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14/05/04

Le Conseguenze dell’Amore

(Italien, 2004, 1 Std. 40 Min.)
von Paolo Sorrentino
mit Toni Servillo, Olivia Magnani, Adriano Giannini, Raffaele Pisu, Angela Goodwin
 
Synopsis: Jeder Mensch hat ein eigenes, verschwiegenes Geheimnis. Titta Di Girolamo jedoch hat mehrere. Das ist offensichtlich. Warum sollte sonst ein südländischer Mann von fünfzig Jahren seit acht Jahren in einem gewöhnlichen Hotelzimmer in einer anonymen Kleinstadt in der italienischen Schweiz leben? Acht Jahre, ohne zu arbeiten. So scheint es jedenfalls. Jahre voller Schweigen und voller Zigaretten, Jahre, die dieser Mann in der immer gleichen Kleidung zwischen Eingangshalle und Hotelbar verbrachte, ohne sich das geringste Vergnügen zu gönnen. Jahre der Routine, in der ständigen Erwartung, dass irgendetwas Ungewöhnliches geschieht. Doch was könnte schon geschehen? Titta beobachtet, unbeirrbar erforscht er das Leben, das sich vor ihm abspielt, ohne jeglichen Anflug von Gefühlen oder Emotionen. So scheint es. Ein einsamer, bindungsloser Mann, der in den Jahren verloren gegangen ist – vertieft in die Betrachtung seiner Geheimnisse.
 
Kritik: Ein nobles, kaltes Hotel irgendwo in einer ruhigen Stadt in der italienischen Schweiz. Jeden Tag steht in einem der Zimmer ein Mann in dunklem Anzug auf und geht in die Eingangshalle. Jeden Tag setzt er sich dort in den gleichen Sessel und schaut ohne mit einer Menschenseele zu sprechen aus dem Fenster. Bereits in den ersten Bildern seines Films lässt Paolo Sorrentino eine merkwürdige Atmosphäre der Langeweile entstehen, die von der schnörkellosen Umgebung im kalten Licht bläulicher und bronzefarbener Lichtreflexe sowie von den eindringlichen, messerscharfen Einstellungen noch unterstrichen wird. Dies alles steht in völligem Einklang mit der Erzählweise. In erster Linie filmt Sorrentino einen Mann – oder besser gesagt ein bedrückend beunruhigendes Rätsel. Der Mann mit Zigarette.
 
Der innere Monolog dieses Hellsehers fasziniert Sequenz für Sequenz, Aphorismus für Aphorismus. Gewissermaßen als Doppelgänger des Regisseurs schaut er düster und verschlossen auf eine Welt, in der Sonnenstrahlen oder Momente des Glücks ebenso selten sind wie das flüchtige Lächeln, das über Tittas Züge huscht. Sehr spät erst wird das Geheimnis dieses Mannes gelüftet, der zurückgezogen, fern von seiner Familie lebt: Als Ausgleich für gescheiterte Milliardengeschäfte an der Börse im Auftrag der Cosa Nostra opfert der erfolglose Geschäftsmann und Broker der Organisation sein Leben. Doch die vielen kleinen Details, die man zufällig über ihn erfährt –während eines Kartenspiels mit einem vor dem Ruin stehenden Ehepaar oder während des unerwarteten Besuchs seines Hippie-Bruders – geben bereits ein klares Abbild seiner Innenwelt.

Mit seinen anonymen, streng ritualisierten Abläufen ist das Hotel eine ideale Metapher für die unerbittliche Moderne und birgt den Mann mit der Zigarette doch fernab vom Weltgeschehen wie in einer Schatulle – genau wie das Sanatorium die in ihren eigenen Ängsten gefangenen Kurgäste in Thomas Manns „Zauberberg“. Die elektronische Musik von Notwist bildet einen krassen, perfekt kühlen und eindringlichen Kontrapunkt zu Tittas Leben, das von Toni Servillo meisterlich verkörpert wird. Der Film erfährt einen Wendepunkt in dem Moment, als Titta sich entschließt, zu leben und das Risiko einzugehen, zu lieben und zu begehren. Plötzlich rutscht er ins Genre des Gangsterfilms. Der Entschluss zu leben ist gleichbedeutend mit dem Entschluss zu sterben. Ironische Mafiaszenen wechseln sich ab mit der Darstellung absurdester Gewalt.
 
Ein derartiger Umgang mit blutigen Szenen und schockierenden Situationen weckt Assoziationen an „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ von Jim Jarmusch. Die letzten Augenblicke und die letzten Wörter von „Conseguenze dell’Amore“ brechen in ihrer extremen Schönheit und absoluten Traurigkeit auf den Zuschauer herein: der leere Blick eines aufgehängten Mannes über einer endlosen Weite aus Schnee und Eis.
 
Delphine Valloire

Erstellt: 14-05-04
Letzte Änderung: 14-05-04