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> Sendung vom 27. Juni 2003 > Backstage - Baskenrock

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24/06/03

Backstage - Baskenrock

Ausstrahlung am Freitag, den 27. Juni 2003 um 19.00 Uhr
Redaktion: ARTE France / Program 33

Backstage - Baskenrock
Herzlich Willkommen im Baskenland an der Bucht von San Sebastian, oder "Donostia" besser gesagt, denn so nennen die Basken diese schöne Stadt im Norden von Spanien. Aber das sind auch keine Spanier... Musik und Politik, ein explosiver Cocktail, vor allem bei den radikalen baskischen Rockern. Aber sie haben dazu gelernt. Tracks liefert den Beweis.

Euskadi, das Baskenland, in dem drei plus vier eins geben soll: Die drei Provinzen in Frankreich plus die vier in Spanien sollen zu einem Land vereint werden. Von der Unabhängigkeit träumt ein Großteil der knapp drei Millionen Basken, die Euskera sprechen. Hinter den Postkartenmotiven sprechen die Mauern der Stadt Klartext. Lange Zeit in Frankreichs Schulen unterdrückt und unter der Diktatur Francos verboten, hat die baskische Sprache in der Musik überlebt. Seit 1982 ist Baskisch sprechen erlaubt, kommt allerdings noch immer einer politischen Stellungnahme gleich. Der "radikale Baskenrock" propagiert die Thesen der Unabhängigkeitskämpfer und stellt sich so gegen den französischen und spanischen Staat.

Skunk sind typische Vertreter des radikalen Baskenrocks und können auf über zehn Jahre Punk-Ska-Reggae-Core-Aktivismus und fünf Alben zurückblicken. Die sechs Musiker, französische und spanische Basken, wechseln virtuos zwischen ihren drei Sprachen. Ihr Hauptquartier haben sie in der französischen Grenzstadt Hendaye aufgeschlagen, deren Bevölkerung im Sommer auf ein Fünffaches anschwillt.

Anfang des Jahres hat der Direktor der baskischen Tageszeitung Egunkaria die rüden Methoden angeprangert, mit denen er verhört wurde. Die UN geht von 58 Folterungen allein im Jahr 2002 aus, und von fast 1000 innerhalb der letzten zehn Jahre - wohl Spuren der 40-jährigen Franco-Diktatur. Nach der Bombardierung des baskischen Dorfes Guernica durch Hitlers Truppen ignoriert Franco alle regionalistischen Forderungen. 20 Jahre später nimmt ihm die ETA, - ETA steht für "Baskenland und Freiheit" -, dafür seinen Nachfolger Carrero Blanco.

Obwohl die junge spanische Demokratie dem Baskenland Autonomiestatus zubilligt, driftet die ETA in die Illegalität ab. Journalisten, Akademiker oder Politiker wie der Abgeordnete der Volkspartei Miguel Angel Blanco fallen ihr zum Opfer. Nach seiner Ermordung gehen Millionen von Menschen auf die Straßen.
Heute nutzt der spanische Präsident Jose Maria Aznar die nach dem 11. September verschärfte Antiterrorpolitik dazu, die Partei "Batasuna", den politischen Arm der ETA, auf die Liste der internationalen Terrororganisationen zu setzen. Ein Journalist der Madrider Tageszeitung ABC geht so weit, die baskische Rockband Su Ta Gar und ihre Fans als "Hurensöhne" und "zwielichtige Analphabeten" zu beschimpfen.

Im tiefsten Herzen des spanischen Baskenlandes liegt Eibar, die Hochburg von Su Ta Gar. In der Industriestadt zeugen stillgelegte Fabriken von der Wirtschaftskrise der 80er Jahre, die hier fast jeden zweiten Jugendlichen um seinen Job gebracht hat. Die Graffitis verdeutlichen das ausgeprägte baskische Identitätsgefühl, das die ganze Region prägt. Su Ta Gar waren 88 die erste baskische Heavy-Metal-Band, die sich offiziell zur nationalistischen Linken bekannt hat. In den 90ern verkörpern sie mit Jo Ta Ke, übersetzt: "bedingungslos bis zum Triumph", den militanten Radikalismus. Trotz ihrer über 600 Auftritte und sieben Alben mussten sie auf Druck der Zeitung ABC drei ihrer Konzerte absagen.

