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22/10/09

Atemschaukel

Nobelpreis für Herta Müller


Der Krieg ist noch nicht zu Ende im Januar 1945, da verlangt die Sowjetunion von Rumänien die Auslieferung aller Deutschen zwischen 17 und 45 Jahren. Sie sollen das zerstörte Land wiederaufbauen. Tausende deutschstämmiger Rumänen werden deportiert. Von ihrem Schicksal erzählt Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, in „Atemschaukel“.

  • Herta Müller auf der Frankfurter Buchmesse

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Das Arbeitslager der Russen müsste es nicht unbedingt sein. Irgendeine Fremde würde dem 17-Jährigen vollauf genügen. Aber wenn sein Name nun mal auf der Liste der Russen steht, warum nicht? Im Lager wird man nichts wissen von Leopold Aubergs verbotener Liebe zu Männern, der er im Park nachgeht, nachts und unter dem Schutz eines Tarnnamens. Das Arbeitslager, das seine Angehörigen verzweifeln lässt, erscheint Leo als Rettung.


„Der Hunger wird nie müde“
Leo ist schon vor der Deportation ein Ausgestoßener, und er wird nach der Rückkehr aus dem Lager fünf Jahre später erst recht nicht wieder ins Leben finden. Anfang und Ende des neuen Buches „Atemschaukel“ von Herta Müller, der Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, zeigen: Es handelt sich nicht nur um einen Lagerroman. Das Lager ist eine weitere, extremere Ausschlusserfahrung. Seltsamerweise hat das die Kritik übersehen, sowohl die überschwänglich lobende wie jene, die von Kitsch spricht.

Im Januar 1945 fordert die Sowjetunion Rumänien auf, alle im Land lebenden Deutschen zwischen 17 und 45 Jahren auszuliefern. Sie sollen die im Krieg zerstörte Nation wiederaufbauen und werden zu Tausenden in Viehwaggons gen Osten transportiert. Leos Lager liegt in der Steppe nahe einem Dorf. Die Arbeit im Kokswerk, im Kolchos oder auf der Baustelle ist außerordentlich hart, die Versorgung mit Lebensmitteln mangelhaft. Gleich das erste Kapitel nach der Ankunft handelt vom Meldekraut, das am Wegesrand wächst und von den Hungernden gierig verspeist wird. Ausführlich wird von der einen täglichen Scheibe Brot, der dünnen Suppe, den aus dem Müll geklaubten Kartoffelschalen erzählt. „Der Hunger wird nie müde.“


Atemschaukel
von Herta Müller

Hanser Verlag. München/Wien 2009. 304 Seiten,
19,90 EUR

Lagerqual und Lagerglück
Hunger, nicht Folter oder Mord, prägt das Lagergeschehen. Immerhin gibt es einen Schuster, einen Friseur und alle zwei Wochen Kinovorführungen. Mit dem Kapo lässt sich, wenn auch vorsichtig, reden. Zeitweiliger Ausgang erlaubt das Betteln im nahe gelegenen Dorf oder den Tausch der letzten Habseligkeiten gegen Zucker und Salz auf dem Basar. Eine Schwachsinnige wird von der Arbeit freigestellt und hat keine Scheu, Spinnen, Maden und Ameisen zu verschlingen. Wer stirbt, stirbt an Entkräftung. Dann heißt es, ihn schnell zu entkleiden. Der größte Schrecken nach dem Hunger ist die Winterkälte.
Die Lagerqual und das Lagerglück, der Selbstverlust des Deportierten und das Beharren auf etwas Eigenem, die Totalität des Lagers und die Unmöglichkeit, von ihm zu erzählen, die brüchigen Bekanntschaften und die Nische des Menschlichen, in der sich die Zwangsarbeiter ihrer Würde versichern – es ist alles da in diesem Buch, was die Lagerliteratur Primo Levis, Warlam Scharlamows oder Imre Kertész‘ auszeichnet. Und zugleich ist es auf eine befremdliche Weise nicht da.

