Am 6. April riefen Rebellen des häufig blau gekleideten Wüstenvolkes der Tuareg ihren eigenen Staat aus. Azawad sollte er heißen und den weiten Norden Malis von der Region um die Hauptstadt Bamako abschneiden. Die Tuareg hatten sich beim Zerfall der Gaddafi-Herrschaft in Libyen mit Waffen und Material für ihren Aufstand versorgt. Nun droht die Sezession zu scheitern - aber nicht etwa am Widerstand der malischen Regierung, sondern an verschiedenen Al-Kaida-nahen Gruppen, die ihren Einfluss in Westafrika immer mehr ausweiten.
Ein neuer Name: MUJAO
Die Islamisten haben unter dem Dach von MUJAO zusammen geschlossen, der Bewegung für die Einheit und den Dschihad in Westafrika. Ihre Kämpfer kommen aus mehreren Nationen. Zu ihnen gehört auch Ansar al-Dine, alliiert mit AQMI (Al Kaida im Maghreb). Die Gruppe hatte das legendäre Timbuktu am Donnerstag endgültig von den Tuareg erobert und ihre MLNA, die Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad, aus der Stadt geworfen. Auch die Stadt Gao, die die Hauptstadt von Azawad werden sollte, und die Stadt Kidal sind in den Händen der Islamisten. Die Tuareg-Rebellen konnten nur noch einige Stützpunkte in unbedeutenden Städten halten.
Die Ursachen der Niederlage
Der schwarzafrikanisch geprägte Süden Malis mit der Regierung in Bamako hatte in den letzten Jahren immer mehr an Einfluss in den Wüstengebieten verloren. Das war auch die Ursache eines kurzen Putsches der Streitkräfte gewesen, die sich von der Regierung im Kampf gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Tuareg-Rebellen im Stich gelassen fühlten. Die Tuareg gingen ihrerseits mit den Waffen Gaddafis überraschend um: Sie verkauften viele ihrer Grad-Batterien - Pick-Ups mit darauf montierten Raketen - an die Islamisten. Hama Ag Sid'Hamed, Sprecher des MLNA-Übergangsrates, bekannte gegen über Le Monde: "Wir haben unseren Leuten gesagt: verkauft euere Waffen nicht, sie werden bald gegen euch gerichtet sein! Doch wie können das Leute verstehen die rein gar nichts haben."
Westafrika neuer Brennpunkt
Die bittere Armut der einen ist die Stärke der anderen. Die Islamisten verteilen Lebensmittel - manchmal aus Beständen der UN-Lebensmittelhilfe erbeutet - und geben Geld an Organisationen vor Ort. Das macht sie beliebt bei der Bevölkerung. Ihre Finanzen scheinen unerschöpflich. MUJAO finanziert sich vorwiegend durch kriminelle Machenschaften: Geiselnahmen und Drogenhandel, der eine neue Drehscheibe in Westafrika eingerichtet hat. Eine dschihadisten-nahe Mafia unterstützt sie dabei. Es geht auch um Kokain, Zigarettenschmuggel und den Schmuggel von rationiertem Benzin. Eine der Stärken der Islamisten ist ihre internationale Ausrichtung. Hinter dem schwarzen Banner versammeln sich Kämpfer aus vielen Ländern.
Islamisten setzen sich durch
Trotz ihrer Niederlage sind die Tuareg aber keine Verbündeten gegen die verschiedenen Islamisten der MUJAO. Am 26. Mai unterzichneten sie mit Ansar al-Dine ein Abkommen zur Errichtung eines islamistischen Azawad-Staates. Dieses Papier blieb ohne Wert. Die Umsetzung des Vertrags scheiterte an inneren Streitigkeiten und Druck von Außen. Westafrikanische Staaten wie Burkina Faso versuchten vergeblich, Verhandlungen zwischen den bewaffneten Gruppen in die Wege zu leiten. Doch in der Wirrnis setzen sich immer mehr die Islamisten durch.
Hilferuf an die internationale Gemeinschaft
"Ansar al-Dine wird am Samstag beginnen, die Mausoleen Timbuktus zerstören - alle ohne Ausnahme," sagte Sanda Ould Boumama, Sprecherin von Ansar al-Dine in Timbuktu, gegenüber AFP. Während sie mit echter Zerstörungswut gegen Weltkulturerbe vorgehen, wartet ECOWAS auf internationale Hilfe. Am Freitag haben sich die westafrikanischen Staaten an den Weltsicherheitsrat gewandt. Ihre Bitte: Die Entsendung einer regionalen UN-Eingreiftruppe, die sich der islamistischen Bedrohung entgegenstellt.
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