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26/02/09

Die Varusschlacht

Eine Rezension von Tobias Gohlis


„Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden..“ Ins Unkenntliche trivialisiert, mythologisiert, heroisiert wurde „Hermann der Cherusker“ zum urdeutschen Nationalhelden stilisiert. Der historische Arminius war ein hoher römischer Militär und Adliger und ein Verräter - und auch sonst war fast alles anders, als es bisher überliefert wurde. 2000 Jahre nach der Varusschlacht hat Ralf-Peter Märtin ein faszinierendes Buch über Römer und Germanen geschrieben.

Der Historiker und Schriftsteller Ralf-Peter Märtin hat ein Gespür für wunde Punkte der deutschen Seele. 2002 ging er in einer Geschichte des Nanga Parbat, des „Schicksalsberges der Deutschen“, Heroisierungen und Mythologisierungen des deutschen Alpinismus nach. Jetzt hat er sich den Mythos vom urdeutschen Hermann vorgenommen, 2000 Jahre nach jener Schlacht im Teutoburger Wald, die das Spottlied über die frechen Römer besingt.

Märtin ist in diesem historischen Jahr nicht der einzige, der den blühenden Blödsinn über Hermann den Cherusker aufklärt, der über etliche hundert Jahre die Köpfe der Germanen und ihrer Möchte-gern-Erben vernebelt hat. Aber ihm gelingt es in einer eleganten und anschaulichen Prosa besonders gut verständlich zu machen, was eigentlich damals geschehen ist. Dazu stellt er erst einmal in einer großen Übersicht dar, wie es um die Germanen und die Römer um die Jahrtausendwende stand. „Sich für den Norden Europas zu interessieren, dafür gab es keinen vernünftigen Grund,“ konstatiert er kühl. Bis die Kimbern und Teutonen um 100 v. Chr. in Frankreich und Spanien auf römisches Gebiet vordrangen, interessierte sich niemand mit Verstand für die „Germanen“ oder „Kelten“. Das waren Barbaren aus dem Norden mit blutrünstigen Sitten, die die römische Zivilisation bedrängten. Germanen, das waren real in ziemlich unwegsamen Gegenden wohnende Clans und Stämme, Sueven, Langobarden, Cherusker und wie sie alle hießen, mit einer gering ausgeprägten Staatlichkeit und Organisation. Militärisch waren sie ineffektiv aber wild: Sie scharten sich um einen charismatischen Anführer, um Beute zu machen, und verschwanden nach der Schlacht wieder in ihren Dörfern.

Am 14.2.2009 auf ARTE:

Die Germanen

Die 4-teilige Dokumentationsreihe erzählt die Geschichte der Germanen von ihrer ersten Konfrontation mit dem Römischen Reich bis zum Sieg des Frankenkönigs Chlodwig über die Römer.
Märtin zeigt, wie Römer Germanen sahen: Wilde, die so etwas Degoutantes wie Milch tranken. Und er rekonstruiert, gestützt auf archäologische Erkenntnisse der letzten Jahre, dass auch „die Germanen“ bereits funktionierende Wegesysteme besaßen und unter der Volkskrankheit Karies litten. In dieser knappen, anschaulichen Darstellung von Räumen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und Politik liegt eines der vielen Verdienste dieses Buches.

Der Grund für die Expansion der Römer nach Norden, also nach Nordfrankreich, England und ostwärts über den Rhein war teilweise Ausdruck innenpolitischer Probleme: Wer in Rom etwas werden wollte, musste das Imperium vergrößern. Im Zuge der Nachfolge des Kaisers Augustus versuchten erst Drusus, dann sein Bruder Tiberius, Germanien untertan zu machen. Als Vorfeld zur römischen Provinz Gallien war es ständiger Herd der Unruhe.

Die Römer verfolgten bei dem Versuch, alles Land jenseits des Rheins bis zur Elbe ihrer Kontrolle zu unterwerfen, eine doppelte Strategie: verbrannte Erde für alle, die nicht kooperierten, römisches Bürgerrecht und Schutz für Fürsten, die prorömisch waren. Einer von ihnen war Gaius Julius Arminius, Sohn des Cheruskerfürsten Segimer. Er war von Augustus persönlich in den Rang eines römischen Ritters erhoben worden, nachdem er mit seinen cheruskischen Söldnern in Pannonien und Dalmatien 6-8 n. Chr. geholfen hatte, unbotmäßige aufständische Barbaren niederzumetzeln. Diese Kenntnisse römischen Denkens und besonders der militärischen Taktik waren die entscheidenden Voraussetzungen für den späteren Sieg über Varus, den römischen Statthalter Galliens und Germaniens.
Die Varusschlacht
Rom und die Germanen

