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19/05/04

Mean Creek

von Jacob Aaron Estes
(USA, 2004, 89 Min.).
mit Rory Culkin, Carly Schroeder, Trevor Morgan, Ryan Kelley, Scott Mechlowicz, Josh Peck

Quinzaine des Réalisateurs
 
Synopsis: Sam erträgt die ständigen Prügeleien seines Schulkameraden George nicht mehr und vertraut sich deshalb seinem großen Bruder Rocky an. Gemeinsam schmieden sie einen Racheplan und laden George zu einer vermeintlichen Geburtstagsfeier mit Bootsfahrt ein. Rocky Freunde Clyde und Marty sind ebenso mit von der Partie wie Millie, Sams Freundin. Sie alle wollen George seine Gewalttätigkeiten heimzahlen. Der Tag vergeht wie in einem Traum, und doch schnappt die Falle zu. Die Freunde sehen George in einem ganz neuen Licht und erkennen in ihm einen armen Kerl, der mit sich selbst nicht im Reinen ist. So gerät alles in Schleudern und es kommt zum Äußersten...

Kritik:
Eine friedliche Kleinstadt mitten im amerikanischen Staat Oregon. In der Schule wird der schüchterne Sam immer wieder vom Oberunruhestifter verprügelt. Es ist der dicke George, den keiner leiden kann, was jedoch auf Gegenseitigkeit beruht. Sam, sein Bruder und dessen Freunde beschließen, sich ein wenig an George zu rächen und ihn bloß zu stellen. Sie planen, ihn ohne seine Kleider in den Fluss zu schubsen, so dass er nackt nach Hause zurückkehren muss. Aber es kommt alles ganz anders. Gelegentlich hat man während des Films Déjà-vu-Erlebnisse: ein typisch amerikanischer Teenie-Movie mit den schönen Bildern einer minimalistischen Ästhetik, dessen Handlung auf einer Zeitungsmeldung beruht und mit jungen unbekannten Schauspielern besetzt ist – mit Ausnahme von Rory Culkin. Von Anfang an scheint die Aura eines Larry Clark oder Gus Van Sant diesen kleinen, bereits im Vorfeld hoch gelobten Film „Mean Creek“ zu umgeben.

Bereits in den ersten Minuten lebt der Film von Kontrasten und es wird klar, dass es sich hier nicht um einen typischen Abenteuerfilm handelt. Die Gewalt ist immer unterschwellig und doch unerbittlich. Der junge Regisseur betrachtet seine Umwelt auf liebenvollere Art und Weise als seine Vorgänger, er ist ein weiserer Beobachter. Bei drei der Heranwachsenden zeigt er beispielsweise, wie sie ein tiefes moralisches Bewusstsein für die Frage nach der Schuld entwickeln, was bei den durch MTV und Bier aufgeputschten Kids in den Filmen von heute eher ungewöhnlich ist. Jacob Estes vermeidet gekonnt jegliche Form des Manichäismus und zeigt subtil sowohl die Schatten- als auch Lichtseiten der Heranwachsenden, und dank des perfekt abgestimmten Drehbuchs gelingt es ihm, die Zweifel und die Spannung in seiner Erzählung aufrecht zu erhalten, die ständig zwischen Komödie und Drama schwankt und doch nie an Glaubwürdigkeit verliert.

Marty leiht sich den Revolver seines grobschlächtigen Stiefvaters, der im richtigen Augenblick die richtigen Worte findet. Während er die Tankstelle überfällt, weint er, seine Welt ist in sich zusammengebrochen. Nicht nur die beeindruckende schauspielerische Leistung der jungen Darsteller, sondern auch die psychologische Ausgestaltung der Personen führt zur vollständigen Identifikation mit den Figuren. Die Jugendlichen in „Mean Creek“ sind wie alle anderen auch, sie träumen von scharfen Mädels (J-Lo), sie träumen von Rache an ihren Lehrern, sie haben Herzklopfen vor ihrem Liebesrendezvous, rauchen ihre erste Zigarette...

Doch in der idyllischen, friedvollen Landschaft macht ihr heranwachsender Stolz sie blind und zerreißt sie mit unerwarteter Macht. Manche Einstellungen erinnern an Terence Malick: Eine Schnecke und die Natur beobachten sie. Ein wütendes junges Mädchen tötet die Schnecke voller Perfektion auf einem Baumstumpf, doch die Natur bleibt die Siegerin. Die Kinder suchen Erlösung und Vergebung, die sie jedoch nie finden werden, solange die stupide Dumpfheit des Unfalls, diese riesige Überraschung vor dem Tod, sich nicht erhellt.

Delphine Valloire

 

Erstellt: 15-05-04
Letzte Änderung: 19-05-04