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Filmfestival

Vom 7. bis 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, Stars und Sternchen aus dem Filmgeschäft geben sich die Ehre am Potsdamer Platz.

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Vom 7. bis 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, Stars und Sternchen aus dem Filmgeschäft geben sich die Ehre am Potsdamer Platz.

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Locarno 2007 - Piazza Grande - 01/09/08

Le Voyage du ballon rouge

Ein Film von Hou Hsiao Hsien


Hou Hsiao Hsien auf Urlaub in Paris - der Spaziergang eines Kinoliebhabers und die Überbringung einer einfachen und anrührenden Botschaft

(2007, Frankreich, 1h53)
Mit Juliette Binoche, Simon Iteanu, Song Fang, Hippolyte Girardot…

Synopsis: Simon (Simon Iteanu) ist sieben Jahre alt. Ein geheimnisvoller roter Ballon folgt ihm durch Paris, setzt seinen Weg über die Dächer fort, findet das Kind in der Metro wieder, lässt sich von einem verrückten Kerl in einem grünen Overall den Weg weisen. Suzanne (Juliette Binoche), Simons Mutter, ist Puppenspielerin und bereitet ihr neues Stück vor. Vollkommen in ihr Werk vertieft, fühlt sie sich von ihren Alltagspflichten überfordert und beschließt, Song Fang, eine junge Filmstudentin, zu engagieren, damit sie ihr bei der Versorgung ihres Sohns behilflich ist.

Interview mit...

Juliette Binoche
Hsiao Hsien Hou
Trailer
(Real Video)


Kritik: Dieser erste französischsprachige Film des Taiwanesen Hou Hsiao Hsien, ein vom Musée d’Orsay in die Wege geleiteter Auftrag, ist vor allem im Zusammenhang mit einer Entdeckung zu sehen, die nur ein Kinoliebhaber machen kann: dem gleichnamigen Film von Albert Lamorisse (1956). Dieses poetische und urbane Manifest des Regisseurs von „Der weiße Hengst“ (1952) geht von einer vergleichbaren Ausgangssituation aus – die zufällige und gesellige Wanderschaft eines Kindes und eines Ballons, die aufs Geratewohl durch die Straßen von Paris ziehen – und ist sozusagen das hiesige Pendant der Filme von Ozu geworden, die sich als Inspirationsquelle für den Film „Café Lumière“ erwiesen, den Hou Hsiao Hsien 2004 in Japan gedreht hat, ohne Kenntnis der Sprache oder des in den Aufnahmen verwerteten Stadtbilds. „Le Voyage du ballon rouge“ ist jedoch weniger als zeitgenössisches Remake einer Rarität des französischen Kinos, als vielmehr als ein originelles und persönliches Werk zu sehen. Auf eine angenehme, dem Alltäglichen verbundene Art illustriert es die Fähigkeit seines Regisseurs, sein künstlerisches Schaffen an einen anderen Ort zu verlagern, wie auch seinen strengen Stil, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. HHH kennt auch Paris nicht und ist ebenso wenig der in diesem Film ausschließlich gesprochenen französischen Sprache mächtig. Dennoch vermittelt er von Paris ein erkennbares Bild, glaubwürdig und ausreichend überzeugend, um nicht am erwarteten Hindernis von Allgemeinplätzen zu scheitern: die Spaziergänge im Park, die beruflichen und häuslichen Auseinandersetzungen eines jeden, die Umgebung der Place de la Bastille.

Der Film ist jedoch extrem einfach gehalten in seiner Struktur und selbst wenn Hou Hsiao Hsien behauptet, dass er dem roten Ballon keine metaphorische Dimension habe verleihen wollen, ist es doch so, dass das Spielzeug und das Kind die einzigen freien Figuren eines Films bleiben, in dem die Erwachsenen in Abhängigkeit von ihren finanziellen und beziehungstechnischen Unstimmigkeiten leben. In einer Wohnung (einem tatsächlich existierenden Ort und keinem Studiomotiv), für dessen enge Räume die Einstellungen sorgfältig vorgenommen worden sind – wie es bei dem Regisseur des Films „la Cité des douleurs“ immer der Fall ist -, sind diese großen Personen in einem unstimmigen und missgelaunten Verhalten gefangen, einer Art des Abdriftens, die durch den starren Charakter der Einstellungen und der häuslichen Ausstattung noch verstärkt wird. Simon ist umgeben von Erwachsenen, seine Mutter ihrerseits von aufdringlichen Bekannten, dennoch belastet letztere die Einsamkeit sehr. Durch die farbliche Veränderung ihrer Haare – ein überraschendes, gleichzeitig einfaches und geniales Mittel - gelingt es der blond gefärbten Juliette Binoche Suzannes empfundenes Unbehagen zu vermitteln, ihre angespannte und mürrische Art, wenn sie nicht ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht, einer sie ganz erfüllenden Tätigkeit, die auch der Schauspielerin auf der Leinwand große Freude zu bereiten scheint. Für Hou Hsiao Hsien sind Künstler wie der Puppenspielmeister, der Suzanne empfängt, und der Klavierstimmer, der sich um das von der besorgten Mutter neu erworbene Instrument kümmert, Figuren, die das Verständnis erleichtern und die Welt besser inszenieren. Eine einfache und nützliche Botschaft, die man nicht herunterspielen sollte, umso mehr als dem Regisseur etwas gelingt, woran Wong Kar Wai gerade gescheitert ist (mit dem Touristenwerk „My Blueberry Nights“) und wo sich der Österreicher Michael Haneke ungewöhnlich zögernd gezeigt hatte (in seinem ganz bewusst und passend benannten Film „Code: unbekannt“, auch schon mit Juliette Binoche): Die Auseinandersetzung eines Autors mit einem Universum und kulturellen und sprachlichen Codes, die ihm zunächst einmal völlig fremd sind.

Julien Welter

Erstellt: 04-02-08
Letzte Änderung: 01-09-08