von Ralf-Peter Märtin
Verlag: S. Fischer

ISBN 978-3-10-050612-2
Dieser war übrigens keineswegs der Trottel, der seine Legionen in Unkenntnis der Lage in die Sümpfe führte. Publius Quintilius Varus war ein erfahrener Politiker und Militär, der unter anderem Statthalter in Syrien zur Zeit des Herodes war. Er gehörte zum römischen Adel, war mit Augustus über seine Frau verwandt und hatte mit Augustus das Konsulat geteilt. Als er 8 n.Chr. seine Statthalterstelle in Germanien mit einer Inspektionstour begann, war Arminius, der hochgeehrte römische Ritter, sein Begleiter und Berater. So römisch war Arminius, dass nicht einmal sein cheruskischer Name überliefert ist. Während er mit Varus herumzog, hatte er im Hintergrund ein Bündnis mit anderen Stammesführern geschmiedet. Die Schlacht, die den Römern die Lust auf die teilweise schon vollzogene Beherrschung Germaniens verleiden sollte, war ein taktisches Meisterstück. Märtin schildert sie mit Lust am frisch entdeckten Detail, nachdem er die wesentlichen Voraussetzungen für den Sieg herausgearbeitet hat. Arminius und seine Verbündeten nutzten die entscheidende Schwäche der Römer, indem sie die Ahnungslosen auf dem Marsch angriffen und den Tross attackierten. Arminius' Soldaten beherrschten als ausgebildete Hilfstruppen die römische Taktik. Und sie waren die Überlegenen, weil Arminius andere Waffen als die militärisch-technologisch überlegenen Römer benutzte: „Wälder und Sümpfe, den Hinterhalt und den Verrat“.

Arminius hatte vorgegeben, Varus müsse einen Aufstand niederschlagen. Er riet ihm, durch befreundetes Cheruskergebiet zu ziehen, und versprach, er werde mit seinen Hilfstruppen dazukommen. Im Vertrauen auf seinen erprobten Auxiliaroffizier marschierte Varus in die Falle. Sie lag, so argumentiert Märtin mit der Mehrzahl der Forscher, am Hellweg, der das Weserbergland mit Minden verbindet. Einer der Hauptpunkte dieser sich über mehrere Tage hinziehenden wandernden Schlacht war Kalkriese, heute ein Stadtteil von Bramsche, nicht der Ort, wo rund 1850 Jahre später das Hermannsdenkmal errichte wurde.

1200 Jahre war Arminius vergessen. Und es ist einigen großen Zufällen zu verdanken, dass das nicht so blieb. Erst mit der Wiederentdeckung der „Annalen“ des Tacitus im 16. Jahrhundert und ihrer Rezeption durch den Humanisten Ulrich von Hutten begann die zweite Karriere des Arminius als Hermann Nationalheld. Märtin zeichnet sie bis in die schaurigen Einzelheiten während des Nationalsozialismus nach.



Doch was waren die wirklichen Antriebe des Arminius, soweit man sie rekonstruieren kann? Vermutlich eine Mischung von „germanischer“ Tradition und unbefriedigtem Ehrgeiz. „Arminius war der typische Vertreter der antiken Globalisierung, die Menschen mit Ambitionen ungeahnte Möglichkeiten eröffnete.“ Er war kein Einzelfall, auch in anderen Regionen hatten sich römische Heerführer von lokalen Hilfstruppen zu Königen aufgeschwungen. Ein unmittelbares Vorbild war König Marbod, der nach erfolgreichem Aufstand ein selbständiges Reich in Böhmen errichtet hatte. Arminius konnte weder unter den Cheruskern noch unter den Römern mehr werden als er war, folglich nahm der begabte und ehrgeizige Fürstensohn die Gründung des eigenen Königreiches selbst in die Hand. Er scheiterte allerdings an der Stammeszwietracht, konnte auch den Erfolg der Varusschlacht in späteren Kämpfen gegen Germanicus, den Nachfolger des Varus, nicht wiederholen und starb ca. 21 n.Chr., um Jahrhunderte später zum Nationalhelden eines Volkes zu werden, das ihn zur Identitätsfindung brauchte. Zum Glück ist das heute nicht mehr der Fall. Und Ralf-Peter Märtins Buch eröffnet uns in seiner klaren, geschmeidigen und erzählerisch mitreißenden Darstellung nicht mehr aber auch nicht weniger als ein faszinierendes Kapitel europäischer Geschichte.


Der Kampf um den deutschen Urmythos Varusschlacht
Ein Beitrag in unserem Kulturmagazin Metropolis am 7.3.2009 (Länge: 7’)

Im Jahr 2009 jährt sich Varusschlacht, der Sieg des Cheruskers Arminius über die Legionen des Römers Varus, zum 2000. Mal. Über die Jahrhunderte beschäftigt die Varusschlacht die Deutschen als eine Art Urmythos. Und zeigt, dass in Teilen unseres Landes der einstige römische Besatzer bis heute fortwirkt. Das eigens errichtete Hermannsdenkmal wurde auch als Symbol der deutschen Einheit in Hinblick auf die deutsch-französische Erbfeindschaft gebaut (Einweihung 1875). Die Varusschlacht, die nun ihr großes Jubiläum feiert und, obwohl antikes Ereignis, von den Deutschen längst als Teil ihrer Geschichte adoptiert und durch den Umgang mit ihr auch geworden ist, wirft ihre Bücher voraus.

„Metropolis“ geht dem Mythos Hermannsschlacht nach und stellt einige neu erscheinende Bücher zum Thema vor.

Buchtipp der letzten Woche:

Das Mittelalter. Geschichte und Kultur
von Johannes Fried
Verlag: C.H. Beck
September 2008
ISBN-13: 978-3406578298

Erstellt: 27-01-09
Letzte Änderung: 26-02-09