Sylvia Staude/ Frankfurter Rundschau 29.9.2011
KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2011
Es mag Zufall oder eine ironische Verbeugung sein, dass Sergeant Ohayon klein und dick, schüchtern und langsam ist, obwohl die Krimi-Kennerin bei diesem Namen an Batya Gurs herrlich gut aussehenden, polizeilich energischen Inspektor Ochajon denken muss. Sergeant Ohayon jedoch schläft friedlich in seinem Bürosessel im Kommissariat von Fleurville, als ein totes Mädchen gemeldet wird. Geht dann pinkeln, gießt dann den Gummibaum. Am Ende aber wird es Ohayon sein, der eine fallentscheidende Eingebung hat, und nicht sein Chef Roland Colbert, der zwar hart um eine passende Intuition ringt, dann aber das Nachdenken verschiebt und schließlich vergisst, über was er nachdenken wollte. Indessen der allwissende Erzähler übers Vergessen sinniert und wie anders die Welt aussähe, wäre noch nie "ein bedeutender Gedanke durch schlichtes Vergessen verloren" gegangen.
Was immer Matthias Wittekindt, Jahrgang 1958, schon vergessen haben mag, seine Ideen reichten allemal für einen vorzüglichen Kriminalroman, der den Titel trägt "Schneeschwestern". Es geht um Teenager und ihre (Alkohol-) Ausschweifungen, um Männer, die Minderjährigen oder gar Kindern nachstellen, aber auch um den Kampf des Täters gegen die böse Lust. "Er wird den Wagen nicht verlassen", nimmt er sich bei Wittekindt ganz fest vor, "sondern nur observieren."
Wie bei den meisten guten Krimis kommt es auch bei "Schneeschwestern" weniger auf die Raffinessen der Handlung an als auf den besonderen, eigenen Ton und Blick auf die Welt. Sanfte Ironie, zarter Spott klingen immer wieder an in Wittekindts Text; doch seine Personenzeichnung beruht auf einer feinen, menschenfreundlichen Beobachtungsgabe. Hier wird nicht schwarz oder weiß gemalt - außer bei der Landschaftsbeschreibung, es ist Winter -, hier haben alle Figuren ihre Seelen-Schattierungen. Der Gang der Dinge ist gemächlich in diesem fiktiven Ort an der Grenze zu Deutschland (das tatsächliche französische Fleurville hat weniger als 500 Einwohner, wird also wohl keine Polizeistation haben). Hier machen die Ermittler kleine, aber beharrliche Schritte. Diese Krimi-Kennerin jedenfalls hat sie und ihre Vergesslichkeit ins Herz geschlossen.
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Hendrik Werner/Weser-Kurier 16.10.2011
KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2011
„Mord ist eine schreckliche Sache. Zerkochte Spaghetti übrigens auch.“ Dem ersten Satz des Krimis „Schneeschwestern“ merkt man wohltuend an, dass Matthias Wittekindt, sein Verfasser, auch schon etliche Hörspiele und für die Bühne geschrieben hat. Prägnante Dialoge sind ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Ein passabler Plot muss sich freilich dazugesellen. Jener von Wittekindt ist sehr ambitioniert, hat aber auch Tücken. Es geht um Mädchenmord im deutsch-französischen Grenzgebiet, um Streit unter Freunden – und um Pädophilie. Bei so viel Konfliktpotenzial gerät selbst der sonst urteilssichere Kommissar Roland Colbert bisweilen ins Schlingern. Zumal im Winter, in dem bekanntlich alle Katzen weiß sind. Wittekindt legt einen spannenden, wenn auch nicht durchweg schlüssig aufgebauten Thriller vor.
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Ulrich Noller/WDR - Funkhaus Europa
KrimiZEIT-Bestenliste Dezember 2011
Der Schnee ist ein Problem. Für den Kommissar Roland Colbert zum Beispiel, dessen Wagen irgendwo im Wald in den Graben rutscht. Für die Spurensicherung, deren Material einerseits verschneit wird, während andererseits natürlich die Spuren im Schnee Fährten legen, zur Tat, zu unbekannten Zeugen, zum Täter. Für den Mann im Auto sowieso, der seine Spuren, irgendwie, verwischen muss. Und für Philippe, der ein paar tausend Bäume weiter erfriert, weil er in der nächtlichen Kälte die Orientierung verloren hat.
Fleurville, ein Städtchen im Elsass, nahe der deutschen Grenze. Für Geneviève ist der Schnee kein Problem mehr. Geneviève ist tot, Madame Darlan, die alte Deutschlehrerin, die einsam am Feensee im Wald lebt, hat es gerade gemeldet. Geneviève war 16, nach der Disko fuhr sie mit ein paar Jugendlichen in den Wald zum Knutschen, sie verloren sich, irgendjemand hat sie dann erschlagen, direkt vor dem Haus der alten Dame, die alle bloß die Hexe nennen.
Solch kapitale Verbrechen kennt man nicht in Fleurville. Und dass ist der einzige Vorteil des ganzen Wetterchaos: Weil es immer weiter schneit und schneit und schneit, wird sich so schnell keine höhere Behörde von auswärts einschalten. Colbert, Ohayon, Conrey, Resnais und Grenier von der Spurensicherung können den Täter ohne „Hilfe“ finden. Das gestaltet sich allerdings schwerer als gedacht, denn trotz der nachtschlafenen Zeit am einsamen, verschneiten Tatort geraten bald viel mehr Verdächtige ins Visier, als man anfangs hätte denken können …
Matthias Wittekindt, geboren 1958, legt mit „Schneeschwestern“ ein richtig klasse Krimidebüt hin. Großartig, mit wie viel Fingerspitzengefühl er die Charaktere seiner Geschichte entwickelt; überzeugend, wie er behutsam, aber zwingend Stimmung, Atmosphäre und Spannung aufbaut; packend, wie er aus der Vielstimmigkeit der Mitwirkenden das Ganze einer runden Geschichte baut – und dabei doch nicht davor zurückschreckt, das eine oder andere Ende unverknüpft und offen zu lassen. „Schneeschwestern“ ist eines der seltenen Bücher, denen man dauerhafte Präsenz im Regalteil mit den Lieblingstiteln zu traut. Wer zeitgemäße Genreliteratur aus Deutschland sucht, der wird hier bestens bedient.







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