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Das ARTE Magazin - 21/08/08

MÜNCHENS SOUND

SUMMER OF THE 70s


ARTE SCHWERPUNKT
SUMMER OF THE 70s

Die Seventies: Style Clash (1): Disco oder Rock?
Dienstag • 19. August • 22.15

Disco: Die Geschichte eines Sounds
Dienstag • 19. August • 23.10

Die Erfolge eines Musikstudios machten München in den 1970ern zum Mekka der internationalen Musikszene. Dank junger Bands wie Munk erlebt die einstige Tanzmetropole derzeit ein Revival.

„All die Freiheitsideale, für die wir in den 60ern demonstriert hatten, wurden in den 70ern Realität“, sagt der Original-Cowboy der Village People, Randy Jones, rückblickend. Es stimmt: Die Village People als das Flaggschiff der Schwulenbewegung und der von ihnen gefeierte Discotanz mit seinem zuckendenHüftschwung sind ganz offensichtlich Ausdruck einerbefreiten Sexualität. Die Discokultur steht als eines der herausragendsten Phänomene der 1970er Jahre somit durchaus in der Kontinuität der 60er-Ideale.

Zur Freiheit zählte jedoch auch immer deutlicher die Freiheit, zu verkaufen. Nicht die künstlerische Reputation war im Musikbusiness nunmehr das vorrangige Ziel, sondern das dickere Bankkonto – nur der offene Umgang damit war neu. „Ich gebe nicht auf, bis ich die Milliarde voll habe“, kündigte der 65-jährige Boney M.-Erfinder Frank Farian noch im vergangenen Jahr an. Ebenso wie Kurt Hauenstein, Gründer des Musikprojektes Supermax, gilt Farian als einer der Ersten, die von Deutschland aus auf der Discowelle mitschwammen. Disco war anfangs amerikanisch und schwarz, nährte sich vom Soul, gebar später den Funk und fand sein Publikum vor allem unter Schwarzen, Schwulen und Latinos. In New York war gerade das Tanzverbot gegen schwule und lesbische Paare aufgehoben worden und überall schossen Clubs und Discos mit einem enormen Bedarf an passendem Musikmaterial aus dem Boden. Noch ahnte dabei wohl kaum jemand, dass sehr wichtige Impulse dieser neuen Tanzmusik bald ausgerechnet aus München kommen sollten.


Disco made in Germany
Schon 1973, im selben Jahr, in dem der Schlagzeuger Earl Young mit dem prägnanten Beat des Songs „The Love I Lost“ den Puls des Discosounds fand, eröffnete der Südtiroler Giorgio Moroder im Münchener Stadtteil Schwabing das „Musicland Studio“. Erst zwei Jahre zuvor hatte er sich einen Moog-Synthesizer gekauft, dessen angenehm öliger Klang, meist auf „Streicher“ getrimmt, zum Kennzeichen seines später weltberühmten „Munich Sound“ werden sollte. Mit Donna Summer nahm Moroder 1976 das 17-minütige „erotische Epos“ „Love to Love You, Baby“ auf – ein Welthit. Als der Song gar Platz zwei der amerikanischen Billboard- Charts erreicht, ist es erstmals in der Geschichte einem deutschen Produzenten gelungen, das amerikanische Showgeschäft auf dessen eigenem Terrain zu schlagen. Von den Gospel-geprägten Gesängen einer Gloria Gaynor zum Discosoul der Jacksons und Kool & The Gang bis zum Rap eines Kurtis Blow und von da weiter zum Hip-Hop heutiger Tage besteht eine Kontinuität schwarzer Musik, die tief in der nordamerikanischen Kultur wurzelt. „Disco“ war für viele dieser Künstler nie mehr als ein Marketingbegriff, der dazu diente, auch ein weißes Publikum anzusprechen. Doch nun hatte Moroder den Discosound von seinen schwarzen Wurzeln abgetrennt und einen globalen Klang geschaffen, der ihm und seinem Studio weltweites Ansehen einbrachte. „Ich glaube, wir erfanden den Bass- und Bass-Drum-Sound, auf dem die ganze Discomusik beruht“, sagt Moroder später unbescheiden. Der intensive Basslauf mit synkopischen, also gegen den Takt laufenden Anschlägen, der Groove, der einem in die Beine fährt, alles kam in Moroders magischem Sound zusammen, der sich wie ein überkochender heißer Brei unaufhaltsam über die gesamte Musikwelt ergoss. 1978 folgte der Produzent dem Ruf Hollywoods, siedelte nach Los Angeles über und gewann mit seinem ersten Soundtrack (zu Alan Parkers „Midnight Express“) einen Oscar. München, sonst eher für Weißwurst, Starkbier und Oktoberfest bekannt, wurde in diesen Jahren zu einem wahren Mekka der internationalen Pop-Elite. Blondie und David Bowie, Elton John oder Barbra Streisand – sie alle nahmen in den folgenden Jahren Moroders Künste in Anspruch, um ihre Produktionen mit dem Munich Sound aufzuhübschen. Auch „Miss You“, die in den USA bis heute meistverkaufte Single der Rolling Stones, lebt von einem Moroder-typischen Basslauf – eine namentliche Nennung gewährten die Stones dem Produzenten jedoch nicht.


