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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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17/11/05

Luigi Nono: „Fragmente – Stille, an Diotima“

Für Streichquartett / Arditti-String-Quartett


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Der Italiener Luigi Nono gehört zu den Komponisten des 20. Jahrhunderts, die nicht in Vergessenheit geraten werden. Eine aufrüttelnde Kraft geht von seinen Kompositionen aus und eine ungeheuere Sensibilisierung des menschlichen Geistes. Ein zentrales Werk in seinem Œuvre ist das Streichquartett „Fragmente – Stille, an Diotima“, das 1980 uraufgeführt wurde. Es ist eine Komposition von ausgesuchter Zartheit. Man hört 35 Minuten lang nur Musik aus den äußersten Randbezirken des Klingenden – unendlich leise Einzeltöne, getuschelte Motivfetzen, irisierende Flageolett, Geräuschhaftes, alles ist durchsetzt von Pausen.
Nono war Venezianer, er lebte auf der Insel Giudecca. Und wie sich in Venedig das Land in versprengten Inseln aus dem Wasserspiegel der Lagune erhebt, so tauchen in seinem Streichquarttet die Klangarchipele aus dem Meer der Stille auf. Die Stille ist der Urzustand, aus dem alles Tönende aufsteigt und in die Stille sinkt alles wieder zurück. Es wird in dem Stück genausoviel verschwiegen wie zum Klingen gebracht. Geheimnisvolleres ist kaum je komponiert worden.

Das Streichquartett bezieht sich auf Gedichtfragmente von Friedrich Hölderlin. Nono hat die Dichterworte in die Partitur eingetragen. Die Musiker können sie lesen, aber ausgesprochen werden sie nie. ... staunend ... eine Welt ... jeder von euch... steht da über den Noten geschrieben oder ... geheimere Welt ... allein ... seliges Angesicht ... Imaginäres, das von den Ausführenden beim Spielen mitgedacht und mitempfunden werden soll. Für Nono ist dieser Umgang mit der Sprache typisch: Immer wieder wird in seinen Kompositionen das Wort tief in die Musik eingesenkt und gleichsam in Klang aufgelöst.

„Fragmente – Stille“, das Nono zehn Jahre vor seinem Tod, am 8. Mai 1990 schrieb, markiert eine Wendepunkt in seinem Schaffen. In den fünfziger Jahren gehörte der Italiener zu den führenden Köpfen der musikalischen Nachkriegsavantgarde, die sich bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik traf. Er war Mitglied der kommunistischen Partei Italiens, aus seiner Musik sprach die flammende Anklage gegen Unterdrückung. Sie thematisierte Wut und Trauer über politische Verfolgung, propagierte den Kampf für Freiheit und eine bessere Welt. In seinem „Canto sospeso“ etwa hat er die Abschiedsbriefe von zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern vertont. Nonos Kompositionen gerieten dabei nie massentauglich oder propagandistisch. Sie waren kompromisslos im kompositorischen Anspruch – was seine linken Mitstreiter nicht selten irritierte.

Mit dem Streichquartett „Fragmente – Stille“ änderte sich der Ton in seiner Musik. An die Stelle des flammenden Wir-Gefühls und der politischen Überzeugtheit trat ein Aufbruch ins Ungewisse, Ungesicherte, Offene. Nono wurde zu einem rastlos Suchenden. Er stellte Fragen und gab sich mit Antworten nicht zufrieden. Er sagte, er versuche „etwas zu finden, nur keine Gewissheit“. Er wollte das Denken und die Wahrnehmung des Menschen durch das Eintauchen ins Innere der Klänge schärfen und berief sich auf den Schriftsteller Robert Musil: „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss auch einen Möglichkeitssinn geben.“

Nonos Kompositionen wurden leiser, brüchiger, verästelter, hermetischer. Manche warfen ihm vor, er habe seine politischen Ideale verraten und den Rückzug in die Innerlichkeit angetreten. Aber die Musik seiner letzten Schaffensphase hat von ihrer bohrenden Intensität nichts eingebüßt. Das Opus Summun der achtziger Jahre, auf das auch das Streichquartett hinzielt, ist sein Riesenwerk „Prometeo“ für Solostimmen, Chor, Instrumentalisten und Live-Elektronik, bei dem die Klänge sich auf magische Weise im Raum bewegen. Nono hat es im Untertitel eine „Tragedia dell’ ascolto“ genannt, eine „Tragödie des Hörens“. Und ein Satz des Philosophen Walter Benjamin spielt darin als latentes Leitmotiv eine prägende Rolle: „Wir besitzen eine schwache messianische Kraft, wir dürfen sie nicht verlieren“ Von der Suche nach dieser schwachen messianischen Kraft des Menschen handelt auch Luigi Nonos Hölderlin-Streichquartett.


Luigi Nono: „Fragmente – Stille, an Diotima“
Für Streichquartett
„hay que caminar sognando“ für zwei Violinen
Arditti-String-Quartett (Irvine Arditti, David Alberman, Levin Andrade, Rohan de Saram)
Naïve Montaigne Mo 782172












Rowohlt-Biografie von Jürg Stenzel

Erstellt: 02-03-05
Letzte Änderung: 17-11-05