Der Kosename des Hungers
Im letzten Drittel des Buches heißt es unversehens, 334 Tote verzeichne das Register der Krankenbaracke. Die Zahl erschreckt. Zuvor war von nur wenigen Toten die Rede, und das Lager schien keine Todesfabrik. Leo hat immerhin Gelegenheit zum Mitleid mit dem „zarten“ „gelben“ Sand, wenn dieser in den grauen Zement gerührt wird. Er hat Augen für den „roten Ballon“ Sonne. In den tiefen Wangenschatten der zu Tode Erschöpften sieht er einen „weißen Hasen“ wachsen, ihr „Wangenbrot“ tauscht er gegen „Eigenbrot“. Der Hunger wird ihm zum „Hungerengel“, und beim Kohleschippen regieren „Herzschaufel“ und „Atemschaukel“. Leo, der zu Hause seiner Liebeslust unter Tarnnamen nachging, legt den Qualen nun Deck-, ja Kosenamen bei. Manches wird ihm auch zur Person: Der Regen vergisst die Steppe, der Hunger sitzt fressend am Tisch. Alles aber wird verwandelt: „Jedes Hungerwort ist ein Esswort, man hat das Bild des Essens vor Augen und den Geschmack am Gaumen. Hungerwörter und Esswörter füttern die Phantasie. Sie essen sich selbst, und es schmeckt ihnen. Man wird nicht satt, ist aber wenigstens beim Essen dabei.“

Die letzten zwei Sätze zeigen allerdings auch, wie gefährlich nah diese Versuche, sich aus dem Lager in einen eigenen Kosmos zu retten, an der Geschwätzigkeit siedelt und wie schnell die poetische Wendung ins Profane abgleitet. Es gibt einige solcher Stellen mit preziösen und schiefen Bildern, auch ein Kapitelende, in dem ein Tropfen Blut auf kunstgewerbliche Weise für Schaudern sorgt. Und es gibt auch eine nicht geringe Zahl von Stellen, in denen die rettende Wortwelt den ohnmächtigen Schrecken nicht zudeckt, sondern spürbar werden lässt.

Ein Hungerkünstler-, ein Lagerkünstlerroman
Im Nachwort berichtet Herta Müller, auch ihre Mutter sei fünf Jahre im Arbeitslager gewesen. Während die Rumäniendeutsche bisher in einer leuchtenden Kunstsprache von ihren eigenen, furchtbaren Erfahrungen mit der Securitate Ceausescus vor, aber auch nach der Ausreise 1987 erzählt hat, befragte sie für „Atemschaukel“ Überlebende der Deportationen, darunter auch ihren Freund und Lyriker Oskar Pastior. Beide wollten das Buch dann gemeinsam schreiben. Doch der Büchner-Preisträger, der in seinen Gedichten Worte und Sätze auf virtuose Weise zerlegt und neu zusammengesetzt hat, starb 2006.
Sein Tod hat das zu diesem Zeitpunkt unfertige Manuskript möglicherweise verwandelt. Leopold Auberg ist unverkennbar Pastior nachgebildet. Leos Homosexualität relativiert allerdings die Bedeutung des Lagers. Schon der Tarnname im Park ist ein Versuch, der Gefahr zu begegnen, und im Lager wird die Produktion eines eigenen Wortkosmos dann zur Überlebensstrategie des Einsamen. Vielleicht sollte man „Atemschaukel“ daher weniger als Lagerroman denn als eine ehrende biografische Annäherung an Oskar Pastior lesen. Oder als eine nicht immer glückende Synthese aus beidem: als einen Lagerkünstlerroman. Manchmal meint man nämlich, in dem Buch zwei Stimmen zu hören: die dunkle, knarrende, mit dem Material Sprache spielende Pastiors und die helle, lakonische, mit dem Material Sprache verzaubernde Müllers.

Eine Rezension von Jörg Plath

Erstellt: 17-03-09
Letzte Änderung: 22-10-09


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