distanziert, sehr auf das kleine, intime Detail gerichtet ist, wurde diese Erneuerung lange abgetan als banale Rückbesinnung auf das klassische Erzählen oder als verspäteter Neuaufguss des Nouveau Roman. Doch die Geschichte, zumal die der Literatur, wiederholt sich nur selten. Heute sind sich Literaturkritik und –wissenschaft einig darin, all diesen Texten etwas eigenes, einzigartiges zuzugestehen: ein neuartiges Verhältnis zum Körper, zum Gefühl, auch zur Liebe, eine ganz eigene Wahrnehmung der Objekte und Räume unserer Zeit, eine ungekannte Allianz von Scham und Humor, eine ganz eigene, lakonisch-burleske Weise, in ihrer Zeit und doch in ihr verrückt zu sein.

Kein Wunder also, dass die Hauptfigur in Christian Osters zehntem Roman orientierungslos und reserviert auftritt, dass sie ständig ein neues Gleichgewicht improvisiert in einem zerbröselndem Raum, einer zersplitterten Zeit, kein Wunder, dass sie zwar letztlich ans Ziel ihrer Irrfahrt gelangt, aber eben einen Tag zu spät. Dass der Held auf all seine falschen Fragen nie eine richtige Antwort bekommt, ist dann regelrecht herzerfrischend. Und so findet er, als er auf der letzten Seite des Buches aufgefordert wird zu sagen, wer er ist, diese Frage denn auch gänzlich abwegig. Das wäre nun wirklich eine ganz andere Geschichte, und keine lustige diesmal, eine Geschichte, die er nicht einmal dann erzählen könnte, wenn er es wollte.

Eine Rezension von Christine Lecerf


Erstellt: 06-09-06
Letzte Änderung: 07-11-13