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Rendez-vous littéraire

Die Gewinner des Übersetzungsexperiments stehen fest!

Rendez-vous littéraire

12/03/12

Literarischer Grenzverkehr

Die Bücher von Herta Müller sind es, die von Elfriede Jelinek und Ingo Schulze natürlich auch und die von Günter Grass schon lange – nämlich übersetzt ins Französische. Doch die deutschsprachige literarische Szene ist reicher, als diese Namen vermuten lassen, und sie ist jünger. Drei Autoren um die 50, die seit Jahren mit ihren Büchern in Deutschland Aufsehen erregen, durchaus auch im Ausland, haben bisher noch nicht den Weg über die Grenze ins Nachbarland Frankreich gefunden. Es könnten auch fünf oder zehn sein. Aber irgendwo muss man anfangen, findet unser Rezensent Jörg Plath. Warum nicht mit Judith Kuckart, Ulrich Peltzer und Marcel Beyer?

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„Rendez-vous littéraire!“
Im April 2010 fand ein gemeinsames Literaturfest der Akademie der Künste, der Botschaft der Republik Frankreich und der Villa Gillet in Lyon statt. Es ging darum, die Besonderheit der deutsch-französischen Beziehungen im Literaturbereich zu analysieren und die aktuell wichtigsten jüngeren Autoren Frankreichs dem deutschen Publikum vorzustellen. 2013 soll dieser Dialog fortgesetzt werden - vorraussichtlich in Paris - mit einer Präsentation der wichtigsten deutschen Schriftsteller. Vielleicht sind Judith Kuckart, Ulrich Peltzer und Marcel Beyer ja dabei und haben bis dahin womöglich einen französischen Übersetzer gefunden?

Ulrich Peltzer (*1956)
gilt als der politischste Autor seiner Generation. Sein schmales Werk aus bisher vier Romanen und einer Erzählung hat von Anfang an Anerkennung bei der Kritik gefunden. Eine größere Leserschaft lernte ihn erst 2007 mit „Teil der Lösung“ kennen. Wie alle seine Bücher bis auf „Bryant Park“ (2002) spielt der Roman in Berlin, wo Peltzer seit 1975 lebt, und erzählt von Kontrolle und Vertrauen. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen dem freien und schlecht verdienenden 36-jährigen Journalisten Christian Eich, der sich für die Roten Brigaden interessiert, und der Studentin Nele, die antikapitalistische Anschläge verübt. Christians Freunde empfehlen die Universität als Ausweg aus dem Prekariat, der Staatsschutz ist hinter Nele her, und so spannt der Roman einen Bogen zwischen dem Staat, dem „System“, sowie dem Widerstand heute und in den 70-er Jahren. „Teil der Lösung“ ist unterhaltsam und tempo- und abwechslungsreich durch geschickte Schnitte und Wechsel der Erzählperspektiven.

Ein sprachkritischer und -bewusster Erzähler
Mit den fortentwickelten erzählerischen Mitteln der Moderne löst Peltzer in seinen frühen Romanen „Die Sünden der Faulheit“ (1987) und „Stefan Martinez“ (1995) eher die Identität seiner beruflich und gesellschaftlich nicht etablierten Helden auf. Ungeheuer viele, präzis registrierte Details, Handlungen und Erinnerungsfragmente fließen ineinander, und auch die Sprache verliert ihre Einheit, sie besteht aus Zitaten, Klammern, Dialekten, Passagen ohne Interpunktion. Solche Anknüpfung an die Formexperimente der Moderne tritt in den folgenden Büchern zurück. Peltzer bleibt ein sprachkritischer und -bewusster Erzähler, doch es wird deutlicher, dass er erzählend mit der Enttäuschung der Linken und um ein sinnvolles, selbstbestimmtes Leben ringt.

Judith Kuckart (*1959)
gründete zunächst ein Tanztheater, erarbeitete Stücke und inszenierte sie. Erst dann begann sie Prosa zu schreiben, in deren Mittelpunkt stets Annäherungen an Menschen stehen, oft voller Begehren, immer scheiternd und historisch gesättigt. "Parallelen schneiden sich erst im Unendlichen" lässt Kuckart in ihrem Roman „Kaiserstraße“ (2006) eine Figur sagen und erzählt, ausgehend vom Tod der Edelprostituierten Nitribitt 1957, von Parallelen in 50 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte.

