Tobias Gohlis/DIE ZEIT 29.9.2011
„Leichensache“ – praktisch wie der Plastiksack, in dem die Opfer in die Pathologie transportiert werden, klang der Titel. Ton und Perspektive, die Norbert Horst 2003 in diesem ersten von bisher vier Romanen mit Kommissar Konstantin Kirchenberg anschlug, waren unerhört neu. Noch nie wurde der Leser so anscheinend unverstellt, so verstörend unmittelbar in die Ermittlung gezogen, mitschwimmend im Bewusstseinsstrom des Kommissars, eines ganz und gar nicht schlichten KHK aus dem fiktiven Ingsen/Westfalen. Norbert Horst, Kriminalhauptkommissar in NRW-Diensten, erhielt für dieses Debüt 2004 den Glauser und zwei Jahre später für „Todesmuster“ den Deutschen Krimipreis.
Nach vier Romanen und drei Jahren Pause jetzt ein Neustart. Neuer Ermittler, identifizierbare Orte, multiple Perspektive: „Splitter im Auge“. Ein, zwei, drei Ebenen entfaltet die Erzählung. Ein mörderischer Bruderzwist, die planvolle Suche eines erfahrenen Entführers nach 14-15jährigen „Objekten“, der Alltag eines Kripomanns. Thomas Adam heißt er. Doch jeder nennt den be-rufsmüden, hin und wieder kiffenden, zur Einsatztruppe abgeschobenen Polizisten den „Steiger“. Sein Vater war einer der letzten Berg-leute im Revier und hat auch ihm einen Bruder-zwist hinterlassen. Erst bei der Testamentseröffnung erfährt Steiger vom Halbbruder aus einer Seitensprungliebe. Seine Reaktion: Personenabfrage. Bruder ist aktenkundig als Dieb und Hehler. Es sind kleine Details wie dieses, die den Sog des Authentischen speisen.
Die Einsatztruppe der Dortmunder Polizei, der der Steiger angehört, greift ein, wo sie halt gebraucht wird. Nachtschichten, Observationen, Festnahmen. Morgens macht sich Steiger mit Fernsehen wach. Zufällig, bei der Festnahme eines anderen Täters, entdeckt er im Treppenhaus eine Zeugin, die seinerzeit nicht zur Vernehmung erschienen ist. Der Fall ist bereits abgeschlossen. Obwohl kein Tatort identifiziert wurde, hat man einen Mann aus Burkina Faso als Mörder eines 15jährigen Mädchens verurteilt. Auch Steiger muss den Fall als erledigt ansehen, trotzdem – Bauchgefühl, Instinkt – wühlt es in ihm weiter. Seine Zufallszeugin spornt Steigers Zweifel an der Richtigkeit des Urteils, trotz gegenteiliger dienstlicher Anweisung forscht er nach. Zwischen Nachlassregelung, Dauerdienst, Liebesdingen, Disziplinarverfahren und anderem Sperrmüll des Alltags rekonstruiert er die Geschichte des ermordeten und die anderer verschwundener Mädchen. Aus flacher Routine wächst ein übler Fall. Fährte aufnehmen, wieder ins Leben kommen. Unnachahmlich ist das, wie dieser Mann seine zermürbte Stärke wiedergewinnt. Das ist die Stärke des Romans. Am Schluss: überraschende, überraschend plausible Auflösung. Samt Showdown – eine überflüssige Referenz an Genrekonventionen. Trotzdem: eine Klasse für sich.
Ulrich Noller/culturmag 3.9. 2011
KrimiZEIT-Bestenliste September 2011
Drei Jahre Wartezeit – nach vier Romanen, die einzigartig, aber auch umstritten waren. Dabei ging es vor allem um die Sprache. Die einen faszinierte dieser karge, extrem reduzierte Gedankenstrom, mit dem Norbert Horst seine Leser extrem nah dran sein ließ an den Ermittlungen seines Helden Konstantin Kirchenberg. Seinen Kritikern dagegen war das alles zu verknappt und zu fragmentarisch, sie vermissten „richtige“ Sätze mit „ordentlicher“ Grammatik, sie verweigerten sich einer Erzählkultur, der die Beweglichkeit der Handkamera näher ist als das Regelwerk des Dudens. Was zu einer merkwürdigen Situation führt: Einer, der etwas ganz Neues und Einzigartiges für die (Kriminal-) Literatur geschaffen hat, muss beweisen, dass er auch anders kann: konventionell.
Irgendwie haben sich bei Norbert Horst bislang immer die Befürworter seiner Schreibe durchgesetzt, sie prägten im Großen und Ganzen die Rezeption. Mit Müh´ und Not. Und nach vier Kirchenberg-Romanen, bei denen Horst sich zwar von Mal zu Mal steigerte, war letztlich trotzdem klar: Jetzt muss mal was anderes kommen, jetzt muss dieser Autor mal zeigen, was er sonst noch drauf hat. Sonst würde es heißen: Na ja, er hat halt diesen einen Stil, diese eine „Masche“ entwickelt. Aber muss ein „richtiger“ Autor nicht mehr können?
Also, gleich vorweg: Er kann mehr. Viel mehr. Um nicht zu sagen: alles.
