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Berlinale 2005 - Forum - 11/02/05

Lost and found

Ein Film von Nikolaj Nikitin u.a.


Six glances
at a generation

Synopsis : In der ARTE-Koproduktion „Lost and Found“ beschäftigen sich sechs junge Filmemacher in jeweils einem Kurzfilm mit dem Thema „Generation“.

Kritik : Filmemacher aus den kleineren Filmnationen Osteuropas zusammenzuführen und die dortigen Produktionsstrukturen mit ausländischer, in diesem Fall deutscher Hilfe zu unterstützen, das war das Anliegen des in Köln lebenden und in Moskau geborenen Filmkritikers und Herausgebers Nikolaj Nikitin, Jahrgang 1974. Zum Thema „Generation“ entstanden in mehreren Workshops unter professioneller Aufsicht vier höchst unterschiedliche Kurzspielfilme und ein Kurzdokumentarfilm zum Thema „Generation“, die durch eine eigenständige Animations-Geschichte („Gene-Ratio“) dramaturgisch verbunden werden.

In „The Ritual“ erzählt Nadejda Koseva von den traditionellen Hochzeitsvorbereitungen in einem bulgarischen Dorf. Doch die Eltern warten vergeblich auf den Bräutigam – der nämlich fährt gerade mit seiner Angetrauten, einer Französin, zu den Niagarafällen in die Flitterwochen. Die Glückwünsche und die Hochzeitsgesänge werden telefonisch übermittelt. Zwischen den Generationen klafft im Osten Europas eine Lücke, zwischen reich und arm, gebildet und ungebildet, doch noch ist der familiäre Faden zwischen erster und zweiter Welt nicht gerissen, der Ton optimistisch – schließlich ist Bulgarien Nato-Mitglied und bald auch in der Europäischen Union.

Jasmila Zbanic aus Bosnien-Herzegowina ist eine engagierte junge Dokumentarfilmerin und Produzentin, die bereits Mitte der 90er Jahre im belagerten Sarajevo half, ein Filmfestival zu organisieren. Geprägt von den Ereignissen des Krieges, untersucht sie in Mostar anlässlich der durch EU-Gelder geförderten Wiedereröffnung der steinernen Neretva-Brücke im Sommer 2004 den Lebensweg zweier gleichaltriger, am selben Tag geborener Mädchen, die eine im muslimischen, die anderen im kroatischen Teil der Stadt aufgewachsen. Kontakte zwischen der durch die Kriegsgreuel immer noch verfeindeten Bevölkerung gibt es bis heute trotz des Brückenbaus so gut wie keine, doch Zbanic appelliert in „Der Geburtstag“ nicht ohne Pathos an den Verständigungswillen der jungen Generation ihres immer noch unter internationaler Aufsicht stehenden Vielvölkerstaates.

Andere Beiträge geben sich weniger politisch, sondern anekdotisch, der Tradition des magischen Realismus verpflichtet . Da ist die junge rumänische Bäuerin in „Das Mädchen und der Truthahn“, die zur Finanzierung der Operation ihrer Mutter den behandelnden Ärzten nicht nur Schmiergeld, sondern auch den geliebten Truthahn opfern soll. Oder die Straßenbahnschaffnerin Vera, die in „Wunderbare Vera“ eine Straßenbahn entführt und dabei einem mutigen Polizisten begegnet.

„Lost and Found“ – der Sammelbegriff der Kurzfilmreihe trifft am besten auf den schwermütigen ungarischen Beitrag „Ein kurzer Moment der Stille“ zu, in dem ein Berater für Selbstmordfragen nach dem Tod der Mutter im Elternhaus seiner Schwester wieder begegnet. In einer schicksalhaften Nacht müssen sich beiden ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen.
Auch für die Berlinale bedeutet die Kurzfilmreihe ein Wiedersehen, waren doch alle Filmemacher Mitglieder des Talent Campus der letzten Jahre. Bleibt abzuwarten, ob aus der Völker verbindenden Filmidee eine dauerhafte Zusammenarbeit entstehen wird.

Martin Rosefeldt
Lost and found– Six glances at a generation
55. Internationale Filmfestspiele in Berlin: Forum.
„Gene + Ratio“ Regie: Mait Laas, Estland
„The Ritual“, Nadejda Koseva, Bulgarien
„Turkey Girl“, Cristian Mungiu, Rumänien
„Birthday“ von Jasmila Zbanic, Bosnien-Herzegowina
„Shortlasting Silence“, Kornél Mundruczó
„Fabulous Vera“, Stefan Arsenijevic, Serbein-Montenegro

Erstellt: Thu Feb 10 10:05:06 CET 2005
Letzte Änderung: Fri Feb 11 17:33:10 CET 2005