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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

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17/11/05

Ludwig van Beethoven: "The Complete Symphonies"

René Leibowitz und das Royal Philharmonic Orchestra


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Die neun Symphonien von Beethoven sind das unverrückbare Zentrum des symphonischen Repetoires. Kein Orchester der Welt mag auf sie verzichten, jeder Dirigent muss sich an ihnen messen lassen und jeder Musikhörer hat sie im Plattenregal stehen. Welche Gesamtaufnahme soll man daher von den unzähligen, die es gibt, herausgreifen? Seinen Lieblings-Beethoven kann nur jeder für sich selbst entdecken, zumal der Interpretationskult ständig neue Nahrung erhält: Alleine in den letzten Jahren haben Daniel Barenboim mit der Berliner Staatskapelle, Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern hintereinanderweg bei großen Schallplattenfirmen Neuaufnahmen der Symphonien veröffentlicht. Und so unterschiedlich sie auch ausgefallen sind, jede CD-Box hat auf ihre Weise ihre künstlerische Berechtigung.

In den achtziger und neunziger Jahren waren es die Dirigenten der historischen Aufführungspraxis, die neue Maßstäbe der Beethoven-Interpretation gesetzt haben – Roger Norrington mit seinen London Classical Players, Nikolaus Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europe oder John Eliot Gardiner mit seinem Orchestre Revolutionnaire et Romantique. Sie haben genaueste philologische Quellenarbeit betrieben und nach dem revolutionären Elan in Beethovens Musik gesucht – mit kleinen Orchesterbesetzungen und einem vibratoarmen, schroff akzentuiertem Klang, mit sprechender Artikulation und rasanten Tempi. Ihre Deutungen haben bis heute stilprägende Wirkung.

Freilich nicht auf die Wilhelm-Furtwängler-Fraktion: Dessen Anhänger vernahmen in den Originalklang-Orchestern mit ihren historischen Instrumenten nur ein unpassend schwächliches Rasseln. Sie vermissten das Pathos, die Tragik, das Titanische bei den Norringtons und Gardiners und sahen Beethoven als Galionsfigur der bürgerlichen Kultur um seine wahre Größe gebracht. Für andere wiederum ist Arturo Toscaninis glutvoll virtuoser Beethoven-Zyklus von 1939 das Nonplusultra. Und abgesehen von alldem werden sich in vielen CD-Playern nach wie vor die glatten, langweiligen, luxurios tönenden Beethoven-Aufnahmen von Herbert von Karajan zur vollsten Zufriedenheit der Hörer drehen – weil sie die einzigen sind, die im Regal stehen.
Welche Beethoven-Aufnahme soll man also nennen?

Es gibt eine Aufnahme, die historischen Rang besitzt und trotzdem notorisch vergessen wird: Der französische Komponist, Dirigent und Musikintellektuelle René Leibowitz nahm sie Anfang der sechziger Jahre mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra auf. René Leibowitz (1913-1972), ein aus Polen stammender Wahl-Pariser, Kompositionsschüler von Anton Webern und Maurice Ravel, Lehrer von Pierre Boulez, Hans Werner Henze und vielen anderen war in seinen eigenen Werken ganz der Zwölftonmusik und der Zweiten Wiener Schule verpflichtet. Als Dirigent hat er sich – neben vielem anderen – intensiv mit Beethoven und dessen originalen Metronomangaben befasst, die lange Zeit als unspielbar schnell galten. Leibowitz stand in engem Kontakt zu dem Geiger Rudolf Kolisch, ebenfalls ein Musiker aus dem Arnold-Schönberg-Kreis, der mit seinem Aufsatz „Tempo und Charakter in Beethovens Musik" die Tempo-Diskussion maßgeblich initiiert hatte.

Leibowitz machte mit seiner Einspielung deutlich, wie atemberaubend wild und energiegeladen die Symphonien in den kritisch hinterfragten, originalen Metronom angaben klingen können – klar und unprätenziös, dennoch mit einem geladenen dramatischen Ton. Sie gerieten zu einem faszinierenden Gegenstück zu Furtwänglers pathetischer Breite. Die vierte und die siebte Symphonie überschlagen sich geradezu in ihrer Leidenschaftlichkeit, ohne dass Leibowitz je kopflos durch die Ecksätze stürmt. Wie elektrisiert erklingt die Fünfte, flüssig entspannt und wunderbar poetisch die Pastorale. Theodor Adorno, der nur äußerst selten Schallplattenkritiken schrieb, fand in der Leibowitz-Aufnahme „das paradoxe Ideal strengster Objektivität bei äußerster Differenziertheit" verwirklicht und lobte die „Entrümpelung" der Symphonien, ihre Befreiung „vom Schmutz, der als Spur des Dirigentenexhibitionismus über mehr als hundert Jahre sich darauf abgesetzt hat". Was freilich ideologischer klingt als die Interpretationen von Leibowitz selbst.

Der Schallplattenmarkt hat diese Beethoven-Aufnahme, die ursprünglich für Readers Digest produziert wurde, immer stiefmütterlich behandelt. Nur bei wechselnden kleinen Labels war sie erhältlich, jahrelang überhaupt nicht. Im Mai 2005 ist die Produktion wieder einmal neu aufgelegt worden, beim kleinen Unternehmen Scribendum. Die Auflage, so heißt es, sei auch diese Mal limitiert.

Ludwig van Beethoven: The Complete Symphonies
René Leibowitz, Royal Philharmonic Orchestra,
The Beecham Choral Society, Inge Borkh Ruth Siewert, Richard Lewis, Ludwig Weber
SC 041


Erstellt: 12-08-05
Letzte Änderung: 17-11-05