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Cannes 2006 - Offiziueller Wettbewerb - 17/09/08

La raison du plus faible

Ein Film von Lucas Belvaux


Wie aus einfachen Menschen Verbrecher werden
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

Belgien/Frankreich 2005, 116 Min.
Mit Eric Caravaca, Lucas Belvaux, Natacha Regnier, Patrick Descamps, Claude Semal

Synopsis: Patrick, Jean Pierre, Robert und Marc spielen regelmäßig in einem Pub Karten. Als das Mofa von Patricks Frau Carole seinen Geist aufgibt, ist nicht genug Geld vorhanden, um ein Neues zu kaufen. Jean-Pierre und Robert haben eine Idee, wie sie an Geld kommen, um ein neues Mofa zu kaufen - doch diese führt sie geradewegs in die Illegalität.

Kritik: Belvaux erzählt die Geschichte eines Raubüberfalls. Dabei interessiert er sich vor allem für die Beweggründe, die die Skatrunde dazu bringt, sich für eine kriminelle Aktion zu entscheiden und sich als Band zu formieren. In der Exposition zeigt er in langen Einstellungen den Alltag der beteiligten Personen. Patrick (Eric Caravaca) hat zwar studiert, aber findet keine Arbeit. Deshalb kümmert er sich um seinen kleinen Sohn und pflegt seinen Schrebergarten. Jean Pierre (Patrick Descamps) sitzt im Rollstuhl. Er wohnt im 20. Stock eines Sozialbaus, in dem der Lift ständig zusammen bricht. Jean-Pierre hat eine große Wut auf die Ämter. Sein Freund Robert (Claude Semal) trägt ihn dann auch mal die Treppe hinunter, damit die Skatrunde nicht ins Wasser fällt. Carole (Natacha Regnier) arbeitet hart in einer Plätterei und Marc (Lucas Belvaux) in einer Bierfabrik. Jeden Tag muss er sich dumme Sprüche gefallen lassen, wie „hart richtige Arbeit doch sei.“ Er hat mehrere Jahre im Gefängnis verbracht, weil er einen bewaffneten Raubüberfall begangen hat.

Der Film konzentriert sich auf die ausführlichen Vorbereitungen zu der Tat, die so gut wie ein Film geplant sein will. Ein Ort, die „Location“ will gefunden, Waffen beschafft, der Raub in allen möglichen Varianten durchgespielt werden. Marc testet Robert, ob dieser wirklich bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, und auf einen Menschen zu schießen. Belvaux beobachtet seine Figuren ganz genau, wie sie sich allmählich verändern, wie die geplante Tat für sie Gestalt annimmt. Jean Pierre organisiert Waffen. Als Robert Patrick von ihrem Plan erzählt, steigt Marc aus – er will nicht, dass ein Familienvater in das Verbrechen involviert ist. Robert und Patrick spielen mit den Waffen wie kleine Jungs – sie „schießen“ aufeinander und fallen tot um. Aber bis dahin wissen sie noch nicht einmal, wie man eine Waffe lädt. Munition erst macht aus dem Spielzeug eine Waffe.

Mit einer Hand voll Figuren zeigt Lucas Belvaux, wie normale Bürger zu Verbrechern werden. Warum sie das tun, erklären ihre Lebensumstände. Wenn es nicht einmal zu einem Moped reicht, gehen die Träume kaputt. Belvaux verklärt dabei nie den Weg, den die Skatrunde einschlägt. Im Gegenteil. Marc – den er selbst verkörpert – warnt die anderen immer wieder. Noch könnten sie in ihre normales Leben zurückkehren. Als sie das Geld für die Waffen sammeln, wäre es genug, um damit ein neues Moped zu kaufen. Doch sie können nicht mehr zurück, denn ihre innere Einstellung hat sich bereits zu sehr verändert. Sie wollen nicht mehr in ihr mittelloses Leben zurückkehren – koste es, was es wolle.

La raison du plus faible ist so beunruhigend, weil er den Nerv der Zeit trifft. Er entspringt einem Gefühl der Angst, das in der Arbeiterschicht in vielen europäischen Ländern herrscht. Steigende Arbeitslosenzahlen kombiniert mit einer unsicheren Zukunftsperspektive. Lucas Belvaux: „Ich habe Angst, wir steuern auf eine Gesellschaft zu, die toleriert, nun ja nicht toleriert, aber akzeptiert, dass ihre gebrechlichsten Mitglieder sich um sich selbst kümmern müssen. Nach und nach werden die Menschen am Rande der Gesellschaft, die nicht wissen, was sie tun sollen, nicht länger an die Demokratie glauben.“ Was in so einem Fall passieren könnte, das zeigt der Film. Er hat kein Happy End. Er darf kein Happy End haben.

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 24-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08