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Venedig 2004 - 17/09/04

L'intrus

Ein Film von Claire Denis
Wettbewerb

Synopsis: In seiner einfachen Hütte an der schweizerisch-französischen Grenze lebt Louis Trebor ein Eremitenleben. Einsam durchstreift er mit seinen beiden Huskies die bewaldeten Berge und oft fühlt er sich, als würden ihn die Schatten seiner Vergangenheit verfolgen. Trebors Körper ist robust, allein sein Herz will nicht mehr richtig schlagen. Die Beziehung zu seinem Sohn, der eine Grenzbeamtin geheiratet hat, ist erkaltet. Trebor sehnt sich zurück in sein altes Leben – einst war er als junger Mann in der Südsee an Land gegangen und hatte dort einen Sohn gezeugt. Werden eine Transplantation und die Reise in die Vergangenheit ihn ans Ziel seiner Träume bringen?

Kritik: „L’Intrus“ bedeutet auf französisch etwa soviel wie„heimliches, gesetzwidriges Überschreiten“ oder „Eindringen“. Heimlich versuchen sich beispielsweise nächtens die illegalen Grenzgänger in die Schweiz einzuschleichen. Heimlich bewegt sich auch der alternde Louis Trebor, gespielt von Claire Denis’ Lebensgefährten Michel Subor, durch dieses Gebiet, bewaffnet mit einem Messer und bewacht von seinen edlen Hunden. Etwas ebenso Brutales wie Verletzliches, der Ausdruck des Überdrusses und gleichzeitiger sehnsuchtsvoller Suche haften seinem ergrauten Gesicht an. Subor scheint einerseits nach seiner verlorenen Jugend zu suchen, denn sein Herz und seine Potenz lassen ihn allmählich im Stich, trotz körperlicher Ertüchtigung. Aber auch die Phantome und Dämonen aus seinem früheren Leben scheinen ihm keine Ruhe zu lassen. Da ist die Frau in der Nachbarschaft mit den vielen wilden Huskies im Gehege, gespielt von Béatrice Dalle, die Denis ironisch als „Königin der nördlichen Hemisphäre“ bezeichnet. Eine stolze, starke Frau, die sich weder von Subor berühren lassen noch später seine Hunde annehmen will, als dieser verreist. Als umgäbe diesen in seiner Vergangenheit lebenden Mann der Makel eines Unantastbaren, zu dem man besser auf Distanz geht. Da ist Subors Sohn SIDNEY (Grégoire Colin), verheiratet mit einer Grenzbeamtin und Vater zweier Kinder, der vom weit gereisten und geschäftlich erfolgreichen Vater links liegen gelassen wurde und in seinem Schatten nie wachsen konnte. Jetzt hasst er ihn dafür. Sporadisch, aber dafür umso bedrohlicher erscheint auch eine junge, russische Frau (Katia Golubeva), eine Art Todesengel, der Subor mit den Untaten seiner Vergangenheit zu konfrontieren weiß. Auch vermag sie ein neues Herz für den Geschäftsmann zu organisieren. Die Frage bleibt, ob es sich auch wieder mit Leben und Gefühlen füllen lässt. Dann gibt es seine Geliebte, die Apothekerin, gespielt von Bambou, der einstigen Frau von Serge Gainsborough, die ihn mit Medikamenten und Zärtlichkeiten versorgt, ohne Erfolg. Und schließlich das etwas pummelige wilde Mädchen, gespielt von Isabelle Hupperts Tochter Lolita Chammah, die ebenfalls mit ihrem Hund in der Wildnis unterwegs ist, allein und mit ihren reinen Präsenz Licht und Schatten ausbalancierend in Claire Denis’ ebenso verstörend schönem wie kryptischen Film.

Die Figuren in „L’Intrus“ können denn auch als ebenso konkrete Menschen wie abstrakte Archetypen gelesen werden in einer Welt umspannenden Geschichte über den Kampf eines Mannes gegen seinen Tod. Zugleich könnte man die Geschichte auch deuten als den Kampf zwischen zwei Generationen – zwischen jener Nachkriegsgeneration, der auch Trebor angehört, die zu Geld und Karriere gekommen ist mit teilweise fragwürdigen Methoden und der ihrer Kinder, die sie deshalb auf dem Gewissen hat, weil sie ihr Erziehung und Entfaltungschancen verweigert hat. Inspiriert wurde die französische Filmemacherin, die einst als Assistentin von Wim Wenders anfing, von dem gleichnamigen Essay des Straßburger Philosophen Jean-Luc Nancy, in dem er die metaphysischen Aspekte einer Herztransplantation untersucht. Sowie von der lange Zeit verschollenen Verfilmung des Robert Louis Stevenson-Romans „The Ebb Tide“ des früheren Chabrol-Drehbuchautoren Paul Gegauff. Darin spielte Subor in den 60gern einen Mann, der in Tahiti an Land geht, um dort vergeblich sein Glück zu suchen. Ausschnitte daraus montiert Denis in ihren Film, als wären es Erinnerungssplitter ihres Protagonisten, der nach einem Abstecher in Südkorea schließlich ebenso wie der Stevenson-Held in der Südsee landet. Dort endlich scheint er Frieden zu finden, fallen die Dämonen der Vergangenheit von ihm ab, auch wenn sein Wusnsch nicht in Erfüllung geht.

Claire Denis ist mit ihrem hervorragend fotografierten (Kamera. Agnes Godard) und montierten Film (Schnitt: Nelly Quettier), über den sich eine schnarrende E-Gitarre und ein wilder Schlagzeugbeat legt, sicher das größte erzählerische und formale Wagnis auf diesen Filmfestspielen in Venedig eingegangen. Keine logischen Erklärungen werden am Schluss für die vielen rätselhaften Bilder nachgereicht, sondern der Zuschauer wird mit dem letzten Geheimnis der menschlichen Existenz, wild, brutal und schön zugleich, allein aus dem Kino entlassen.

Martin Rosefeldt

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L'intrus
Regie: Claire Denis
Drehbuch: Claire Denis & Jean Pol Fargeau
Darsteller: Michel Subor, Grégoire Colin, Katia Golubeva, Bambou, Béatrice Dalle u.a.
Frankreich, 2004, 130’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb

Erstellt: 10-09-04
Letzte Änderung: 17-09-04