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08/11/11

Ross Thomas: Der Achte Zwerg

Eine Rezension von Tobias Gohlis


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Bevor es losgeht, beobachtet Minor Jackson den Streit eines Pärchens, in dem der Mann den Kürzeren zieht. Als die Siegerin ihn attackiert „Was guckst Du so, Opa?“ antwortet Minor: „Ich wollte sehen, wo er blutet.“ Bei Ross Thomas, der diese Szene erfunden hat, ist es schwer, Symbolisches zu entdecken. Er beobachtet, erzählt in einfachen Worten, mit bitterem Humor. Eine Frau macht einen Mann fertig, legt sich mit dem Nachbarn an und stürmt aus der Cocktail Lounge, ohne die Rechnung zu bezahlen. So ist es: Am Ende läuft es darauf hinaus, wer bezahlt. Und wer davonkommt.

Mit dieser Szene in Los Angeles/West Hollywood beginnt ein Roman über die Jagd nach einem Juden, der den Nationalsozialismus in Europa überlebt hat. Minor Jackson, der ein paar Jahre für das OSS, den Vorläufer der CIA im Krieg gearbeitet hat, soll zusammen mit dem Zwerg Nicolae Ploscaru den verschollenen Sohn einer Familie Oppenheimer im Nachkriegsdeutschland von 1946 ausfindig machen. Der Zwerg hat eine schöne Stimme, die er zur Unterhaltung und zur Betörung von Frauen nutzt. Er ist rumänischer Adliger, Betrüger, Dieb und Genie, er hat während des Krieges mit Ausnahme der Nazis für alle Geheimdienste gearbeitet, weshalb er jetzt, zu Beginn des Kalten Krieges, von allen misstrauisch beäugt wird. Das gilt vor allem für Gilbert Baker-Bates, der trotz mittelständischer Abkunft, über die der Name hinwegtäuscht, eine steile Karriere bei den Briten gemacht hat. Baker-Bates, „mit Bindestrich“, ist ebenfalls hinter Kurt Oppenheimer her.


Der Achte Zwerg
Von Ross Thomas

Aus dem Englischen von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann

Alexander Verlag, Berlin 2011
ISBN 978-3-89581-2514

Das Werk von Ross Thomas erscheint im Alexander-Verlag in revidierten und vollständigen Übersetzungen
Seine Gründe liegen für Jackson und den Zwerg auf der Hand. Kurt Oppenheimer ist im Widerstand zu einem extrem trick- und erfolgreichen Killer geworden. Die Briten fürchten, die Zionisten könnten sein Potenzial in Palästina gegen sie einsetzen, wo sie dabei sind, das den Juden gegebene Versprechen auf einen eigenen Staat Israel zu hintertreiben. Doch diese Ambitionen interessieren die beiden Privatermittler ebenso wenig wie die US-Geheimdienstler, die Kurt Oppenheimer als eines der vielen Talente ansehen, die sie aus dem alten Europa abziehen können; auch die Interessen der russischen Seite tangieren die beiden nur insofern, als sie es im Wettlauf um den ersten Kontakt mit dem mörderischen Überlebenden nicht mit zwei, sondern eben mit drei Konkurrenten zu tun haben.

Die Geschichte beginnt in Los Angeles, weil dieses nahe am mexikanischen Ensenada liegt und weil dort das Geld ist. Auftraggeber der zwei Abenteurer, die sich von der ersten Minute ihres Zusammenseins ebenso intensiv misstrauen wie sie sich als Artverwandte mögen, ist der erblindete Vater Oppenheimers, der es als Reißverschlusskönig zu Geld gebracht hat. In Ensenada wartet er auf eine Star-Operation. Er hofft, seinen Sohn wieder zu sehen.
Die Geschichte geht weiter im zerstörten Deutschland. Zwischen den Trümmern der bombardierten Häuser werden zwei Kriege geführt: der Kalte und der ums Überleben. Frauen tragen Pelzmäntel, aber nichts darunter, weil sie im letzten Winter gelernt haben, wie kalt es werden kann. Zur Konkurrenz des Amerikaners und des Rumänen gehört ein Drucker, der sich vom NKWD im KZ hat ausbilden lassen – die Kommunisten versprachen die besten Überlebenschancen. Dieser Bodden verfügt außer einem gefälschten Ausweis nicht über nennenswerte Ressourcen, er muss sich im Untergrund der Schwarzmarkthändler und Schieber durchschlagen. Eine gute Gelegenheit für Thomas, seine als Nachrichtenmann – er hat das Bonner Büro des Truppensenders AFN aufgebaut – erworbenen Kenntnisse der Nachkriegszeit auszubreiten. Dieser anschaulich gemachte Überlebenskampf macht einen Reiz der Lektüre aus. Thomas stellt seine Geschichte in den Zusammenhang deutscher Volksmärchen: Ploscaru bezeichnet sich als den Achten Zwerg. Die sieben anderen haben Schneewittchen beschützt, aber das war eine andere Welt und eine andere Zeit.

Jörg Fauser, der Thomas sehr bewunderte, schuf das Schlagwort vom „demokratischen Realismus“, um seine Schreibhaltung zu kennzeichnen; andere sprechen von „pragmatischem Humanismus“ (Thomas Wörtche). Irgendwo zwischen diesen Begriffssäulen und unberührt von ihren hohen Ansprüchen gelangt Thomas im „Achten Zwerg“ an ein düsteres Ende. „Tough shit“ – mit diesen Worten versucht der sterbende russische Agent bis zum letzten Atemzug, Feinheiten der amerikanischen Umgangssprache zu erlernen. Der Amerikaner Jackson hat dann, nach einer denkwürdigen Szene des Menschenschachers das letzte Wort. Es erinnert an Voltaire und lautet: „Großartig“.

Erstellt: 08-11-11
Letzte Änderung: 08-11-11