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Rendez-vous littéraire

Die Gewinner des Übersetzungsexperiments stehen fest!

Rendez-vous littéraire

Rendez-vous littéraire. Ein französisch-deutsches Literaturfest - 26/05/14

Laurent Mauvignier und Ulrich Peltzer

TANDEM: "Politik und Gewalt" aus der Sicht von Laurent Mauvignier und Ulrich Peltzer

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In Kooperation mit der Akademie der Künste in Berlin


Laurent Mauvignier: Der Romancier und die Politik

Engagierte Menschen seien ihm lieber als jede Art von engagierter Literatur, notiert Albert Camus in seinen Carnets (1945-48), und Courage im Leben und Talent im Schaffen zu beweisen, sei ja auch schon nicht übel…Besser kann man es wohl kaum sagen.
Betrachten wir als Erstes doch einmal die Bezeichnung Schriftsteller. Sie ist ein Sammelbegriff für alle Schreibenden, denen das Wie ihres Schreibens wichtig ist. Ob Lyriker, Romanschriftsteller, Essayisten, Journalisten, ob Männer oder Frauen – sie alle werden als Schriftsteller bezeichnet, als seien ihre unterschiedlichen Verfahrensweisen unwichtig.

In Frankreich bezeichnet das Wort seit der Aufklärung den engagierten, das heißt, den politisch engagierten Intellektuellen. Er ist derjenige, der die Zielrichtung der uns Regierenden zu korrigieren hat. Damit wird das Schreiben in erster Linie zu einer Waffe, die etwas aufs Korn nimmt, und zu einem Transportmittel, um die Empörung unters Volk zu bringen.
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Laurent Mauvignier
Biographie und Bibliographie

Aber es gibt Menschen, deren Kunst sich dem Zwang, eine Meinung zu äußern oder Kampfgeist zu zeigen, nicht beugen will – selbst wenn der Kampf gerechtfertigt wäre. Es gibt Künstler, deren ganzes Leben eine Art unzeitgemäßes Engagement ist.
Ich denke dabei an Pierre Bonnard, der seine Frau malt, ohne dass deren Altern und der Tumult des Jahrhunderts je sein Schaffen beeinträchtigen. Und dennoch würde wohl kaum jemand die Behauptung wagen, dieser Mann habe sich nicht engagiert wenn auch ausschließlich in seinem Werk.

Das Herausstreichen der persönlichen Freiheit – malen, während die Welt zusammenbricht – zeugt von einer geradezu hochmütigen, skandalösen und großartigen Gleichgültigkeit, in der sich aber genau jene Unabhängigkeit verwirklicht, nach der so viele Schriftsteller, die eine Botschaft vermitteln wollen, sich sehnen; sie selbst, wie auch ihre Werke, kranken an einem Sagen-wollen, das aber ausschließlich von denen abhängt, die ihnen Gehör zu schenken bereit sind. Das ist gewiss skandalös. Gleichgültigkeit der Welt gegenüber ist egoistisch, ist unverzeihlich. Jeder hat seinen Beitrag zur gemeinsamen Menschheitsgeschichte zu leisten, und sich dem entziehen zu wollen, gilt als unanständig. Künstlerisches Schaffen ist keine Tätigkeit außerhalb des sozialen, ökonomischen, politischen Terrains.

Dennoch glaube ich, dass jemand, der auch nach dem Zusammenbruch der Welt unbeirrt weiter malt, viel für die Menschheit und das Menschliche in ihr leisten würde, auch wenn – wenn nicht gar vor allem – es den Anschein hat, sein Tun sei nutzlos, obsolet, weil es kein Ziel und keine andere Begründung habe als sich selbst. Dass solche Worte aus meinem Munde verstörend wirken können, kann ich mir leicht vorstellen, zumal ich bei meiner Arbeit nicht auf Anprangerung und Zorn verzichte. Das stimmt, aber mein gegen die Welt gerichteter Zorn ist keine Botschaft, sondern ein Substrat.
Antrieb meines Schreibens ist die Frage, ob Sprache sich nicht vielleicht doch manchmal gegenüber einer Bewegung, der Bewegung der Welt, zu behaupten vermag, und zwar gerade dann, wenn man uns nötigen will, klein beizugeben.