Historisches Interesse prägt Kuckarts erste Bücher
Im Debüt „Die Wahl der Waffen“ (1990) forscht die Journalistin Katia ihrem ehemaligen Kindermädchen Jette, einer späteren Terroristin, nach und fantasiert die möglicherweise Verstorbene mit Hilfe von Briefen herbei, um den terroristischen Kampf zugunsten des literarischen Schreibens zu verabschieden. „Die schöne Frau“ (1994) setzt sich mit dem nationalsozialistischen Lebensborn auseinander, und in „Lenas Liebe“ (2002) besucht Magdalena Krings mit Freunden das KZ Auschwitz. Die Geschichten aller Reisenden, ob sie nun von gescheiterter Liebe oder von Kindheitserinnerungen handeln, „gehören irgendwie zusammen“, so heißt es einmal – auch mit dem Vernichtungslager. Der überaus gelungene, geschickt mit Andeutungen und Auslassungen arbeitende Roman verhandelt neben vielen anderen Fragen auch die nach dem Sinn des Lebens. Er spricht von Polen als deutscher Erinnerungslandschaft in großer Ernsthaftigkeit und schwebender Leichtigkeit.

In zwei Büchern von Judith Kuckart tritt die deutsche Geschichte zurück. „Die Verdächtige“ (2008) ist ein Kriminalroman mit Kommissar und Leiche. Die Figuren gehen allerdings ständig in die Falle von Ähnlichkeiten und Parallelen, was dem dramatischen Bogen und den Ermittlungen nicht immer bekommt. Das zweifellos beste Buch von Judith Kuckart ist „Der Bibliothekar“ (1998). In der kühl erzählten, tödlich endenden Obsession eines Bibliotheksangestellten für eine Stripteasetänzerin bündelt Kuckart alte und älteste Motive der Literatur: Leben und Kunst, Macht und Ohnmacht, Wirklichkeit und Erfindung.

Marcel Beyer (*1965)
hat in seinen Büchern einen weiten Weg zurückgelegt. Der erste Roman „Menschenfleisch“ (1991) erzählt eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte, die nicht leicht lesbar ist, weil die Liebe und auch Eifersucht darin eine rein sprachliche Angelegenheit ist. Der Roman steckt voller (am Ende offen gelegter) Zitate, und alle Aufmerksamkeit gilt der Sprache, den Sprechwerkzeugen, dem „Sprachkörper und (der) Körpersprache“ und dem Versuch, sich den Körper des Liebesobjekts einzuverleiben.

Die (post-) strukturalistische Sprachpilosophie ist 2008 in dem Roman „Kaltenburg“ nicht mehr aufspürbar. Das Buch ist trotz mehrfach gebrochener Erinnerungsperspektiven und detailreichen, präzisen Beschreibungen spannend und mühelos zu lesen. Ein 1934 geborener Mann begegnet einem Freund seiner Eltern, dem einunddreißig Jahre älteren Zoologieprofessor Ludwig Kaltenburg, wieder, wird dessen Student und Mitarbeiter. Kaltenburgs Leben unter den Nationalsozialisten, in der DDR und zuletzt in Österreich erscheint allerdings teilweise höchst fragwürdig. Der Roman zeigt in eindringlichem, ruhigem Ton, wie Erinnerungen verbergen und verschweigen.

Ein sensibler und präziser Autor und Lyriker
Die NS-Geschichte und die mediale wie individuelle Erinnerung an sie beschäftigt Beyer seit seinem zweiten Roman „Flughunde“ (1995) über den nationalsozialistischen Tontechniker Hermann Karnau, das Röcheln Sterbender aufnimmt, bei der SS grausame Kehlkopfoperationen durchführt und die letzten Stunden von Hitler und Goebbel miterlebt. In „Spione“ (2000) tritt zur deutschen Geschichte und ihrer Überlieferung deren Wirkung auf die folgenden Generationen. Auch „Vergeßt mich“ (2006), eine Erzählung über einen verlorenen Freund in Spanien, handelt vom Erinnern und seinen Medien. Mit diesen Themen setzt sich Beyer auch in zahlreichen Gedichten auseinander – so sensibel und präzis, so nachdenklich und formal reflektiert wie wohl niemand sonst in der deutschen Literatur.

Eine Rezension von Jörg Plath, Mai 2011



Erstellt: 11-03-11
Letzte Änderung: 12-03-12