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Der Krimi des Monats - 07/11/06

John Le Carré: Geheime Melodie

Eine Rezension von Tobias Gohlis


75 ist er und sein antiimperialistisches Herz glüht: John Le Carré nimmt es in „Geheime Melodie“ erneut mit der Globalisierung auf.

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Sein Held ist, wie meist in den letzten Büchern, einer dieser eher unscheinbaren Mittler zwischen Kulturen und Stoffen. Ein Schneider, ein Fremdenführer, jetzt also der Dolmetscher Bruno Salvador. Wie seine Vorgänger ist er von einem gar nicht so geheimen Stolz erfüllt. Geboren als ein „Kind, das es nicht gibt“ – so lautet die Übersetzung seines Spitznamens moto wa swiri – hat er es vom Bastard eines irischen Missionars und einer wunderschönen Schwarzen aus Kivu zum hochbezahlten Spezial- und Spitzendolmetscher gebracht, der sogar für den Geheimdienst arbeiten darf und in den höchsten Kreisen verkehrt. Schließlich stammt seine Ehefrau Penelope, Spitzenreporterin, aus eben diesen und hält sich ihre Mokkasahnemischung als Distinktionsgewinn und Bettschatz zugute.

Man sieht: Bruno Salvadors Verhältnisse scheinen gesichert, sind aber prekär. Wie prekär, werden wir am Ende wissen, wenn er mit weniger als dem Leben davongekommen ist. Bis dahin geschehen ihm große Dinge. Das erste große Ereignis, das wie eine Explosion über ihn kommt, ist die Liebe zur Kivu-Krankenschwester Hannah, die leidenschaftlich für den Frieden in ihrem Ost-Kongo kämpft. Sie kennt den Weg, das geheime Wissen an die richtigen Stellen zu leiten, das Bruno während einer äußerst geheimen Wochenendübersetzungsaktion auf einer abgelegenen und namenlosen Nordseeinsel gewinnt. Dort haben sich unter der Ägide einiger outgesourcter Agenten vier Chiefs/ Leader/ Warlords aus Kivu, dem zerrissenen Ostkongo versammelt, um einen Staatstreich zu planen und die zu erwartenden Gewinne zu verteilen.
Doch bis Bruno der Erlöser so weit kommt, bis er an verwertbares Material über das geplante Verbrechen an Hannahs (und zur Hälfte auch seinem) Volk gelangt, vergehen viele, etwas zu viele Seiten, auf denen le Carré wunderbar ironisch, anspielungsreich, die großen Hoffnungen und das gute Herz seines Protagonisten vorführt.

Dieser Roman gewinnt seinen Reiz aus dem, was Le Carré nicht tut. Obwohl ein gewaltsamer Putsch in einem der rechtlosesten, reichsten und von Völkermord verwüsteten Gebiete der Welt geplant wird, liegen die Schauplätze ausschließlich dort, wo die Musik komponiert wird, die im fernen Afrika spielen soll: in Europa. Hunderttausende, so vermuten Hannah und Bruno, werden zugunsten der Profite einiger Weniger sterben, aber schmutzige Hände macht man sich im weißen Europa nicht. Alles wird mit ein paar schaumigen Reden und windigen Verträgen erledigt, am brutalsten ist immer noch ein kleiner Verwaltungsakt.
Kein Entsetzen, keine aufgespießten Köpfe, kein gehauchtes „Das Grauen, das Grauen.“ Nichts als business as usual. So sieht das Böse von heute aus.


Von Tobias Gohlis



Erstellt: 07-11-06
Letzte Änderung: 07-11-06