Ich habe keine Botschaft. Oder doch: Schreiben ist Botschaft. Sagen, dass man sagen will, das ist die Botschaft. Und damit begebe ich mich auf politisches Terrain und beziehe Stellung: Eine Stimme versucht, das Wunder zu vollbringen, ihre Existenzberechtigung in einer Welt, die – aufgrund eigener Schwäche oder Härte – Schweigen oder Nicht-sein verordnen will, zu behaupten.

Politisch in der Kunst ist aber auch, was zum Nachdenken über die Welt anregt. Kunst und Literatur im Besonderen können nur gewinnen, wenn die guten Absichten des Autors in Vergessenheit geraten, denn häufig sind sie nur der Abklatsch von Gemeinplätzen der Epoche – Krieg, Krankheit und auch Ungerechtigkeit kann niemand gutheißen.
Zeigt er, ohne beweisen zu wollen, wird der Künstler mehr tun, als nur zu zeigen. Der Schriftsteller soll zum Denken, zum Nachdenken anregen, nicht aber seinen Gesichtspunkt durchsetzen wollen; er stelle Fakten, Bilder, Worte und Situationen, Landschaften nebeneinander, die in ihrer Gesamtheit keinen Sinn aufzwingen, sondern Sinn erzeugen.

Realistisch braucht er nicht zu sein, aber das Reale braucht er. Es ist an ihm, es umzuwandeln, eine Metamorphose vorzunehmen. An Werkzeug dafür besteht kein Mangel: Metaphern, Parabeln etc. Und schon mit dem ersten, das er ergreift, vollzieht er einen politischen Akt: Er schreibt, und das Wie seines Schreibens ist Ausdruck seiner Singularität. Und dass er etwas aussagt, enthält bereits die Verweigerung des Nicht-seins oder, um Kafka zu paraphrasieren, lässt ihn heraustreten aus den Reihen der Mörder.

Mit seinem Schreiben bekundet er, dass der Stoff der Welt durch neues, nämlich sein eigenes Material ergänzt werden kann. Anlässlich der olympischen Spiele in Peking war alles, das vom Fernsehen gezeigt werden würde, frisch gestrichen worden, um Umweltverschmutzung und Armut zu übertünchen, ungeachtet der Tatsache, dass direkt nebenan das Elend herrschte; aber da man es nicht sehen würde, existierte es nicht.
Die Entscheidung, zu zeigen oder nicht zu zeigen, ist gleichbedeutend mit der Entscheidung, etwas auszusprechen oder zu verschweigen. Was man nicht zeigt, existiert nicht.
Aufzeigen, was für gewöhnlich verschwiegen wird, Menschen, über die man nicht spricht, Orte, die man nicht sehen will, Situationen, die man lieber vergisst: Sich zu entscheiden, etwas zu zeigen oder zur Sprache zu bringen, ist ein politischer Akt.

In der Literatur gibt es keine toten Winkel, auch keine unzulässigen Themen. Die Realität ist diese nicht hierarchisierte, kompakte und schwer durchschaubare Masse, die das Leben vor uns ausbreitet. Das politische Weltbild eines Künstlers resultiert aus der Gesamtheit der von ihm getroffenen Entscheidungen. Daraus erwachsen ihm seine Themen.
Sie gelangen an die Oberfläche wie etwas Heikles, das man bisher lieber nicht anfasste. Die „Sujets“ eines Buches sind die Folgen einer werkimmanenten Ästhetik – und nicht umgekehrt. Als sichtbarer Teil des Eisbergs verdrängt das Sujet leider häufig die Kunst ins Dunkel, ohne die es doch nicht einmal Gestalt bekommen
hätte.
Das ist der Grund für meine Entscheidung, hier nicht weiter darauf einzugehen.


