Rezension zu Håkan Nessers: Das zweite Leben des Herrn Roos
Ingeborg Sperl /www.krimiblog.at September 2009
KrimiWelt-Bestenliste November 2009
Er ist ganz und gar unauffällig. Ein langweiliger Mann mit einem langweiligen Job mit einer langweiligen Frau und zwei unsympathischen Stieftöchtern. Ante Valdemar Roos, 59, würde wohl bis zu seiner Pensionierung mit seiner öden Routine weitergemacht haben, hätte ihn nicht ein Schicksalsschlag in Form eines Totogewinns ereilt. Roos sagt seiner nervigen Familie nichts, kündigt sofort und kauft sich ein kleines Häuschen mitten im schwedischen Wald. Da will er nichts anderes tun als vor der Hütte sitzen, seinen Jungenderinnerungen nachhängen und vor allem allein sein. Pünktlich kehrt er abends nachhause zurück und übt sich im Doppelleben. Davon handelt der erste Teil von Hakan Nessers neuem Roman. Ganz gemach entwickelt sich aus der kleinen Flucht des Valdemar Roos ein Krimi. Denn sein geheimes Paradies bleibt nicht ungestört. Im zweiten Teil quartiert sich eine junge Frau, die aus einer dubiosen Drogenentziehungsklinik ausgebrochen ist in seiner Hütte ein. Die vorsichtigen Annäherungsversuche zweier Aussenseiter erfahren eine dramatische Wendung, die beide zum Verlassen des Landes zwingt. Das wird ein Fall für Inspektor Gunnar Barbarotti, dem man als Leser von ganzem Herzen einen Misserfolg wünscht. Denn Nesser versteht es, die Solidarität des Lesers mit dem ungleichen Paar zu erzeugen. Es ist eine Liebesgeschichte, der nichts Sexuelles anhaftet. Hier sind zwei Menschen, die man nicht so sein lässt wie sie sind und die sich so lange verbiegen, bis sie schließlich einen radikal neuen Weg einschlagen müssen. Nesser erzählt das bedächtig, voll Zuwendung zu seinen Figuren; eigentlich ist das ein Entwicklungsroman, bei dem die innere Emanzipation des Helden in wenigen Wochen vonstatten geht und die durch Zitate aus Songs von Marianne Faithfull bis zu den Rolling Stones kommentiert wird. Eine schöne, für dieses Genre eher ungewöhnliche Geschichte.
Rezension zu Håkan Nessers: Die Schatten und der Regen
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandtbtb, geb., 380 S., 21,90 €
K. in Nordschweden: Viktor Vinblad ist in seine kleine Heimatstadt zurückgekehrt. Vor 30 Jahren wurde Sara erschlagen. Drei Menschen versuchen herauszufinden, was damals tatsächlich geschah. Spannende, komplex erzählte Geschichte um Wahrheit, Schuld und Vorurteil.Soll ein Mord immer aufgeklärt werden? Ja, selbstverständlich. Doch wenn man sich in die Einzelheiten vertieft, verdünnisieren sich die guten Gründe, sie werden flüchtiger. (…) Doch kann Vergeltung tatsächlich über den Verlust eines Menschen hinwegtrösten? Und wie dringlich ist die Identifizierung und Bestrafung eines Täters, wenn wie in Schweden Mord nach 25 Jahren verjährt?
Auf solche Erwägungen stößt uns Håkan Nesser in seinem jüngsten Roman „Die Schatten und der Regen“ Doch bevor Nesser in seiner Erzählung auf die zentralen Fragen von Mord und Schuld und Sühne zusteuert, fesselt er die Leser wie es alle guten Erzähler tun, indem er sie so mit den Hauptfiguren vertraut macht, dass sie nicht mehr von ihnen lassen können – und vor allem: ihnen trauen. Da ist zum einen der Ich-Erzähler David Mörtberg. Der Lehrer hat sich für ein Jahr beurlauben lassen. Von Uppsala ist er etwas widerwillig nach K. aufgebrochen, einer kleinen Stadt hoch im schwedischen Norden, in der er seine Kindheit verbracht hat. (…) Anlass von Mörtbergs Reise in die Kindheit ist ein Brief seiner Schwester, in dem sie ihm mitteilt, dass ihr alter Ziehbruder Viktor Vinblad nach Jahrzehnten der Abwesenheit wieder nach K. zurückgekehrt ist. (…)
Erst zum Schluss der verschlungenen Erzählung begreifen wir, dass das, was dem alltäglichen Menschenverstand einleuchtend scheint, noch lange nicht die Wahrheit sein muss. Der Weg zur Erkenntnis ist gepflastert mit den Erinnerungen an eine Kindheit im hohen Norden: voller Zauber, voller Rätsel und Grausamkeit. Denn Viktor ist ein Mörderkind. Sein Vater hat die Mutter im Suff erschlagen und anschließend sich selbst umgebracht. Mörtbergs Eltern nehmen das Waisenkind auf, und seitdem sind die Schicksale der drei Kinder miteinander verknüpft.
Dieser Viktor, um den sich alles dreht, war einmal ein Pfundskerl. Er konnte Psalmen rückwärts singen, vergaß nichts und fiel als Fünfzehnjähriger, während er gerade dabei war, das seit 328 Jahren ungelöste Rätsel um Fermats letzten Satz aufzudröseln, aus dem Schulfenster. Nach dem Sturz verstummte er. Mit drei anderen Außenseitern war er später auf einem Bauernhof zusammengezogen. Als die geistig etwas zurückgebliebene Mitbewohnerin Sara nackt und erschlagen im Wald gefunden wurde, verschwand er über Nacht und galt seitdem als der Schuldige. Zwei Morde sind in den letzten fünfzig Jahren in K. geschehen, und in beide war Viktor verwickelt. Jetzt sind mehr als 25 Jahre vergangen, der Mord ist verjährt, und Viktor ist von wer weiß woher zurückgekehrt. Wird der Tod Saras aufgeklärt werden? Wie soll Martin mit seinem Ziehbruder umgehen, wenn dieser jetzt den Mord gesteht?
Håkan Nesser ist ein Autor, der es mit beidem ernst meint, mit dem Krimi und mit dem Roman. Wie sein deutscher Kollege Friedrich Ani betrachtet er den Kriminalroman als eine Angelegenheit auf und um Leben und Tod, als Struktur der erzählerischen Existenz- und Seelenforschung. (…)
Tobias Gohlis/Die Zeit
siehe auch Krimi-Bestenliste Januar 2006
Die wichtigsten Links:
- Autorenporträt und schwedisch-deutsche Bibliographie bei Kaliber 38, registrierungspflichtig
- Nesser in der Wikipedia
- Bibliographie, zwei längere Interviews, Kurzbiographie bei Schwedenkrimi.de
- Homepage des Autors bei seinem deutschen Verlag mit umfangrecher Linkliste
Siehe auch Bestenliste Januar 2006








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