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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Medeski, Martin & Wood: The Dropper

Blue Note 7243 5 22841 22


SUBLIMIERTER ROCKJAZZ: Medeski, Martin & Wood
von Reinhard Kager

Jahrhundertaufnahmen des Jazz

Eine Hammondorgel, ein E-Bass und ein Drum Set: das Instrumentarium, auf dem einst auch schon Emerson, Lake & Palmer gespielt hatten. Doch das Trio, von dem hier die Rede ist, wird nicht der Rockmusik, sondern dem Jazz zugerechnet. Nicht ohne Grund. Denn die drei Amerikaner Medeski, Martin & Wood knüpfen an die heroische Phase des „Electric Jazz“ der siebziger Jahre an, wenngleich mit etwas anderen Mitteln.

Keyboarder John Medeski spielt zwar die Hammondorgel mit ihrem spezifisch schäbigen Sound, Chris Wood den harten Elektro-Bass und Schlagzeuger Billy Martin das knallige Drum Set der Rockmusik. Doch die einstige Kampfstimmung um die in den 1970er-Jahren noch unerhörte Erweiterung des Jazz durch die Rhythmik des Rock ist einem gelassenen Blick auf die spannendste Zeit der Popularkultur gewichen. Geprägt von einem Hauch von Nostalgie, aber auch von einem gehörigen Schuss von Ironie. Indem Medeski, Martin & Wood die damaligen Errungenschaften des Rockjazz durch zeitgenössische Noise-Techniken aus Punk und Heavy Metal ergänzen, bewahren sie sich trotz des alten Instrumentariums einen aufmüpfigen Impetus. Wie auf ihrer im Jahr 2000 erschienenen CD „The Dropper“.
Es ist ein Spiel mit altbekannten Versatzstücken der Rockmusik, das Medeski, Martin & Wood immer wieder mit viel Geschick treiben. Die vertrauten Elemente des Rockjazz sind nicht nur im Sound, sondern auch in den kompositorischen Formen des Trios überdeutlich zu erkennen. Anders als in den Ur-Versuchen des Rockjazz, wie sie Miles Davis, Joe Zawinul, Herbie Hancock oder John McLaughlin betrieben hatten, steht bei Medeski, Martin & Wood jedoch der spielerische Umgang mit diesen Elementen im Vordergrund. Wie selbstverständ-lich werden – in den siebziger Jahren noch verpönte – Geräuschtechniken eingesetzt, mit denen die alten Rockjazzsounds gleichsam übermalt werden. Zum Beispiel auf dem trashigen Track „Tsukemono“, bei dem das Trio auch den Geiger Charlie Burnham integriert.

Die Einladung von Gästen ist übrigens zu einem der Markenzeichen der drei amerikanischen Musiker geworden. 1992 zunächst unter dem Titel „Coltrane's Wig“, also „Coltra-nes Perücke“, gegründet, spielten Medeski, Martin & Wood bereits 1998 auf dem Album „A Gogo“ erstmals mit dem Gitarristen John Scofield. 2006 gingen die vier Musiker unter dem Titel Medeski, Scofield, Martin & Wood erneut auf eine Welttournee. „The Dropper“ ist hingegen mit zahlreichen anderen Gästen bestückt: Neben Charlie Burnham sind dies der Altsaxophonist Marshall Allen, der Conga-Spieler Eddie Bobé und vor allem der Gitarrist Marc Ribot. Mit Ribot integrierten Medeski, Martin & Wood einen Gleichgesinnten, der ebenso souverän mit den Versatzstücken aus der Rock- und Jazzgeschichte spielt. Und so entstand auf „The Dropper“ eine Art sublimierter Rockjazz, gleichsam von einer Meta-Ebene aus betrachtet und auf lustvoll-spielerische Weise wiederbelebt.
Text: Reinhard Kager
Medeski, Martin & Wood:
„The Dropper“ (2000)
Blue Note 7243 5 22841 22

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08