Aus dem Französischen Von Annette Lallemand


Ulrich Peltzer: Politik und Gewalt

Vier Agitatoren, die einen fünften, der zuviel Mitleid an den Tag legte, ermordet haben, begründen ihre Tat vor einem Bühnen-Parteigericht, einem sogenannten Kontrollchor, mit folgenden Worten:

„Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut/Da doch nur mit Gewalt diese tötende/ Welt zu ändern ist, wie/ Jeder Lebende weiß./ Noch ist es uns, sagten wir/ Nicht vergönnt, nicht zu töten. Einzig mit dem/ Unbeugbaren Willen, die Welt zu verändern, begründeten wir/ Die Maßnahme.“

So heißt auch das Lehrstück Brechts von 1930, Die Maßnahme, dem diese Zeilen entnommen sind. Im Rückblick auf die Entstehungszeit des Stücks wie auf die Geschichte der kommunistischen Orthodoxie als dem historisch folgenreichsten Versuch, die Welt zu ändern, bzw. eine „neue Welt“ zu schaffen, scheint mir dreierlei bemerkenswert: Neben der im 20. Jahrhundert in zahlreichen Varianten (politisch, ästhetisch etc.) auftauchenden Gewissheit, dass eine Weltveränderung um jeden Preis in Angriff zu nehmen sei, die damit oft verbundene und als unhintergehbar verstandene Konsequenz, es habe das mit Gewalt zu geschehen (da die zu ändernde Welt selbst eine tötende ist), sowie die grausame Bereitschaft, auch Mitglieder der eigenen Bewegung zu opfern, d. h. zu töten, sollten sie sich im Kampf um die Welt als dysfunktional erweisen.

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Ulrich Peltzer
Biographie und Bibliographie
Nach den Erfahrungen der letzten hundert Jahre, die uns zu einer Befreiung des Politischen von jeder Art eschatologischer Rhetorik geführt hat und das Brecht’sche Blankverspathos ziemlich alt aussehen lässt, ist eigentlich nur noch die vage Hoffnung geblieben, es könne – irgendwie – möglich sein, die Welt – irgendwie – zu einem Platz ohne Elend zu machen. (In der Kunst: einem Ort avanciertester Ansprüche).

Kategorisch ausgeschlossen bleibt die Option der Gewalt, die sich unverhüllt allein noch in Bandenkriegen, in ‚ethnischen Säuberungen’ und niedrigschwelligen Militäreinsätzen zeigt, in der Regel fern von Europa, also uns. Verloren gegangen ist im Prozess dieser nachholenden Säkularisierung politischen Handels ein umfassenderer Begriff von Welt als dem eines bloß globalökologischen Zusammenhangs, einer Summe technischer Relationen (das Klima, die Staatsverschuldung, Wachstumsraten und Börsenkalamitäten).

Im Bezug auf die in Brechts Maßnahme verhandelte Entscheidung notiert Alan Badiou in Das Jahrhundert: „Heute wissen wir, dass, wenn die Idee tot ist, auch der Henker stirbt. Die Frage ist, ob aus dem legitimen Wunsch nach dem Tod des Henkers auch der Imperativ ‚Lebe ohne Idee’ folgen muss.“

Das Problem könnte also darin bestehen, wie man wieder zu einer Idee von Welt kommen kann, die einerseits über das rein Technische (‚den Untergang abwenden’) hinausginge, und andererseits die in jeder Repräsentationsform verborgene Gewalt auch und eben gegen Vertreter dieser Idee, verhindern würde.
Dass man in der Zukunft überhaupt eine solche Idee braucht, scheint mir (in letzter Zeit häufiger) unausweichlich zu sein; nicht zuletzt die Renaissance des Religiösen deutet darauf hin, und wenn es etwas zu verunmöglichen gilt, dann eine erneute Aufladung der Diskurse (um Weltveränderung) mit sakralen Elementen.

Mit Prophezeiungen und Ankündigungsgesten, mit deklamierender Unschuld so gut wie mit all den kaum verhohlenen Drohungen, wie sie der anfangs zitierten Passage bis zur Unverdaulichkeit eingeschrieben sind. Im weitesten Sinn müsste es um ein Bild des 21. Jahrhunderts von sich selbst gehen, das eine andere Referenz für politische Architekturen bieten würde als jene, die das 20. in seinem Exzess von Heilsbotschaft und Militanz zur Verfügung gestellt hat.

Dass dazu immer zwei gehören, insbesondere was die Frage der Gewalt betrifft (die Welt als eine immer noch tötende), kann hier nicht weiter ausgeführt werden.
Und auch nicht, wie erforderlich eine solche Referenz wäre, um Wiederholungen zu vermeiden. Wozu nur das Denken imstande ist, nicht aber das Gedächtnis.
Doch damit betreten wir ein neues Feld, das hier nicht zur Debatte steht.

Erstellt: 13-04-10
Letzte Änderung: 26-05-14