Munich Sound 2008
Moroder, der noch immer in Los Angeles lebt, wird von seinen Weggefährten heute vor allem als Computergenie beschrieben, und tatsächlich war es die Entdeckung der ungeahnten Möglichkeiten des Synthesizers, die den Munich Sound zu einer Art frühem deutschen Hightechprodukt machte. Da erscheint es nur logisch, dass der Sound von damals heute vornehmlich in Techno- und Tranceklängen fortlebt. Momentan ist es vor allem das Münchner Label Gomma, das sich anschickt, an die deutschen Discoerfolge der 70er anzuknüpfen. Mit der Band Munk lässt Gomma derzeit eine ganze Breitseite mitsingbarer und moderner Discosongs abfeuern, die vor ungenierter Gefallsucht strotzen, als gälte es, München von heute auf morgen wieder zum Mittelpunkt der globalen Tanzmusik zu machen. Unter dem Motto „Live Fast Die Old“ feiern Munk 30 Jahre nach dem Höhepunkt der Discowelle erfolgreich die Nachhaltigkeit der Tanzmusik – und das vor allem dank einer Originalität, die nur wenige Produktionen des früheren Munich Sound auszeichnete.

Giorgio Moroder und Frank Farian, die weltweit erfolgreichsten Disco-Impresarios deutscher Herkunft, produzierten in den 70ern und frühen 80ern zahlreiche Acts, die sich oft nur ihrem Namen oder ihrer Bühnengarderobe nach voneinander unterschieden. Während sich Musiker im angloamerikanischen Raum gerade von ihren Produzenten freigespielt hatten und versuchten, sich von der Plattenindustrie zu emanzipieren, waren die Interpreten des deutschen Discosounds eher willenlose Marionetten, die schnell vor dem nächsten Studiotermin zusammengestellt wurden. Auf dem Discotrip konnten viele von ihnen zwar eine schnelle Mark machen, aber nur die wenigsten konnten darauf eine langfristige Karriere gründen. Selbst Stars wie die Bee Gees wurden später nur noch an den Erfolgen ihrer „Staturday Night Fever“-Periode gemessen.

Während die alten Ikonen vergeblich versuchen, an vergangene Erfolge anzuknüpfen, hat sich das junge Publikum der Post-Techno-Welle längst schon seine eigene Disco-Ästhetik erspielt. Jenseits von Retro und Schlagerkult feiert man das Hier und Jetzt. Ganz vorne mit dabei: der neue Munich Sound.

MICHAEL HOPP FÜR DAS ARTE MAGAZIN


ARTE PLUS

JUKEBOX: Unentbehrliche Klassiker für jede 70er-Feier:
ABBA: „Waterloo“ (1974), Bee Gees: „Stayin’ Alive“ (1977), Blondie: „Heart of Glass“ (1979), Boney M.: „Daddy Cool“ (1977), Chic: „Le Freak“ (1978), Donna Summer: „Hot Stuff“ (1979), Gloria Gaynor: „I Will Survive“ (1978), Patrick Hernandez: „Born to Be Alive“ (1979), Village People: „Y.M.C.A.“ (1977)

LINK: Videos, Musik und mehr zum „Summer of the 70s“ auf www.arte.tv/summer

Erstellt: 21-08-08
Letzte Änderung: 21-08-08