Erstmals wagt sich ein Roman von Marie NDiaye so weit hinaus aus Frankreich. Schon das Vorgängerbuch Rosie Carpe gab der Schriftstellerin Gelegenheit, uns, wenn schon nicht ins Ausland, so doch wenigstens in die französischen Überseegebiete zu führen. Dort, genauer auf Guadeloupe, hatte Marie NDiaye ihre erste farbige Romanfigur angesiedelt, den schönen Lagrand mit der seidigen Haut. Mit ihrem zwölften Roman geht die Schriftstellerin nun einen entscheidenden Schritt weiter: Drei starke Frauen betritt erstmals afrikanischen Boden, das Buch führt in den Senegal. Hinter dem Schleier eines Romans über das Schicksal dreier Frauen nähert sich Marie NDiaye der immer unausgesprochen lauernden Frage ihrer eigenen Herkunft noch ein wenig mehr. Denn der Senegal ist das Land, in das ihr Vater zurückging, als sie gerade ein Jahr alt war. Für sie, die französische Literatin und Intellektuelle schwarzer Hautfarbe, ist er der Inbegriff des „schwarzen Kontinents“, der schwarze Abgrund, der alle Fragen birgt, der Ursprung allen Schreibens, die Quelle aller Fiktion: «Warum müsste er, bis hin zum Schlimmsten, seinem Vater gleichen?», entfährt es Rudy, der einzigen weißen, männlichen Figur im Roman.

Zur Person
Marie NDiaye wird 1967 geboren, die Mutter ist Französin, der Vater Senegalese. Diese doppelten Wurzeln machen sie zu einer in der französischen Literatur einzigartigen Schriftstellerin, der es gelingt, in einer überaus stilbewussten Sprache die Seltsamkeit allen menschlichen Daseins zu erfassen.
Mit 17 veröffentlicht sie ihren ersten Roman, ab da geht Marie NDiaye ihren ganz persönlichen Weg von erstaunlicher Kohärenz. Neben Romanen schreibt sie Theaterstücke und Jugendbücher. Kürzlich hat sie das Drehbuch für den Film White Material von Claire Denis geschrieben, die Geschichte einer Französin (gespielt von Isabelle Huppert) in einem afrikanischen Bürgerkrieg. Ihr Roman Rosie Carpe, für den sie 2001 den Prix Femina erhält, stellt einen Wendepunkt in ihrem Schaffen dar.
2003 nimmt die prestigeträchtige Comédie Française ihr Stück Papa doit manger ins Repertoire. Drei starke Frauen, 2009 ausgezeichnet mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ist der vorläufige Höhepunkt eines Werks, das sich weiterhin mit großer Dynamik entwickelt.

Ein eigenwilliges Verhältnis zu Afrika
Marie NDiaye hat sich immer wieder über ihr eigenwilliges Verhältnis zu Afrika geäußert, wohin sie erstmals reiste, als sie schon zwanzig war: «Meine Beziehung zu Afrika ist eher geträumt, abstrakt, das heißt, Afrika ist in meinem Kopf eher Traum als Wirklichkeit». Drei starke Frauen liest sich denn auch als ein sehr schöner Roman, in dem alle möglichen familiären Verbindungslinien gezogen werden zwischen Frankreich und Afrika. Norah, Fanta und Khady Demba haben alle Wurzeln im Senegal, zumindest über ein Elternteil.
Die Rechtsanwältin Norah, ihre Mutter ist Französin, reist in den Senegal, um sich dort, dem Ruf ihres schwarzen Vaters folgend, zu verlieren. Fanta, die es von der Erdnussverkäuferin zur Lehrerin für Literatur am Gymnasium in Dakar gebracht hat, strandet wegen ihres weißen Ehemannes in Frankreich. Khady Demba bildet sozusagen den Schnittspunkt dieser beiden symmetrischen Schicksale. Von der Familie ihres Mannes zur Immigration gezwungen, irrt sie die Strassen entlang, irgendwo zwischen Frankreich und dem Senegal, so wie all die anderen, die versuchen, ohne Geld und Papiere über die Grenze zu kommen.
Drei entwurzelte Frauen - drei starke Frauen
Das schon in der Kindheit besiegelte Unglück sollte diese Frauen eigentlich zu Opfern machen, «darauf vorbereitet, es nicht als unnormal zu erachten, gedemütigt zu werden». Doch paradoxerweise sind diese drei entwurzelten Frauen, der Titel des Buches kündigt es bereits an, «stark». Sie sind nicht frei, doch auch nicht unterworfen, keine von ihnen stellt sich allerdings frontal gegen ihr Schicksal. Denn ihre Stärke liegt anderswo. Sie kommt aus der fast schlafwandlerischen Fähigkeit, sich abseits zu stellen und schweigend in einen Zustand zu gleiten, der beinahe Gleichgültigkeit, ja Stupor ist. In diesen Momenten der großen Verlorenheit greift etwas Trübes, Milchiges merklich in den Lauf ihres düsteren Schicksals ein, wogende Träume wie «lange, vom Wind bewegte Schleier». Hoch oben auf dem Baum sitzend wird der monströse Vater zu einem alten Nachtvogel. Das Gesicht der schwarzen Frau durch die Hecke wird eins mit einem jungen Zweig. Und unter dem Kugelhagel scheint die heimliche Grenzgängerin auf ewig über dem Stacheldraht zu schweben.
Wie in allen Romanen von Marie NDiaye gewinnen die Figuren in ihrer Ohnmacht angesichts der «nicht tolerierbaren Wirklichkeit», aber auch durch die Kraft ihres schöpferischen Geistes an Dichte und Präsenz im Roman. Doch für die Autorin wie für die Figuren liegt hier auch das sicherste, schönste Mittel, zumindest punktuell zum vollen Bewusstsein ihrer selbst zu gelangen. Im Augenblick ihres Todes, als ihr Schädel auf den Boden schlägt, denkt Khady Demba: «Das bin ich Khady Demba». Marie NDiaye fasst das immer wieder unauslöschlich in Buchstaben, in jedem ihrer Bücher.
Christine Lecerf






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