Aitor - Su Ta Gar
Sie werden es nicht schaffen, unsere Kultur und die Power eines ganzen Volkes, das hinter ihr steht, zu vernichten. Im Gegenteil, der Hass, den sie so schüren wird uns alle einigen und gegen sie verbünden. Und das, obwohl die Massenmedien die Spanier mit Propaganda überschütten und den spanischen Nationalismus anheizen, indem sie alles verteufeln, was baskisch ist. Aber all das wird das Gegenteil bewirken. Dadurch werden sie das baskische Nationalgefühl nur noch verstärken.

Im April 2003 bekommt Fermin Muguruza den spanischen Musikpreis für das beste Lied in baskischer Sprache. Fermin Muguruza hat in den letzten 20 Jahren die beiden bekanntesten und einflussreichsten Popgruppen des Baskenlandes, Kortatu und Negu Gorriak, gegründet. Außerdem war er Kopf des Independent-Labels Esan Osenki, das rund hundert Platten im Programm hatte und damit den Stoßtrupp der Baskenrock-Bewegung bildete. Nach seiner Auflösung vor drei Jahren hat das Label Metak diese Funktion übernommen. Jitù, der Kopf von Metak, ist ein Aktivist der ersten Stunde und schwört auf "Do it yourself". Inzwischen machen sich die radikalen baskischen Gruppen auch für eine "Alternative Globalisierung" stark. Jitus Label hat jetzt eine internationale Abteilung, die Künstler wie Manu Chao, Zebda oder die mexikanische Band Tijuana No produziert. Als der Zapatas-Führer Marcos im Oktober 2002 mit einem Brief aus Chiapas die baskischen Nationalisten unterstützt, erwähnt er auch seinen Freund Fermin Muguruza.

Jitù
Wir nehmen diese Künstler unter Vertrag, weil wir uns anderen Problematiken gegenüber öffnen und sensibilisieren wollen. Wir wollen damit erreichen, dass sich unsere Perspektive nicht allein auf die Baskenfrage beschränkt.

Vier Millionen Basken leben außerhalb des Baskenlandes, deshalb fusioniert die Musik aus Euskadi allmählich mit der World Music. Seit drei Jahren gibt es die BED, die "Bask Electronica Diaspora", ein Kollektiv von 33 Künstlern, die nach London, Buenos Aires, Paris, Madrid und Toulouse emigriert sind oder aber in ganz urtümlichen baskischen Dörfern wie Itxassou leben. Txomin Larronde alias Tcho und Emmanuel Clerc verkörpern eine neue Künstlergeneration, die ihre baskische Identität über das Sampeln traditioneller Klänge definiert.

In San Sebastian, der zweitgrößten Euskadi-Stadt nach Bilbao, spricht die Hälfte der Bevölkerung baskisch. Über Jahre hinweg galt die Altstadt als wichtigstes Zentrum des Widerstands. Heute verschmelzen hier alle erdenklichen musikalischen Stilrichtungen. Manch einer scheint hier die Ära der rauchenden Colts vergessen zu wollen, aber seine Wurzeln kann eben keiner verleugnen.

Skunk - Infos auf der Website ihres Labels Skunk Diskak: http://skunkdiskak.free.fr/press/presstext_deu.htm
Su Ta Gar - offizielle Website: http://www.sutagar.com/ (auf Baskisch und Spanisch, andere Sprachen sind in Vorbereitung)
Fermin Muguruza - offizielle Website: http://www.muguruzafm.com/ (zum Teil in englischer und französischer Sprache)
Metak - offizielle Website des Labels: http://www.musikametak.com (auch auf Englisch und Französisch)
BED - offizielle Website: http://www.beddiskak.com (auf Englisch und Französisch)

Erstellt: 02-09-08
Letzte Änderung: 24-06-03