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Cannes 2005 - Wettbewerb - 23/05/05

Last days

Ein Film von Gus Van Sant


Die letzten Tage eines Rockmusikers
- vor seinem Selbstmord

Das Schicksal eines verzweifelten amerikanischen Rockstars hat Gus Van Sant zu einer vielschichtigen ästhetischen Meditation inspiriert.

USA 2005, 97 Min.
Mit Michael Pitt, Asia Argento, Lukas Haas

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Gus Van Sant und Michael Pitt "Last days"
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Synopsis: Der introvertierte Rockmusiker Blake (Michael Pitt) schlafwandelt durch die letzten Tage seines Lebens. Immer wieder zieht es ihn aus seinem großen, massiven Steinhaus in die Natur. Er flüchtet vor dem immensen Druck, der von seinem Manager, seinen Freunden, eigentlich von jedem auf ihn ausgeübt wird.

Kritik: "Last days" beginnt mitten in der Natur, an einem kleinen Wasserfall. In einer totalen Einstellung vom gegenüberliegenden Ufer aus sieht man einen jungen Mann mit langen blonden Haaren, der nur mit einer Pyjamahose und einem T-Shirt bekleidet ist. Er zieht sich bis auf die Unterhose aus und geht kurz schwimmen. Anschließend stolpert er durch den Wald. Er verbringt die Nacht dort an einem kleinen Feuer, an dem er sich wärmt und seine nassen Sachen trocknet. Am nächsten Morgen begibt er sich auf den Heimweg. Die Kamera bleibt dicht hinter ihm, folgt ihm. Er gelangt zu einem großen Steinhaus, in dem er offensichtlich wohnt. In der Küche bereitet er sich Frühstück zu. Die Cornflakes stellt er in den Kühlschrank, die Milch bleibt draußen, er wirkt sichtlich verwirrt. Am Kühlschrank haftet ein Notizzettel: „Das Gewehr ist oben im Schlafzimmer“. Bis zu diesem Zeitpunkt könnte der blonde junge Mann ein beliebiger Slacker sein. Dass er ein genialer Musiker ist, der sich von seiner Umwelt enorm unter Druck gesetzt fühlt, das können wir noch nicht ahnen. Dies erschließt sich erst nach und nach.

Der amerikanische Independentregisseur Gus Van Sant hat mit seinen letzten drei Filmen "Gerry" (2002), "Elephant" (2003) und nun "Last days" ein Kino geschaffen, das neue Sehgewohnheiten fordert. Für "Elephant", das das Highschoolmassaker von Littleton zum Thema hat, wurde er in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ihm ist es gelungen, seine Vision von Filmen zu realisieren, die den Zuschauer ganz anders fordern und einen anderen Teil seines Gehirns ansprechen, als dies üblicherweise der Fall ist. Mit seinen aufwendigen Soundcollagen, der kaum vorhandenen Geschichte und Dramaturgie wird mehr das Unterbewusstsein als das Bewusstsein des Zuschauers angesprochen. Diese Filme liefern keine fertigen Thesen, sie werfen vielmehr Fragen auf und wecken Gefühle. Ein höchst spannendes Experiment, wenn man sich darauf einlässt und ein wenig Geduld mitbringt.

"Last Days" ist inspiriert von den letzten Tagen vor dem Selbstmord des Nirvanafrontsängers Kurt Cobain, der sich 1994 in seiner Heimatstadt Seattle mit einem Gewehr erschoss. Viel recherchiert über dessen Tod hat Gus Van Sant jedoch nicht, er wollte ja schließlich keine Doku drehen, sondern sich vielmehr von den tatsächlichen Ereignissen zu seinem Film inspirieren lassen. Sein Film ist wie ein trauriges, verwirrendes Gedicht in mehreren Akten. Klugerweise zeigt der Regisseur weder Drogenkonsum noch die Tat selbst. Er konzentriert sich ganz auf den somnambul wirkenden –selbstredend durch Drogen ausgelösten – Zustand von Blake und folgt ihm unablässig durch seine letzten Stunden. „Erfolg ist subjektiv“, sagt Blake im Film einmal zu einem Freund von ihm. Der Preis für Blake ist hoch – viel zu hoch; schließlich kostet er ihn sein Leben.

