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25 Jahre… brauchen wir die Ars Electronica eigentlich noch? - 03/09/08

Roger Malina: Kunst kann Technologie und Wissenschaft verbessern!

Von "einer besseren, einer anderen Wissenschaft" träumt Roger Malina, Astronom, Theoretiker und Direktor des "Laboratoire d'Astrophysique de Marseille" (CNRS) und Herausgeber der internationalen Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft "Leonardo". Regelmäßig hat er die Ars Electronica besucht, auch weil sie die gleichen Ziele verfolgt wie jene, die seinen Vater, den "Künstleringenieur" Frank Malina, 1967 dazu bewog, die International Society for the Arts, Sciences and Technology (ISAST) zu gründen. Damals waren gerade vergessene mechanisch-technische Studien Leonardo da Vincis wiederentdeckt worden, und die zu diesem Zeitpunkt eher marginalen Verbindungen zwischen zeitgenössischer Kunst und Technologie kamen nach und nach wieder ins Gespräch.

"Als Leonardo gegründet wurde, passten aller Pioniere, die versuchten mit dem Computer Kunst zu machen, noch in einen Raum," erinnert sich Malina. Nun haben sich Synthesizer, Sampler, Datennetze, Videospiele, virtuelle Welten und digitale Special Effects demokratisiert — doch das heißt noch lange nicht, dass die Aufgabe der Ars Electronica und von Leonardo mit der sogenannten "digitalen Revolution" abgeschlossen ist, weil die Erfindungen einen globalen Markt der Unterhaltungselektronik und Kommunikationstechnologie geschaffen haben. Die Szenarien entstehen heute nur in anderen Bereichen: "Heute passen immer noch alle Pioniere, die versuchen mit Biotechnologie Kunst zu machen, oder mit Schwerelosigkeit kreativ zu arbeiten, in einen Raum!"

Aber welchen Einfluss sollen Künstler überhaupt auf technologische Entwicklungen und wissenschaftliche Fragestellungen nehmen können? Malina ist überzeugt, dass sich die Rolle der Künstler in der Gesellschaft weiter stark ändern wird, und dass auch eine a priori zutiefst technologiefeindliche Kultur- und Museumsszene den Trend nicht aufhalten könne. "Es gibt eine neue Generation von Künstlern, die wissenschaftlich und technisch ausgebildet sind, und die als Experten etwas zur technologischen und wissenschaftlichen Entwicklung beitragen können. Noch vor 40 Jahren gab es solche Künstlertypen nur ganz selten." Warum sollte sich der Künstlertypus aber wandeln, vom distanzierten Eigenbrötler zum kooperationswilligen Allrounder? "Der Künstler Max Bill erkannte bei einer Leonardo-Redaktionssitzung in den Siebzigern Ethik als das Hauptanliegen für die nächsten 25 Jahre. Der Überlebende eines Weltkriegs sprach zu den Erben eines falschen Friedens." Und Malina zitiert da auch gern Sir Charles Percy Snow, der 1959 mit seinem berühmten Beitrag "The Two Cultures and the Scientific Revolution" die Beziehungen zwischen geistes- und naturwissenschaftlicher Praxis skizzierte: "Man hört die jungen Leute nach dem Warum fragen", und er fuhr fort: "Friede, Nahrung. Nicht mehr Menschen als die Erde verkraften kann. Das ist der Grund."

Malina selbst nennt heute zwei Arten von Gründen, warum diese Annäherung stattfinden sollte. Der erste, der "schwache Grund" wäre, dass Künstler und Wissenschaftler bzw. Techniker im Team gemeinsam besser und schneller Beiträge zur Lösung von wissenschaftlichen oder technischen Problemen leisten. Der zweite, der "starke Grund" sollte aber sein, dass Künstler die klassische Isolation von Forschungsinstituten von der Gesellschaft vermeiden helfen können, und durch ihr Mitwirken beeinflussen, an was geforscht werden soll. Zu optimistisch gedacht? Sind Art und Weise, wie wissenschaftliche oder technologische Entdeckungen gemacht werden, nicht bereits vorbestimmt? Entgegen der Auffassung von objektiver Wissenschaftspraktiken betont Malina, dass es die Gesellschaft ist, die bestimmt wo und was erforscht wird. "Es sind politische Entscheidungen. Vielleicht beschließen wir ja in 20 Jahren bereits, dass Genforschung eine Sackgasse ist und hören wieder auf damit! Dafür sind wir dann vielleicht auf dem Planeten Mars, weil Präsident Bush dies als politische Mission entschieden hat." Künstler wären also prädestiniert, auf diese Prozesse der Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen – und tun es in andere Form bereits jetzt zunehmend, wie man es an der Science Fiction-Literatur ablesen kann: "Hier entsteht wissenschaftliche Spekulation zunächst im kulturellen Universum. Und viele unserer künftigen Forscher kommen damit in Kontakt und haben sich damit vollgesogen." Verschiedene Arten von direktem Teamwork zwischen Künstlern und Wissenschaften sind denkbar: Zum einen Residenzen in Forschunseinrichtungen, wobei der Künstler durch seine Perspektive wissenschaftliche Inhalte einem breiteren Publikum zugänglich macht — zum anderen interdisziplinäre Projekte, bei denen jeder gleichberechtigt ist und unterschiedliche, und sogar subversive Ziele verfolgen kann, um sich aneinander zu reiben. Spielerisch, versteht sich: "Der erste Zugang zu einer neuen Technologie ist meist die Zweckentfremdung, das Hacking. Erst später gelingt eine tiefgründigere Arbeit."

Sowohl Leonardo als auch die Ars Electronica sind optimistisch, dass es im Jahr 2029 bereits deutlich mehr neue Leonardos mit mehr Einfluss auf die Richtungsgebung zukünftiger Wissenschaft und Techiken geben wird, denn "nach mehreren Jahrhunderten Wissenschaft kennen wir heute höchstens drei Prozent der Dinge und strukturieren die Welt nach unserer Sicht", sagt Weltraumforscher Malina. "Welt und Gesellschaft verändern sich aber in unterschiedlich schnellen Prozessen, deren Wechselwirkungen wir heute noch gar nicht abschätzen können. Wenn es uns heute gelingt, auch nur 5000 Künstler weltweit in die Labors hereinzubringen, dann wird unsere Wissenschaft in 20 Jahren beginnen, anders zu funktionnieren."

Kunst also nicht der Kunst wegen – eine Forderung wie sie allerdings öfter aus Kreisen aufgeschlossener Wissenschaftler ertönt denn aus dem Kunstbetrieb selbst, wo man froh ist, sich von anderen Zwängen wie Religion und Staat weitgehend emanzipiert zu haben. Die Ars Electronica in Linz ist da eine renommierte Ausnahme, die diese Regel bestätigt.

L'observatoire Leonardo des Arts pour les Techno-Sciences
>> http://www.olats.org

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Kultur Digital
September 2004
Ars Electronica 2004
Bericht: Jens Hauser
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Erstellt: 17-09-04
Letzte Änderung: 03-09-08