Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau/17.2.2011
KrimiZEIT-Bestenliste Juli 2011
Die 1960 geborene, am Niederrhein aufgewachsene und in Bielefeld lebende Mechtild Borrmann scheint sich von Krimi-Moden nicht beeinflussen zu lassen. Sie schreibt ihre stillen, schmalen, nicht sehr blutigen Bücher zu Themen, die sie offenbar beschäftigen. Natürlich muss da auch der ein oder andere Mord passieren. Aber auch in "Wer das Schweigen bricht" wird dem Leser keine zugerichtete Leiche präsentiert, kein Serienmörder und kein besonders heller oder mutiger Polizist.
Es geht darum, dass wir unsere Eltern nicht wirklich gut kennen, schließlich haben sie schon ein tüchtiges Stück Leben hinter sich gebracht, wenn wir dann mit ihnen zu tun haben. Und dieses Stück Leben ist besonders schwerwiegend, wenn es zum Beispiel in die Jahre des Zweiten Weltkriegs gefallen ist. Wenn sie erleben mussten, dass dem Vater die Patienten wegblieben, weil er die falschen politischen Ansichten hatte, dass eine Männer-Freundschaft tödlich sein konnte, weil jemand die Freunde als homosexuell anschwärzte.
Mechtild Borrmann rollt ihre Geschichte vom Heute aus auf. Ihre Hauptfigur namens Robert Lubisch, Arzt und mittelalt, räumt die elterliche Villa aus und findet dabei das alte Foto einer hübschen jungen Frau. Eine Geliebte des Vaters vielleicht, der doch immer so überkorrekt war? Er fährt in den Ort, wo das Bild nach dem Fotostudio-Stempel auf der Rückseite aufgenommen wurde.
Im Folgenden wünscht Lubisch sich mehr als einmal, er hätte dem Vater nicht posthum und partout eine Schwäche nachweisen wollen. Und erzählt Mechthild Borrmann sensibel und berührend von einer Zeit, in der moralische Entscheidungen oft eine ungeheure Mutprobe waren.
Tobias Gohlis/buchjournal 3-2011
Robert Lubisch findet im Nachlass seines Vaters das Foto einer Frau und den Mitgliedsausweis eines SS-Scharführers. Beide sind ihm nicht bekannt, und er beginnt mit halbherzigen Nachforschungen. In der niederrheinischen Kleinstadt Kranenburg stößt er auf die Journalistin Rita Albers, die ihm helfen will. Die erste Entdeckung, die sie macht, ist so unangenehm für Lubisch, dass er nicht weiter recherchieren will.
Offenkundig stimmt die Geschichte von Desertion und Flucht nicht, die ihm sein Vater erzählt hat. Der sterbende SS-Mann Wilhelm Peters, dem der Vater 1948 die Papiere abgenommen haben will, war 1950 noch am Leben. Denn da wurde er von seiner Frau Therese vermisst gemeldet. Dem Sohn schwant Übles. Für ihn waren die Stunden, in denen er auf dem Schoß des Vaters sitzend dessen Erzählungen lauschte, die schönsten Momente seiner Kindheit. Und jetzt muss er fürchten, dass der große Lubisch, der ehrenwerte Unternehmer und Vertriebenenaktivist, Unrechtes getan hat.
Der Stoff, den Mechtild Borrmann in ihrem vierten Kriminalroman aufgreift, lässt einem den Atem stocken. Kein historisches Gelände ist so von Kitsch vermint wie die Zeit des Nationalsozialismus. Die identitätsstiftende Suche der Kinder nach den versteckten Biographien der Mütter und Väter – was kann sie noch zu Tage fördern, das nicht längst bekannt ist? Doch erstaunlicherweise unterläuft die 1960 geborene Autorin alle Befürchtungen mit ihrer äußerst knappen und konzentrierten Erzählung, die völlig unsentimental ein Verbrechen aufgreift, das juristisch nicht verfolgt werden kann. Es geht um die Zerstörung von Vertrauen, um Manipulation und Denunziation - aus Liebe.
Sechs Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft, als Bund noch zusammengehalten vom Enthusiasmus der Jugendbewegtheit, schwören zusammenzuhalten, komme was wolle. Es ist 1939 im August. Schon Wochen später sind sie Soldaten, SS-Leute, Fluchthelfer. Doch die neuen Rollen, die ihnen der NS-Staat aufzwingt, kollidieren mit ihren Gefühlen. Liebschaften schwelen hinein in die plötzlich aufs gesellschaftliche Tapet gesetzten Feindbilder. Im Zentrum der Verwirrungen stehen Therese, Tochter eines christlichen Arztes und ehemaligen Zentrumsabgeordneten, und Wilhelm Peters, der seine Machtposition als Jungnazi nutzt, um sie, die ihn nicht liebt, doch für sich zu gewinnen. Die neue völkische Ordnung greift überall ein, zu ihrer Dynamik gehört die beschleunigte Überforderung von Gefühl und Gesinnung. Leben, Lieben und Überleben unterliegen verschärftem Entscheidungszwang und provozieren Taten, die erst in Nachhinein als Verrat, Denunziation und Betrug erkannt werden. Deshalb das titelgebende Schweigen aller, die noch knapp fünfzig Jahre später mit der nicht abgebauten, gestauten Angst zu kämpfen haben. Mechtild Borrmann ist mit „Wer das Schweigen bricht“ ein erstaunliches Buch gelungen. Sie vergegenwärtigt das Gefühlschaos der Generation der Eltern oder Großeltern, die als Kinder und Jugendliche in den Nationalsozialismus hineinwuchsen, durch vielstimmige analytisch-detektorische Kunst: Sie deckt auf, was verborgen bleiben möchte.







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