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ARTE Journal - 03/04/12

Mali: Bedroht Konflikt die Sahelzone?

Interview mit dem Afrika-Experten Antoine Glaser


Wie lässt sich der fluchtartige Rückzug der malischen Armee angesichts des massiven Vorrückens der Tuareg-Rebellen im Norden von Mali erklären? Welche Rolle spielen die Islamisten bei diesem Aufstand? Welchen Handlungsspielraum besitzt die Militärjunta in Bamako? Diese Fragen stellte ARTE Journal dem Afrika-Experten Antoine Glaser. Der Journalist und Schriftsteller verfasste mehrere Werke über den Schwarzen Kontinent und war rund dreißig Jahre lang Chefredakteur der zweimal monatlich erscheinenden französischsprachigen Zeitschrift für afrikanische Politik, „Lettre du Continent“. Mit ihm sprach Barbara Lohr.


Frage:
Innerhalb von drei Tagen haben die Tuareg-Rebellen Kidal, Gao und Timbuktu besetzt. Wie lässt sich der fluchtartige Rückzug der malischen Armee erklären?

Antoine Glaser:
Mali ist ein Land, das immer schon sehr schwer zu regieren war. Es steht seit jeher unter dem Einfluss Libyens einerseits und Algeriens andererseits. Der Sturz von Oberst Gaddafi hat eine Schockwelle ausgelöst, die man völlig unterschätzt hat. Hunderte Malier gehörten Gaddafis Armee an. Nach seinem Sturz sind sie mit schweren Waffen in den Norden des Landes zurückgekehrt. Die meisten von ihnen sind Tuareg, denen es unter Gaddafi sehr gut ging. Diesen Rückkehrern gegenüber war die malische Armee völlig unterlegen – waffenmäßig wie auch von der Truppenstärke her. Sie sah sich mit kriegserprobten Kämpfern konfrontiert, die obendrein noch derselben Kultur [der Nord-Malier, Anm. d. Red.] angehören und dieselbe Sprache sprechen. Weder der gestürzte Staatschef Amadou Toumani Touré noch die Militärjunta waren in der Lage, den Norden zurückzuerobern, zumal die wichtigsten Tuareg-Chefs, die der Armee angehörten, desertiert sind.

Frage:
Sie sagten gerade, die Tuareg seien aus Libyen mit Waffen zurückgekommen. Ist ihr Arsenal für diese Region außergewöhnlich?

AG:
Sie selbst waren schon sehr gut ausgerüstet. Ex-Präsident Amadou Toumani Touré hat der NATO und der französisch-britischen Streitmacht vorgeworfen, sie hätte diese Gefahr vernachlässigt und schwer bewaffnete Verbände in Richtung Mali und Niger abziehen lassen. Man weiß nicht genau, ob sie Boden-Luft-Raketen besitzen, aber auf jeden Fall ist ihre Ausrüstung sehr gut. Libyen war ja auch jahrelang ein regelrechtes russisches Waffenlager. Mali ist zwar ein wirklich demokratischer, aber äußerst instabiler Staat, der keine eigenen Bodenschätze und Einnahmequellen besitzt. Und alle Staatschefs – vor allem Alpha Konaré und Amadou Toumani Touré – haben dieses Land zum einen mit finanzieller Unterstützung Libyens regiert, und zum anderen unter dem Schutz eines weiteren mächtigen Partners - der sich jetzt seltsamerweise überhaupt nicht zu Wort meldet - nämlich Algerien. So stand Mali seit jeher unter einem doppelten Einfluss.

Frage:
Im Moment ist sehr viel die Rede von den Tuareg-Rebellen der Befreiungsbewegung MNLA, aber vor Ort gibt es ja auch noch die islamistische Bewegung Ansar Dine. Welche Verbindung besteht zwischen diesen beiden Bewegungen?

