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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

17. Dezember 2005 um 21.35 Uhr : 360º - Die Geo-Reportage - 19/12/05

Making of

Traumberuf Schäfer


“ Ich bin ein Hirte. / Die Herde sind meine Gedanken / Und meine Gedanken allesamt Sin-nesempfindungen”, schrieb Fernando Pessoa. Und so bin ich auch an meinen Film heran-gegangen: ich die Schäferin, und die ungezählten Kassetten meine Herde.

Schäfer gegen Filmemacherin - ein Making of im Hammelsprung.

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Und gleich eine erste Überraschung bei der Vorbereitung der Dreharbeiten: anders als unsere vagen Vorstellungen vom klassischen Schäfer uns vorgaukeln sind die meisten Vertreter dieser Zunft in Frankreich lohnabhängige Arbeitnehmer: jedes Jahr bekommen sie einen befristeten Vertrag für die Zeit, in der die Tiere „sömmern“, also unter Aufsicht des Schäfers auf der Sommerweide sind, normalerweise zwischen Juni und Oktober. Eine Garantie, dass der Vertrag auch im folgenden Jahr neu aufgelegt wird, gibt es nicht, nur die Zufriedenheit der Züchter oder der Gemeinden, die den Schäfer anstellen, kann so etwas wie Sicherheit geben.

Yves Renaud, der Schäfermeister in unserem Film, muss gleich 17 verschiedenen Züchtern Rechenschaft ablegen: 13 Schafzüchtern, 3 Ziegenzüchtern, einem Rinderzüchter. Und sie alle wol-len den ganzen Sommer lang wissen, wie es denn der Herde geht, die sie dem Schäfer anvertraut haben.

Wenn nicht gerade die Züchter vorbeischauen ist das Leben des Schäfers ein einsames. Zwei Ge-fährten allerdings sömmern zusammen mit ihm: ein Hütehund, der die Herde in die vom Schäfer gewünschte Richtung treibt, und ein Wachhund, der darauf abgerichtet ist, sie gegen Raubtiere zu verteidigen. Yves’ Begleiter heißen Sam und Violette. Die von Yann, unserem Schäferlehrling, Ulout und Meina. Meine Begleiter sind Didier, der Kameramann, und Marc, der Tontechniker.

Vor dem Auftrieb im Frühjahr markiert Yves jedes ihm anvertraute Schaf, verabreicht ihm eine Wurmkur und impft es. Er überprüft auch, dass er von den Züchtern alle nötigen Papiere für jedes einzelne Tier bekommen hat. So vergehen für den Schäfer zwei Wochen im Kontakt mit den Züchtern, mit Verhandlungen über den Auftriebstag, mit der Markierung der Tiere usw.

Am Tag des Auftriebs wandern Yves und Yann von 5 Uhr morgens bis 13 Uhr im Regen: 40 Kilo-meter Weg, 1300 Meter Höhenunterschied. “Ein Klacks!”, findet Yves. Denn auf der Sommerwei-de bringen die beiden Schäfer täglich rund 2000 Höhenmeter hinter sich. 10 Stunden lang geht es immer nur bergauf, bergab, bergauf, bergab. Die Schafe immer wieder dorthin zu bringen, wo das Gras am grünsten ist, ist alles andere als ein Spaziergang.

Unser Filmteam hat die 1100 Kilometer, die uns von den Pyrenäen trennten, anders zurückgelegt: im Auto! Während des Auftriebs sind wir der Herde vorausgeeilt, haben gewartet, gefilmt, sind wieder ein Stück vorgefahren, und das alles in unserem treuen Geländewagen. Mit diesem Che-rokee vom Autoverleih sahen wir zwar etwas lächerlich aus, aber irgendwie fanden wir die Lösung, unsere 100 Kilo Material zu Fuß über 40 Kilometer zu schleppen, auch nicht ideal ...

Glücklicherweise hat Canabis, Jacques’ Lastesel, zwischen den Drehs die Hüllen unserer Technik getragen, außerdem den Fuß der Kamera, unsre Anoraks, die Zelte, Schlafsäcke usw. Didier musste seine Kamera selbst schleppen (14 Kilo), Marc seine Tontechnik (auch 14 Kilo). Ich hab mich mit dem Weitwinkel, den Ersatzakkus für die Kameras, den Kassetten und den Lebensmitteln begnügt.

Am Tag nach dem Auftrieb und dann einmal pro Monat während der gesamten Sommerweide zählt Yves seine Herde: er muss sicher sein, dass sich kein Tier verirrt hat, gerissen wurde oder krank ist. Manche Schafe – und Yves hat einen Blick für sie! – steigen nur zum Sterben auf die Sommerweide, ein stiller Tod in freier Natur. Andere stürzen in eine der zahlreichen Felshöhlen am Pic du Cagire oder fallen Raubtieren (Füchsen, Bären, streunenden Hunden) zum Opfer.

Die dem Schäfer anvertraute Herde stellt einen stattlichen Wert dar. Nicht umsonst geht das französische Wort “cheptel” (Viehbestand) auf die gleichen Wurzeln zurück wie “Kapital”. Jedes Schaf ist mindestens 120 Euro wert, und Yves hütet 1350 Stück: 162 000 Euro! Rechenschaft ablegen heißt für einen Schäfer ganz konkret, mit Zahlen und Werten zu rechnen.

In den Pyrenäen leistet ein Verband der Schäfer deutlich mehr als nur die Ausbildung des Nachwuchses: hier werden junge Männer und Frauen ausgebildet, die einen sehr scharfen, ja subversiven Blick auf die Gesellschaft werfen, Menschen, die sich mit Leib und Seele für eine andere Welt einsetzen, die nicht dem reinen Produktivitätszwang und nicht dem Konsumdiktat unterliegt. Junge Leute, die sich entschieden haben, sich am Rande der Gesellschaft anzusiedeln, ohne dass sie deswegen zu Randerscheinungen, zu verkrachten Existenzen würden. Sie sind ganz einfach ruhi-ge und verantwortungsbewusste Bürger, so wie Yann: herzlich willkommen zur Schäferlehre im Hochgebirge!

Und da in Frankreich jede Geschichte mit einem Bankett endet, entdecken wir noch eine Parallele zu uns: wenn im Herbst die Tiere wieder im Tal sind, organisieren Yves und seine Kollegen ein Festessen mit den Züchtern. Zum Almabtrieb. Wir machen das genauso: am Ende eines Drehs. Oder am Ende eines making of! Zum Wohl also!


Myriam Tonelotto, Filmemacherin

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Samstag 17. Dezember 2005 um 21.35 Uhr
360º - Die Geo-Reportage
Traumberuf Schäfer
Ein Film von Myriam Tonelotto
Moderation: Simone von Stosch
Reportage, Frankreich / Deutschland 2005, ARTE, Erstausstrahlung, 52 Min.

Erstellt: 30-11-05
Letzte Änderung: 19-12-05