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20/05/04

Marseille

Deutschland 2004, 95 Min.
Buch und Regie: Angela Schanelec
Mit Maren Eggert, Alexis Loret, Marie-Lou Sellem, Devid Striesow
Un Certain Regard
 
Synopsis : Sophie, eine junge Fotografin aus Berlin fährt nach Marseille. Sie will ihr Leben ändern und die ihr völlig unbekannte Stadt kennen lernen. Als sie nach Berlin zurückkehrt, hat sich nicht viel verändert: dort nicht und mit ihr auch nicht. Sie ist immer noch in Ivan, den Freund ihrer besten Freundin verliebt. Erneut fährt sie nach Marseille...
 
Kritik: Manchmal erschließt sich Schönheit erst auf den zweiten Blick. Manchmal bedarf es eines genaueren Hinsehens, eines tieferen Blicks, der die Oberfläche langsam ertastet und durchdringt. In MARSEILLE gilt dies sowohl für den Film als Ganzes als auch für seine Hauptdarstellerin Sophie (Maren Eggert). Auf den ersten Blick haftet ihr wie auch ihren Handlungen etwas völlig Unscheinbares an. Wäre es nicht ein Film, würde man Sophie übersehen. Doch Angela Schanelec lenkt unseren Blick. Sie zeigt uns Marseille vor allem durch die Bilder, die Sophie (sich) macht, und die sie mit Tesafilm an die Wand klebt.
 
MARSEILLE übernimmt von Anfang an das Tempo seiner (langsamen) Protagonistin. Er verharrt oft minutenlang in einer Einstellung, die Kameramann Reinhold Vorschneider sehr präzise ausgewählt hat. Diese Langsamkeit kann – je nach Temperament – für den Zuschauer an die Grenze zur Unerträglichkeit erreichen, oder aber zu einer Form der meditativen Betrachtung gelangen. Dazu kommt, dass die Regisseurin ganz bewusst sämtliche Action ausspart, und sich lieber auf den Moment danach konzentriert. So wird Sophie etwa überfallen, wir sehen sie aber nur auf der Polizeistation danach.
 
Schanelec gibt dem Zufall Raum, sie sagt: „Alle meine Filme beruhen auf dem Gedanken, dass ein Großteil des Lebens undurchschaubar, voller Missverständnisse und dem Zufall überlassen ist. Die Figuren leben im Widerspruch zu diesem Ausgeliefertsein, und dem mehr oder weniger ständigen Versuch, sich dagegen aufzulehnen.“ So ist auch die Reise Sophies nicht nur eine Erkundung Marseilles, sondern vor allem lernt Sophie sich selbst dabei kennen.
 
Unprätentiös in Wort und Bild erzählt sich die Geschichte. Ohne viel zu erklären zeigt etwa Schanelec den Beruf Ivans, der ebenfalls Fotograf ist, und Porträts von Arbeiterinnen in einer Fabrik ablichtet. In Momenten wie diesen verdichtet sich der Film und vermittelt innerhalb kurzer Zeit umfangreiche soziologisch interessante Details.
 
Erst in der letzten Einstellung zeigt Schanelec das Meer, das zwar die ganze Zeit im Kopf (des Zuschauers) tröstend vorhanden war, wenn auch nicht in einer konkreten Einstellung. Sophie läuft in einem gelben Kleid im Sonnenuntergang am Meer entlang, und das Licht entschwindet schnell. Sie ist all ihrer Wertsachen beraubt worden, und weiß nicht, wie ihr Leben weitergehen wird. Und dennoch findet sie – und damit auch der Film – in dieser letzten Einstellung eine bewundernswerte Leichtigkeit.
 
Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 19-05-04
Letzte Änderung: 20-05-04