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18/05/04

La Niña Santa

von Lucrecia Martel
(Spanien, 2004, 1 Std. 56 Min.)
mit Mercedes Morãn, Carlos Belloso, Alejandro Urdapilleta

Offizielle Auswahl – Wettbewerb
 
Synopsis: Im nicht mehr ganz neuen Hotel Termas in La Ciénaga findet ein HNO-Kongress statt. In den Fluren, im Speisesaal, im Schwimmbad – überall begegnen sich die Mediziner, das Hotelpersonal und einige Jugendliche wie Josefina und Amalia. Amalias Familie gehört das Hotel. Während das Mädchen durch das Gebäude schlendert, läuft es immer wieder Dr. Jano in die Arme. Dieser ist völlig durcheinander, seit es zu einer erotischen Begegnungen gekommen ist. Der Wissenschaftler weiß immer weniger mit der Situation umzugehen und so wächst das Unbehagen.
 
Kritik: Auslotung von Machtverhältnissen, Klassen- und Geschlechterkampf, Unbehagen, das unmerklich zu Abneigung wird, Konfrontation des Glaubens mit der Wissenschaft – eine beinahe literarische Fülle von Themen tritt in der rätselhaften, schwebenden Atmosphäre des Films „La Niña Santa“ zu Tage. Lucrecia Martels Erzählweise und ihre filmische Arbeit zeigen ihre Sicht der verdorbenen, durch die soziale Kluft verformte Gesellschaft (renommierte Ärzte und anonymes Personal, Mittfünfziger und Heranwachsende usw.). Es ist eine mäandernde, indirekte und reptilartige Herangehensweise, die deutlich macht, um wie vieles die Weiblichkeit unbequemer sein kann, besonders für Männer.
 
Ähnlich wie in ihrem ersten Film „La Ciénaga“ begreift Lucrecia Martel den Stoff ihres Films (hier jedoch mit noch größerer Konsequenz und viel Humor) als ein erstickendes, feuchtes, urwaldartiges Gewirr, durchzogen von Lianen und von störenden Insekten bevölkert. Josefina und Amalia gehen ihrem Glauben auf den Grund und entdecken gleichzeitig die Macht ihrer Weiblichkeit. Dr. Jano gelingt es nicht, seine Triebe zu beherrschen, obwohl er zu denjenigen gehört, von denen man Stärke und Ausgeglichenheit erwartet (die Wissenschaftler und die Hoteleigentümer). Ihr Zusammentreffen kann nur in Missverständnissen enden, aber ist dies wirklich eine schlechte Nachricht?
 
Immer mehr Fragen stellen sich: Wie soll man die teuflische Versuchung von Gottes Ruf unterscheiden oder die Hingabe eines jungen Mädchens von der Rache einer Kindfrau? Oder aber die Feigheit des Dr. Jano von seinen berechtigten Zweifeln? Lucrecia Martel liefert keine Antworten. Vielmehr stürzt sie uns buchstäblich in den Abgrund, den sie selbst aufgerissen hat, um unsere Aufmerksamkeit zu steigern und unsere vermeintliche Sicherheit in den Grundfesten zu erschüttern. Dies entspricht ganz ihrer alles andere als zimperlichen Ästhetik. Ihr Film begeistert dennoch, denn er hat nichts Masochistisches, sondern entspringt einem wohltuenden und fruchtbaren Infragestellen.
 
Julien Welter
 

Erstellt: 16-05-04
Letzte Änderung: 18-05-04