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Ars Electronica 2005 - "Hybrid - Living in Paradox" - 14/09/05

"Listening between the Lines": Jaap Blonk & Golan Levin

Im Videoclipzeitalter gehört die Visualisierung von Musik allerorts zum guten Ton – auch bei der Ars Electronica: Beim Konzertabend "Listening between the Lines" bekamen Computer- und Photokünstler die Gelegenheit, bildliche Assoziationen zu gestandenen Orchesterkompositionen und Elektronik-Stücken zu entwerfen.

Die Idee selbst ist nicht neu; es reicht, an Scriabin's Farbenklavier zu erinnern. Nicht immer ist diese Erweiterung durch eine visuelle Komponente dem Werk selbst jedoch zuträglich — insbesondere wenn es sich um Stücke der Musique Concrète, der elektroakustischen und akusmatischen Musik handelt, bei denen ja bewusst durch Zurückstellen des Sehsinns ein "Kino fürs Ohr" angestrebt wird, bei dem der Hörer sich voll auf die akustischen Phänomene konzentrieren soll, die ihm bei der üblichen Konzentration auf den Gestus der Musiker verborgen bleiben.

So stach aus dem fünfstündigen Fundus der "Listening between the Lines"-Initiative vor allem eine Interpretation heraus, bei dem die Kombination eines Avantgarde-Klassikers mit moderner Computeranimation zu mehr wurde als nur netter Illustration:

Jaap Blonk's Version von Kurt Schwitters "Ursonate" in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Medien- und Kommunikationskünstler Golan Levin.

Während der niederländische Vokalist und Klangpoet Jaap Blonk mit ausladender Mimik und Gestik den Dada-Klassiker interpretiert und überdimensional auf Grossbildleinwände übertragen wird, generiert Golan Levin in Echtzeit die "Partitur", die Kurt Schwitters Ende der 20er Jahre zu Papier gebracht hatte, und lässt sie in unterschiedlichen Grössen, Richtungen und Mustern neben Blonk durchs Bild laufen… "Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwiiee…" Technisch ist dies auf den ersten Blick lediglich eine anspruchsvolle Konzentrationsaufgabe — konzeptuell trifft Golan Levins Schriftgenerator jedoch voll ins Schwarze:

Natürlich geht es bei Schwitters' Lautgedicht "Sonate in Urlauten" (oder eben "Ursonate") auch um einen frühen Meilenstein der Gattung Lautpoesie, bei der Sprache als Klang aufgefasst wird. Schrift und Buchstaben ergeben keinen erzählerischen Sinn, sondern sind Material für komponierte Laut-Artikulationen, welche die Aufmerksamkeit auf die phonetische Qualität abseits literarischer Bedeutung lenken. Hier schafft Levin die Gelegenheit zum "Mitlesen", während Jaap Blonk's Gesichtsmuskeln und Stimmbänder kraftmeierische Schwerstarbeit verrichten und aus dem spröden Buchstabengewirr ein sonores und theatralisches Spektakel machen, bei dem die 'Partitur' nicht mehr nachvollziehbar ist.

Und doch ist es ja gerade die Struktur der Schwitter'schen 'Partitur', die die "Ursonate" als ätzendes und kritisches Dada-Werk kennzeichnen. Denn hier ging es Schwitters um eine Karikatur der künstlerischen Ausdrücksformen der abgewirtschafteten Bourgeoisie, deren tradiertes konservatives Wertesystem mit dem Ersten Weltkrieg vollends unglaubwürdig — und zur privilegierten Zielscheibe des Dada-Spotts geworden war. Und so verfasste Schwitters sein avantgardistisches Buchstaben-Durcheinander entsprechend der klassischen Sonatenhauptsatzform — mit vier Sätzen, Rondo und Kadenz im vierten Satz.

Genau diese konzeptuell wichtige Dimension geht bei öffentlichkeitswirksamen Interpretationen des Dada-Klassikers oft verloren — und Golan Levins jenseits von jeglicher Effekthascherei eingesetzen Textanimationen vermitteln eben diese Struktur in perfekter Einfachheit:

Fümms bö fümms bö wö fümmes bö wö täää?
Fümms bö fümms bö wö fümms bö wö tää zää Uuuu?
Rattatata tattatata tattatata
Rinnzekete bee bee nnz krr müüüü?
Fümms bö
Fümms bö wö
Fümmes bö wö täää????

Diese Zusammenarbeit eines Ausnahme-Performance-Künstlers und eines Medienkünstlers, der sich zum konzeptuellen Gelingen auch zurücknehmen kann, zeigt im Musikprogramm der Ars Electronica, dass es bei "technologischer Kunst" nicht auf spektakuläre Virtuosität neuer Apparate ankommt.

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Links und Infos
>> Jaap Blonks Biografie
>> Jaap Blonks offizielle Website
>> Golan Levins offizielle Website


Jaap Blonk's Diskographie

Solo
- Kurt Schwitters, Ursonate (BVHaast, 1986, 2003)
- Flux de Bouche (Staalplaat, 1993)
- Liederen uit de Hemel (Poezie Perdu, 1993)

- Vocalor (Staalplaat, 1998)
- Averschuw (Kontrans, 2001)

BRAAXTAAL
- BRAAXTAAL (Kontrans, 1993)
- Speechlos (Kontrans, 1997)
- Dworr buun (Kontrans, 2001)

Splinks
- Splinks (Kontrans, 1993)
- Consensus (Kontrans, 1997)

Mens & Blonk
- Bek (Brombron, Staalplaat, 2002)

Improvisationstrios
- Jaap Blonk, Mats Gustafsson, Michael Zerang (Kontrans, 1996)
- Jaap Blonk, Jan Nijdam, Bart van der Putten (Kontrans, 1996)
- Jaap Blonk, Fred Lonberg-Holm, Michael Zerang (BUZZ ZZ, 1998)
- Jaap Blonk, Carl Ludwig Hübsch, Claus van Bebber (Kontrans, 2003)


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Kultur Digital
Festival
Ars Electronica
Reportage von Jens Hauser
September 2005
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Erstellt: 14-09-05
Letzte Änderung: 14-09-05