Zwischen Pinochet und Pikachu
Drei Jahre nach seinem Tod treibt der Geist Pinochets in Chile noch immer sein Unwesen. Während dreißig Jahren manövriert er sein Land ins totale Abseits – es herrscht Eiszeit. Bei seiner Beisetzung 2006 treffen 60.000 nostalgische Anhänger des Generals auf ein Volk, das seine Befreiung feiert. Bis zu Pinochets Staatsstreich 1973 ist Chile unter dem Sozialisten Salvador Allende eines der fortschrittlichsten Länder Lateinamerikas. Doch die amerikanische CIA hat andere Prioritäten. Im Kampf gegen den Kommunismus finanziert Amerika den Militärputsch, der Chile in eine Diktatur verwandelt.Am 11. September 1973 steht Salvador Allende im Präsidentenpalast unter Beschuss. Er zieht den Freitod der freiwilligen Machtübergabe an Pinochets Truppen vor. Dreitausend Chilenen werden daraufhin von der ultranationalistischen Militärjunta niedergemetzelt, über 35.000 gefoltert. Auch Alberto Bachelet gehört zu den Opfern der Pinochet-Diktatur. Der Vater der aktuellen Präsidentin Michelle Bachelet wird 1974 zu Tode gefoltert. Mit ihrem Wahlsieg 2006 enden für Chile drei Jahrzehnte Rückschritt.
Die jungen Chilenen stillen ihren Freiheitsdrang per Internet und machen ihr Land zum bestvernetzten von ganz Südamerika. Begleiterscheinung dieses kulturellen Urknalls ist eine Vielzahl bisher unbekannter Tribes, wie die Pokemones. Kulturimporte sind das Manna der post-diktatorischen Generation. Per Look seine Gruppenzugehörigkeit auszudrücken, ist Pflicht. Dazu annektieren die Teenies sämtliche im Cyberspace kursierenden Looks, egal ob Ska, Cosplay, Rocker, Punk, oder den von den HipHoppern abgeleiteten Flaite.
Die Pokemon-Welle
Pokemons, kurz für Pocket Monsters, ist ein Videospiel, das 1995 von dem Japaner Satoshi Tajiri für den Gameboy entwickelt wird. Das Prinzip ist simpel: Man fängt, sammelt und trainiert kleine hybride Tierchen. Dadurch mutieren sie, wie Pikachu, zu immer kampftauglicheren Pokemons, die sich mit bösen Gegnern anlegen. Mit über 20 Millionen verkauften Spielen wird eine ganze Generation Opfer der Pokemon-Mania. Im Schlepptau haben die Mini-Ungeheuer Kartenspiele, Filme, Comics und Merchandising-Artikel aller Art. In Chile ist das Phänomen zu einem Urban Tribe mutiert.Die schilenische Pokemones
Die ersten Exemplare wurden vor drei Jahren gesichtet, und seitdem ist die chilenische Spezialität ein gefundenes Fressen für die Medien der ganzen Welt. 2007 kommt es zum Big Bang: Im Internet kursiert das Video von Wena Naty, die ohne ihr Wissen beim Oralverkehr mit zwei Pokemones gefilmt wird. Die frühreifen und exhibitionistischen Sexualpraktiken der Jugendlichen werden zur Staatsaffäre.Web, Fotolog et Reggaeton
Wenn er nicht auf der Parkbank knutscht, stellt der Pokemon sich gerne auf Fotolog zur Schau. Ohne die vier Millionen chilenischen User könnte die amerikanische Website dichtmachen. Neben Ausgehtipps sind auf dem frei zugänglichen Blog auch Mitglieder-Fotos mit mehr oder weniger eindeutiger Botschaft zu finden. Wie Schwämme saugen die Pokemones alles auf, was über andere Subkulturen im Netz zu finden ist. Den C-Walk haben sie sich von Gangs aus L.A. abgeguckt, die unter anderem ihre Kampfnamen mit den Füßen buchstabieren.

Den Pokemones wird vorgeworfen, die Grenzen zwischen den Geschlechtern zu verwischen. Vor allem Skins und Flaites - die Proll-Junkies in HipHop-Kluft - betrachten sie als Parasiten und spielen in Parks den Kammerjäger.
Jagd auf Pokemones
Im Internet entstehen Hetzkampagnen mit der Aufforderung "Piteate un Pokemon", “Geh’ Pokemones klatschen“. So mancher nimmt das wörtlich.In den Parks sind die Pokemones leichte Beute für die Skins, die allein in Santiago in 200 Neonazi-Gruppierungen organisiert sind. Wenn sie “Pokemones klatschen“, kann das durchaus tödlich enden. Die Jagd auf Pokemones ist zum Volkssport der Nationalisten geworden.
Aber in Chile mutieren nicht nur die Pokemones. Javier hat das SS-Symbol auf die Hand tätowiert und gleichzeitig das punk-typische Anarchy-A auf der Hose. Für diese Jugendlichen ist Skinhead sein eine Pose - allen Widersprüchen zum Trotz. Francisco bezeichnet sich als homophoben White Power-Anhänger, obwohl seine besten Freunde, mit denen er regelmäßig picknickt, schwul sind.
Links
- Newsweek "Rebels Without Cause"
- New York Times - "In Tangle of Young Lips, a Sex Rebellion in Chile"
- Wikipedia






per E-Mail verschicken





RSS
Facebook
Twitter