„Splitter im Auge“ ist ein Polizeiroman reinsten Wassers; ein nüchterner, intelligenter und realitätssatter Ermittlerkrimi mit Herz und Verstand, der seinen Autor endgültig und definitiv in die Spitzengruppe der Genreliteratur made in Germany katapultiert. Was dazu führt, dass Norbert Horst sich demnächst erneut wird beweisen müssen: Er spielt jetzt in anderen Liga, in der internationalen, der Champions League. Denn wer so viel kann, der kann sich in einer globalisierten Literaturlandschaft nicht mit einem regionalen Anspruch begnügen.
Thomas Adam, 52, geschieden, ist der Held von Horsts Roman, man nennt ihn Steiger, weil der Vater Bergmann war. Zusammen mit Jana Goll, seiner jungen Partnerin mit kasachischen Wurzeln, bildet er ein Team des Dortmunder Einsatztrupps. In Zivil kümmern sich dessen Mitglieder um Prävention an Brennpunkten, überwachen Verdächtige, vollstrecken Haftbefehle etcpp… Und genau so eine Situation ist es, die in „Splitter im Auge“ vom Kleinen ins Große der so plausiblen wie unkonventionellen Serienmörder-Handlung
führt: Bei der Festnahme eines Kleinkriminellen entdeckt Adam in dessen Wohnhaus zufällig eine Zeugin, die nicht zu einem Mordprozess erschienen ist. Dieser Prozess ist längst abgeschlossen, ein Asylbewerber aus Burkina Faso wurde verurteilt, das Straßenkind Caroline Thomas, vergewaltigt und ermordet zu haben, die Indizien waren eindeutig.
Aber Steiger hat da so ein Gefühl, Bullenintuition, irgendwas stimmt nicht an der Sache. Er befragt die Überraschungszeugin vom nächtlichen Einsatz, und ihm wird bald klar: Bakary Yomeogo sitzt womöglich unschuldig im Gefängnis. Natürlich ist keiner (in der Polizei) interessiert, die Geschichte wieder aufzurollen. Steiger bekommt Stress von allen Seiten.
Trotzdem lässt er nicht locker. Der wahre Fall, dem er dann auf die Spur kommt, hat es allerdings in sich, und bald geht es auch um Steigers eigenes Leben … Hier der Fall: eine ganz spezielle, originelle, multiperspektivisch erzählte Serienkillergeschichte mit Thrillerelementen und faktischem Fundament, die sich nicht nur hoch spannend ließt, sondern nebenbei einem Markt voller halbgarer Krimi-Märchen zeigt, dass man solche Geschichten mit Belang und realistisch und authentisch anlegen und erzählen kann, wenn man das Format dazu hat.
Da ist das Privatleben des Ermittlers: Anfangs stirbt Steigers Vater, der Polizist kommt zu spät zum Krankenbett, vom Notar erfährt er von einem unbekannten Halbbruder. Außerdem das nicht ganz einfache Verhältnis zur jungen Kollegin. Und natürlich, ganz klassisch kaputter Ermittler, das verdorrte Beziehungsleben des Gescheiterten, dass erst spät im Verhältnis zu einer Prostituierten Hoffnung auf eine kleine Blüte entwickelt … Alles in allem ist es schon so, dass Norbert Horst mit „Splitter im Auge“ viele bekannte Erzählmuster des (amerikanischen) Polizeiromans aufgreift und einsetzt, es fällt nicht schwer, beim Lesen immer wieder Harvey Keitel vor Augen zu haben. Wie aber Norbert Horst diese Elemente ansetzt, montiert und durch Eigenes anreichert, das ist allerdings schon sehr klasse: glaubwürdig, mit Witz, Herz und Verstand - und vor allem: herrlich unaufgeregt und trocken. Selbst so merkwürdige Wortschöpfungen wie „Täterwegeile“
(Polizeijargon?) betten sich bei Norbert Horst in einen sprachlich-dramaturgischen Kontext, dass geneigte Leser (und das kann man auf Seite 165 durchaus sein …) darüber selig lächeln … Allerdings ist da natürlich schon die Frage der Originalität. Bei aller Sympathie für „Splitter im Auge“: Die umstrittene, radikale Schreibweise von Horsts ersten Romanen war in jedem Fall einzigartiger, und es steht zu sehr zu hoffen, dass der Autor in Zukunft auch diesen Weg seines Ermittlers Konstantin Kirchenberg weiter gehen wird.
Hinzu kommt die Anlage des ganzen Settings von „Splitter im Auge“, das alles in allem schon sehr auf Solidität und Korrektheit setzt – wenn Norbert Horst im internationalen Vergleich bestehen will, und darum geht es bei ihm von nun an, wird er auch in seinen multiperspektivisch erzählten Geschichten den entscheidenden Tick subversiver, provokanter, radikaler sein müssen, um bestehen zu können.
Das zumindest ist – auf hohem Niveau – der grundlegende kritische Einwand, den man hier und da zu Ohren bekommt. Andererseits, so könnte man entgegnen, ist da natürlich die Sache mit dem Speierling: Dieser Wildobstbaum, 1993 Baum des Jahres, damals fast ausgestorben, es gab in Deutschland und Österreich bloß noch ein paar tausend Exemplare, dieser Wildobstbaum also ist das letzte und alles entscheidende Glied, das den Fall, die Ermittlung und damit den Roman auf eine wirklich sehr feine, sehr ironische Weise zur Vollendung bringt. Was, bitteschön, ist subversiv, wenn nicht das?







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