360° - GEO Reportage
Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.
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360° - Die GEO-Reportage
Hongkongs Bambusakrobaten
Von Anja Werner
Sendedatum: 21 August 2004 um 22h05
"Da sollen wir hochklettern, zweimal am Tag?" Das fing ja gut an! Daran hatte ich nicht gedacht, als ich eine Reportage plante über schwindelfreie Künstler, die Baugerüste aus Bambus bauen.
An vielen Wolkenkratzern Hongkongs sieht man Bambusgeflechte hinter grünen Sicherheitsnetzen. Manchmal, wenn man Glück hat, sind sie gerade im Entstehen. Man sieht - klein wie Playmobil-Figuren - Männer, die im unfertigen Gerüst balancieren und mit unterschiedlich dicken Bambusstangen jonglieren. Warum benutzen die Chinesen Bambus für Baugerüste? Wie finden die Arbeiter Halt auf den dünnen Stangen? Diese Kletterer näher unter die Lupe zu nehmen, reizt die Journalistin.
Monatelang hatte unsere ortsansässige chinesischen Producerin Lamy Li recherchiert. Dann hatten wir die Baustellen und die Arbeiter gefunden, die wir bei ihren Kletterpartien beobachten duften. Und da standen wir nun: Lamy Li, Andreas Bremer, der Kameramann, David Kammerer, der Tonkollege und ich vor dem ersten Objekt unserer Begierde. Zum obersten Stockwerk des Rohbaus führte nur eine rohe Betontreppe. Ein Personenaufzug war natürlich noch nicht einsatzbereit. Der vorhandene Materialaufzug durfte keine Personen befördern. Bei 29°C und einer für Oktober ungewöhnlich hohen Luftfeuchtigkeit musste außer uns auch noch die Ausrüstung nach oben - 20 Stockwerke! Allein der Kamerakran, den wir für die Aufnahmen in schwindelnder Höhe einsetzen wollten, wog schon an die 20 Kilo. Wir hofften auf den Materialaufzug. Doch dieser war gebucht von einem Subunternehmer, der - wie alle hier auf dem Bau - im Akkord arbeitet.
Langes Schweigen - Lamy und Simon, unser Betreuer von der Gerüstbaufirma, telefonierten - wie überhaupt alle Aufsichtspersonen dauernd telefonierten. Ungeduldiges Nachfragen führt hier zu Gesichtsverlust, das wussten wir. Doch das europäische Naturell bricht immer wieder durch. "Es wird geschehen", übersetzt uns Lamy.
"JA UND JETZT......" Da bremst mich Simon, der 8 Jahre in England gelebt hat und daher das Naturell der europäischen Langnasen kennt. Und er hat auch eine Lösung parat: Wir werden die Filmausrüstung mit einem Kran hoch transportieren. Der hat zwischendurch wenigstens ab und zu mal Leerlauf. Wir warten auf den Leerlauf, packen dann die Kamerausrüstung in eine Eisenwanne, in der sonst weniger empfindliche Gegenstände transportiert werden. Dann begeben wir uns selber auf den langen Aufstieg durch das dunkle Treppenhaus in das 20. Stockwerk.
Oben werden wir für die Anstrengungen belohnt: Ein atemberaubender Blick über die Bucht von Aberdeen auf Hongkong Island. Ein paar Dschunken erinnern noch an die Zeit, als in der Bucht von Aberdeen tausende von Flüchtlingen aus China auf ihren Booten lebten. Und über allem balancieren die Gerüstbauer, wie Seiltänzer in der Zirkuskuppel. Nur dass sie die Bambusstangen nicht wegen der Balance halten.
Lange können wir den Anblick nicht genießen. Um uns herum herrscht emsige Beschäftigung. Wir müssen unsere Ausrüstung auf den improvisierten Laufstegen zwischen dem Bambusstangengewirr lagern. Eigentlich sollen sie den Bauarbeitern Arbeits- und Bewegungsfläche bieten. Allen sind wir im Weg. Ständig werden wir wieder verjagt. Wie schwer muss es gewesen sein, die Genehmigung vom Bauträger zu bekommen, ein Fernsehteam tagelang auf verschiedenen Baustellen herumkraxeln zu lassen. Zu verdanken haben wir das Francis So, dem Firmeninhaber der WUI Long Gerüstbaufirma.
Und wir lernen, warum Helme und Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen auch für uns Vorschrift sind. Denn überall liegen Nägel herum, fallen Metallrohre neben uns auf den Boden. Jede Veränderung der Drehperspektive bedeutet ein Klettern über Hindernisse.
Erstellt: 12-08-04
Letzte Änderung: 27-08-03