AG:
Das ist sehr schwer zu sagen. Zunächst ist da die Bewegung für die Befreiung von Azawad (MNLA), und Awazad nennen die Tuareg die von ihnen bewohnte Region in der Sahara, die sie völlig erobert haben, mit der alten Tuareg-Hauptstadt Timbuktu, die seit dem 15. Jahrhundert ein islamisches Zentrum darstellt. Die MNLA-Bewegung ist jedoch weltlich ausgerichtet, während Ansar Dine die Scharia einführen will. Aber wie das Kräfteverhältnis zwischen den beiden aussieht, ist äußerst schwer zu erkennen. Die Kämpfer von Ansar Dine sind vermutlich weniger gut ausgerüstet, aber sehr kampferprobt. Und auch die Beziehungen zwischen Ansar Dine und den Gotteskriegern von Al-Qaida im Maghreb, die einige hundert Kämpfer stellen, sind eher undurchsichtig. Diese Kämpfer sind Algerier oder Mauretanier. Die Situation ist sehr komplex, aber ich glaube nicht, dass die MNLA bis in die Hauptstadt Bamako vordringen will. Ihnen genügt wohl die Befreiung von Azawad, und die Bewegung wird sich wohl darauf konzentrieren, diese Region mit ihren drei großen Städten zu verwalten. Dagegen weiß man nicht, ob Ansar Dine - vielleicht mit Unterstützung von Al-Qaida im Maghreb - nach Bamako marschieren will. Aber das Land ist auch so vollkommen aus den Fugen geraten, und die Staatengemeinschaft hat, wie schon gesagt, diese Gefahr völlig unterschätzt. Zwar hat die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) 2.000 Soldaten mobilisiert, aber das Land ist ja doppelt so groß wie Frankreich, und das Gebiet, das die Tuareg erobert haben, ist bereits grösser als Frankreich. Und da genügt es nicht, 2.000 Mann und ein paar Helikopter aufzubieten, um solche Bewegungen zu bekämpfen, die hier zu Hause sind.

Frage:
Steht dem Land Ihrer Meinung nach eine Spaltung bevor?

AG:
Die Spaltung des Landes ist leider jetzt schon besiegelt. Die malische Armee befindet sich in Auflösung, die Tuareg-Soldaten sind desertiert, und der Zusammenhalt der Armee war sowieso recht schwach. Der Staatsstreich in Mali begann mit Meutereien unter den Offizieren. Die Teilung des Landes ist also Realität, und die Nachbarstaaten – Elfenbeinküste, Niger und Burkina Faso – befürchten jetzt bereits, dass sich der Konflikt über das ganze Sahel-Gebiet ausbreitet, das dann zu einer Art „Grauzone“ würde, da die Tuareg über mehrere Länder verteilt sind – über Algerien, einen Teil von Burkina Faso und Niger. Es besteht also die Gefahr einer regionalen Destabilisierung. Und viele Dörfer in dieser Region lebten ja vom Tourismus. Wenn die Touristen jetzt fernbleiben und auch Hilfsorganisationen das Land verlassen, wird die Region wirtschaftlich und sozial gesehen völlig aus dem Gleichgewicht geraten.

Frage :
In dieser Region gibt es nicht nur die Tuareg, sondern auch mehrere andere bewaffnete Gruppen, die für jeweils verschiedene Ziele kämpfen. Ist da nicht zu befürchten, dass die Zivilbevölkerung auf längere Sicht wieder einmal am meisten unter einem Konflikt zu leiden haben wird?

AG:
Hunderttausende Malier sind bereits aus dem Norden des Landes geflohen – eben alle, die nicht Tuareg sind – und diese Flüchtlinge werden Nachbarländer wie Burkina Faso, Niger und sogar Mauretanien zweifellos destabilisieren. Und dann drohen der gesamten Region ein wirtschaftliches und soziales Chaos sowie eine humanitäre Katastrophe, und das nicht nur im Norden von Mali.

Frage:
Welcher Handlungsspielraum bleibt der Militärjunta?

AG:
Vergessen wir nicht, dass die Junta ursprünglich aus einer Meuterei von Unteroffizieren hervorging, die einige Tage lang vergeblich einen höheren Offizier suchten, der sich an ihre Spitze stellen sollte. Diese Rebellenbewegung ging also vom Offizierscorps aus, das mit dem Generalstab und den völlig korrupten Generälen sehr unzufrieden war. Obendrein beklagten sich die Offiziere über mangelnde Ausrüstung und andere materielle Probleme. Zahlreiche Soldaten wurden ihrem Schicksal überlassen, vor allem in Kidal, und später auch in Gao. Am 29. April sollen in Mali Wahlen stattfinden, aber obwohl die Junta die Rückkehr zur Verfassung verkündet hat, hat man den Eindruck, dass der demokratische Prozess jetzt völlig nebensächlich geworden ist im Vergleich zur völligen Auflösung des Landes durch das Vorrücken der Tuareg und der Rebellenbewegungen im Norden. Die Westafrikanische Staatengemeinschaft wird vermutlich um Hilfe von außen bitten, vor allem von den Vereinten Nationen, aber die geopolitischen Verhältnisse in der Region sind sehr schwierig, vor allem, weil Algerien die Präsenz französischer oder amerikanischer Militärberater bisher immer abgelehnt hat. Das Ganze ist keine einfache Angelegenheit.

Erstellt: 02-04-12
Letzte Änderung: 03-04-12