Nana A.T. Rebhan


Synopsis: Blake (Michael Pitt) ist ein junger, von den Fans vergötterter Rockmusiker, der jedoch zurückgezogen am Waldrand lebt. In seinem großen, heruntergekommenen Haus trifft er auf ein paar Bekannte. Diese bewegen sich unablässig, doch völlig planlos und in apathischer Untätigkeit im Umfeld des Stars, der ihnen in ihrer antriebslosen Gemütslage in nichts nachsteht. Seine Berühmtheit scheint den kontaktscheuen, grummeligen Blake förmlich zu erdrücken. Während er nur noch ziellos umherwandert, versuchen seine Manager, ihn noch einmal zu einer einträglichen Welttournee zu bewegen. Blake schaut nur, hört zu und wartet auf die Erlösung.

Kritik: Der Film „Last Days“ ist dem Sänger Kurt Cobain gewidmet und basiert wie auch seine Vorgänger „Elephant“ und „Gerry“ auf Zeitungsmeldungen, entwickelt sich aber zu einer freien und plastischen Variation über ein an sich gar nicht melodramatisches Thema. Mit seinem pathetischen, weltentrückten Wesen, das einmal mehr von modernen und typisch amerikanischen Figuren à la Beckett und Tennessee Williams inspiriert ist (denn Gus Van Sant bewundert nicht nur Bela Tarr!) ist Blake eine undurchsichtige, tiefgründige Figur und Teil eines Universums, das gleichermaßen greifbar und abstrakt ist. Für sein Porträt macht Gus Van Sant einmal mehr Anleihen bei diversen filmischen Meisterwerken: Das riesige, verwinkelte Haus in isolierter Lage beispielsweise weckt unweigerlich Assoziationen an „Psycho“ und „Shining“. Ein geschickter Kunstgriff, der dazu führt, dass das Gebäude gewissermaßen zur Hauptrolle wird. Darüber hinaus verarbeitet der Regisseur auch eigene filmische Elemente ohne jedoch bloße Blaupausen anzufertigen oder, was noch schlimmer wäre, lehrmeisterlich vorzugehen.

Die Inszenierung von „Last Days“ ist in der Tat weniger gradlinig als im gefeierten Film „Elephant“. Sie ist freier und vielschichtiger. In den Szenen, die an die Handlung rund um das als Hauptschauplatz gewählte Gymnasium in „Elephant“ erinnern, lässt die Kameraführung Blakes zielloses Herumwandern gemessener erscheinen, und das gilt für den gesamten Erzählaufbau. Versatzstücke aus Horror- und Rockfilm, Melodrama und schwarzer Kommödie lockern die Struktur des Filmes auf, ohne sie dabei aufzulösen. Mehr noch als bloße Routinearbeit zu leisten verlegt sich Gus Van Sant auch in diesem Werk aufs Experimentieren. Leider ist das Gefüge dabei nicht ganz frei von Ungereimtheiten. So ist die Episode des falschen chinesischen Zauberers zwar geschickt gewählt zur Illustrierung der völligen Vereinnahmung Blakes, der dem Medienrummel nicht mehr gewachsen ist. Andere Szenen jedoch, in denen der Regisseur sich selbst zitiert (etwa bei der Anspielung auf „Gerry“ im Konzertsaal), oder aber die Verkleidungsszenen als Symbol des Wunsches, in eine andere Haut schlüpfen zu können, wirken etwas weit hergeholt. Dennoch wird das Moment des Absurden und Grausamen sowie des schlechten Geschmacks gekonnt eingesetzt, und so ist „Last Days“ eine hübsche, giftige Meditation, die man am besten ganz ohne große Erwartungen auf sich wirken lässt.

Julien Welter


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Last Days
Ein Film von Gus Van Sant
(USA, 2004, 97 Min.)
Mit: Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento


Erstellt: 13-05-05
Letzte Änderung: 23-05-05