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Junge Literaturkritik - 16/08/06

Stephan Porombka: Kritiken schreiben. Ein Trainingsbuch

Eine Rezension von Jan Süselbeck


Stephan Porombkas wunderbares Trainingsbuch für Kritiker zerstört alle typischen Anfängerillusionen im Keim. Doch gerade diese ehrliche Strenge und seine vielen praktischen Übungsvorschläge machen das Buch zu einer der brauchbarsten Schreibschulen, die in der letzten Zeit erschienen sind.

Schreiben heißt Lesen

"Ja: Das Schreiben von Kritiken ist lernbar", postuliert Stephan Porombka, Hildesheimer Juniorprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in seinem "Trainingsbuch". Eine mutige Prämisse, dürfte der Autor doch aus seiner täglichen Lehrpraxis wissen, wie stark die Bereitschaft selbst bei Studierenden der Materie abgenommen hat, sich der täglichen, weitgreifenden Lektüre von Zeitungen und Literatur aller Art zu unterziehen.

Kosmologische Journale - Die Methode Porombka

Und genau hier setzt Porombkas Buch an: "Kritiker sind Kosmologen", bläut er seiner Nachwuchszielgruppe ein. Er betont, literaturinteressierte Journalisten müssten sich mit offenen Augen und Ohren durch die Kulturlandschaft bewegen, wollten sie es jemals zu etwas bringen: "Vor allem müssen sie lesen wollen."
"Auch Kritiker sollte man als nervöse Systeme verstehen", rät Porombka. "Kritiker sind, bevor sie überhaupt 'kritisieren', so etwas wie Aufnahmegeräte, Sammler, Mitschreiber, Protokollanten, Scangeräte, die genau aufnehmen, was sie sehen." Zu beobachten und in Journalen permanent zu notieren, was die schreibenden Kollegen machen und diskutieren – das sind die praktischen Übungen, die Porombka von seinen lernwilligen Lesern verlangt.

An Porombkas zupackend geschriebenen Anleitungen ist zu erkennen, dass hier jemand aus der konkreten Lehrpraxis heraus begriffen hat, was junge Leute zu allererst erfahren müssen, um das Schreiben zu erlernen: "Anfänger sparen sich die genaue Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand und den kulturellen Kontexten, in denen er steht. Kurz gesagt: Sie haben keine Ahnung. Und sie glauben, dass man das nicht merkt. Aber so viel sei verraten: Meistens merkt man es", heißt es schon gleich zu Beginn von Porombkas Ausführungen mit entwaffender Deutlichkeit.

Wider die Nachbeter vorgestanzter Phrasen

Längst ist es nicht mehr selbstverständlich, dass NachwuchskritikerInnen, die sich etwa für ein Studium der Literaturwissenschaft oder des Kulturjournalismus eingeschrieben haben, gerne anspruchvolle Texte lesen oder dies überhaupt jemals aus eigenem Antrieb getan haben.

Genau dazu aber versucht Porombkas Buch zu erziehen. Das Nachbeten vorgestanzter Phrasen, das in typischen Anfängertexten feststellbar ist, sagt der Autor gleich schon zu Beginn seines Buchs den fürsorglichen Kampf an. Er tut dies, indem er zunächst eine typische Laienkritik aus dem Internet analysiert, die mit dem Namen "liebelleee" gezeichnet ist. Auch hier fällt das Urteil einigermaßen hart aus: "Statt die Textchen auf den Seiten der Onlinebuchhandlungen zu lesen, sollte man sich vielleicht lieber die von Marcel Reich-Ranicki ausschneiden und sich über den Schreibtisch oder vielleicht sogar über das Bett hängen. Oder die von Siegfried Kracauer, von Alfred Kerr, von Kurt Tucholsky...Aber bloß nicht die von liebelleee."

In seinem einführenden Kapitel mit dem Titel "Was man nicht darf" lautet deshalb Porombkas strenger Merksatz Nummer 1: "Anfänger benutzen Leerformeln der Kritik, die sie sich aus Rezensionen gemerkt oder vom Literarischen Quartett abgelauscht haben. Sie 'spielen' sozusagen Kritiker, indem sie diese Formeln übernehmen, ohne sie aber wirklich für ihren Gegenstand verwenden zu können."

Man sieht seinen Betonungen und Schwerpunktsetzungen an, dass Porombka essenzielle Voraussetzungen des Schreibens auch sich selbst aus der universitären Lehre heraus noch einmal ganz neu bewusst gemacht zu haben scheint - Routinen, die anderen erfahrenen Kritikern längst in Fleisch und Blut übergegangen sind und die sie wahrscheinlich kaum auf Anhieb vor einem Seminar so klipp und klar erklären könnten, wie es in diesem Buch tatsächlich geschieht.

Inspirationsquellen

Dass das konkrete Erzählen das Herz einer jeden gut geschriebenen Rezension sei, gefolgt von der Kontextualisierung und der Symptomatisierung des besprochenen Buchs oder des kommentierten Medienereignisses, das findet sich in diesem Band einfach um Längen besser erläutert als in vielen anderen Schreibschulen, die mittlerweile auf den Markt geworfen werden und gerne mit entnervender Umständlichkeit langweilen.

Immer wieder verweist Porombka auf verschiedenste zeitlose Inspirationsquellen von den Texten E. T. A. Hoffmanns über das "Passagen"-Werk Walter Benjamins bis hin zu gut ausgewählten Kritikenbeispielen aus den wichtigsten Tageszeitungen, um Einstiegs- und Ausstiegsvarianten von Besprechungen zu demonstrieren. Oft gestellte Anfängerfragen wie die, ob man in einer Kritik nun eigentlich "Ich" schreiben dürfe oder wie man überhaupt einen guten Verriss anlegen solle, werden vom Autor punktgenau beantwortet.

Das Tüpfelchen auf dem "i" ist schließlich die kommentierte Bibliografie im Anhang. Sie überzeugt gerade deshalb, weil sie nicht den Forschungsstand zum Thema Kritik akribisch auflistet - sondern eher unkonventionell zusammengestellte Titel. Diese orientieren sich ausschließlich an den Maximen des Buchs und verweisen damit auf Autoren, die zum kreativen und erfolgreichen Brechen so mancher Regeln anzustiften vermögen, die man gerade gelernt hat: Denn genau hier beginnt ja oft erst das wirkliche kulturjournalistische Schreiben.

Von Jan Süselbeck



Erstellt: 16-08-06
Letzte Änderung: 16-08-06