Dienstag, 29. Dezember 2011 um 0.10 Uhr
Anlässlich der Ausstrahlung der letzten Sendung von LA NUIT / DIE NACHT kommt Paul Ouazan auf die 10 Jahre dieses Schaffens zurück. Er hat eine Blütenlese der Schlüsselmomente von 2002 bis 2011 erarbeitet, die Sie hier entdecken können.
LA NUIT / DIE NACHT hört also nach einer 10-jährigen Existenz auf. 10 Jahre voller sprudelnder kreativer Aktivität, voller Begegnungen und geteilter Experimente mit Künstlern aus allen möglichen Bereichen: Videokünstler, Sänger und Musiker, Schriftsteller, Dichter, Schauspieler, Maler, Photographen, Grafikdesigner, Tänzer, Dokumentarfilmer … Mit ihnen haben wir uns für die menschliche Existenz in ihrer mysteriösesten und unerklärlichsten Form interessiert. Unser Blick war weder dokumentarisch noch journalistisch. Unsere Sichtweise war poetisch. Ja, die Poesie. Sie war das Schlüsselwort im Lichte dessen wir uns jeden Monat bemüht haben, Sendungen herzustellen die gewissermaßen „Maschinen zum Nachdenken“ sein sollten, Maschinen, die es ermöglichen, die Welt anders zu sehen.
La Nuit war also eine „Fernsehsendung“. Als solche wollten wir beweisen, dass Fernsehen eine vollwertige, eigenständige Kunstpraxis sein kann und soll. Form und Inhalt wieder zusammenführen, langweilige und stereotype Formen des Fernsehens ausschließen, die bis zum Überdruss fortgeführt werden. „Das Prinzip der Mindestaktivität“ wie Paul Valery es sinngemäß ausdrückt, um das routinemäßige künstlerische Verhalten seiner Zeit anzuklagen. Paul Valéry, wie er leibt und lebt!
Jede künstlerische Aktivität muss sich selbst hinterfragen und Risiken eingehen. Es ist unsere Pflicht, uns in Gefahr zu bringen. Es gibt keine künstlerische Praxis, die sich selbst nicht wie einen Stierkampf betrachten sollte, sagt Michel Leiris über die Literatur. Ja, ich glaube, dass das Fernsehen, betrachtet man es als Kunstform, sich selbst in Gefahr bringen muss, um so, dann und wann, zumindest den
Schatten des Horns des Stieres vorbeihuschen zu sehen.
Wir haben unser Schaffen also in Frage gestellt, wir haben recherchiert, wir haben versucht, einen neuen Beitrag zu den Experimenten, die uns vorangegangen sind, beizutragen, mit anderen Worten: Wir haben versucht, in aller Bescheidenheit die Sprache der Bilder voranzubringen.
Im Endeffekt war es das Mindeste, was wir tun konnten. Wir haben nichts erfunden, das es nicht schon gab. La Nuit schreibt sich in eine künstlerische Fernsehtradition ein, zu der sie sich laut und deutlich bekennt. Ich denke dabei natürlich an die Abteilung für Recherche der Rundfunkanstalten RTF und ORTF, die Pierre Schaeffer gegründet hat und aus der geniale Bastler wie Raoul Sangla, Jean Frapat oder Gérard Patris hervorgegangen sind.
Ich denke auch an Pierre Dumayet, der leider vor ein paar Wochen verstorben ist.
Ich kann diese unzähligen Pioniere nicht alle beim Namen nennen, diese Voltigierer der Phantasie, die das Fernsehen manchmal vergisst.
Und wie könnte ich Thierry Garrel vergessen, dessen Weg auch über die Abteilung für Recherche ging, und unter dessen Verantwortung ich das Glück hatte, 12 Jahre lang zu arbeiten, beim damaligen Kulturkanal
La Sept, der später
Arte wurde. Er hat mich unter anderem gelehrt, meinen Blick zu schärfen.
LA NUIT/ DIE NACHT war also ein experimenteller Fernsehmoment in der Nacht. Während dieser 10 Jahre waren mein Team und ich selbst sehr glücklich!
Ein Kapitel wird zugeschlagen, aber das
Atelier de Recherche von Arte Frankreich geht weiter.
Also bis sehr bald.
Paul Ouazan