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Massimo Carlotto

Carlotto, 1956 in Padua geboren, wird 1976 des Mordes beschuldigt, in einem ersten Prozess freigesprochen, dann verurteilt. Er flieht nach Mexiko, stellt sich, wird erneut inhaftiert und nach einer beispiellosen juristischen Farce und einer Protestbewegung 1993 begnadigt. Seit dem schreibt er Romane, Theaterstücke und Autobiografisches, nicht zuletzt über seine Erfahrungen mit der Justiz.

Rezensionen zu "Arrivederci amore, ciao"

Der Schriftsteller Massimo Carlotto hat Erfahrungen mit dem italienischen Justizsystem gesammelt. In den Siebzigern wurde er als Mitglied der radikalen Gruppe „Lotta Continua“ zu Unrecht wegen Mordes verurteilt, um 1993 erst nach zahllosen Gefängnisaufenthalten begnadigt zu werden. Carlotto weiß, wovon er spricht, wenn er in seinem Thriller „Arrivederci amore, ciao“ ein Verhörzimmer beschreibt: „An den grünlichen Wänden einige Blutspritzer und viele Kaffeeflecken. Die Bullen zielten gern mit Pappbechern voll miesem Kaffee nach den Verdächtigen.“
Carlotto erzählt die Geschichte eines ehemaligen Mitgliedes der Brigate Rosse, der sich nach einigen „belanglosen Attentaten“ in Mailand den Freiheitskämpfern in Südamerika angeschlossen hat. Nach einigen Jahren erkennt er, dass ihm „die gerechte Sache scheißegal“ ist. Giorgio Pellegrini geht zurück nach Italien. Er stellt sich der Polizei, verrät ohne zu zögern ein paar Genossen und kommt mit einer kurzen Haftzeit davon. „Du bist ein Mistkerl. Einer von den Schlimmsten“, erklärt der Mönch eines Ordens, bei dem er nach seiner Entlassung unterkommt. Tatsächlich hat Pellegrini andere Ziele, als unter dem Dach der Kirche ein bürgerliches Leben anzufangen. Er heuert in einem Bordell an, verprügelt Prostituierte, erpresst Freier und überfällt schließlich mit Hilfe eines Polizisten von der Antiterroreinheit einen Geldtransporter: „Ich machte immer alles in Ruhe, Angst hatte ich nie. Ich dachte nur an das Geld.“
Schauplatz dieses sprachlich abgerüsteten Thrillers, in dem es keine Guten, aber jede Menge „Scheißkerle“ gibt, ist das Veneto im Nordosten von Italien. Hier treffen Anfang der neunziger Jahre kroatische Kriegsverbrecher auf das einheimische organisierte Verbrechen: „Ein Grenzgebiet, in dem jeder die Chance hatte, sich eine erfolgreiche Zukunft aufzubauen“, zumindest, wenn er „keine Angst hat, den Nächsten in den Arsch zu ficken“. Die spezifische Mischung aus „legaler und illegaler Wirtschaft“ ist im Veneto nicht nur die Grundlage für Reichtum, sondern auch für „beträchtliche Machtpositionen“, wie Massimo Carlotto zynisch anmerkt. Und so macht er den Ex-Terroristen, Polizeispitzel und Mörder Pellegrini zuletzt zum willigen Helfer der neuen politischen Elite aus zwielichtigen Unternehmern, die nach der Wahl von 1994 unter Berlusconi an die Regierung kommt.
Italien ist kein besonders nettes Land, wenn es um „Geschäfte, Verbrechen und Politik“ geht.
Kolja Mensing/Der Tagesspiegel

"Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, Sie haben Massimo Carlottos Roman ARRIVEDERCI AMORE, CIAO angefordert und erhalten. Da im Zusammenhang mit den Fällen ›Monhaupt‹ (sic!) und ›Klar‹ nun von mehreren Seiten die Frage nach weitere (sic!) Informationen zur Lebensgeschichte des Autors kam, schicken wir Ihnen im Anhang eine kleine Chronik des juristischen Falles ›Carlotto‹. Verständlicherweise ist es Massimo Carlotto mit der Zeit etwas lästig geworden, immer wieder über diesen Aspekt seines Lebens zu sprechen."
Diese Pressemitteilung des Berliner Tropen Verlages ist schon bemerkenswert. Was haben die Diskussionen um die RAF-Leute Klar und Mohnhaupt, die zur Zeit die Medien beschäftigen, mit einem italienischen Thriller aus dem Jahr 2001 zu tun? Nichts - es handelt sich nur um eine geschmacklose Art, Aufmerksamkeit herzustellen. Für ein geschmackloses, überflüssiges Buch.
Der Reihe nach: Hauptfigur des Romans „Arrivederci amore, ciao“ von Massimo Carlotto ist ein italienischer Amateur-Revolutionär und Klein-Terrorist, der nach einiger Zeit im südamerikanischen Exil einen schmutzigen Deal mit dem Staat macht, um sich in Italien wieder legalisieren zu können. Das probateste Mittel dafür ist, so stellt sich heraus, ein Leben als engagierter Krimineller zu führen, das dann folgerichtig im Reiche Berlusconis zu einer wohlbürgerlichen Existenz als Gastronom führen wird.
Ein solches Leben führt Giorgio Pellegrini, so heißt die Figur, denn auch ausgiebig. Er mordet, foltert, erpresst, prügelt, raubt, verrät, erniedrigt und vergewaltigt fröhlich vor sich hin, denn, so suggeriert uns das Buch, es bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig. Italien, das will der Autor uns damit sagen, ist gerade in seinen bürgerlichen Teilen längst strukturell und moralisch dem Organisierten Verbrechen adaptiert - es tickt wie eine besonders rassistische Mafia, weil la mafia durch Berlusconi der Staat in persona ist. Und Mafia ist weniger eine Organisationsform, sondern ein Verhalten, ein bestimmter Typus von sozialer Interaktion.
Das mag ja alles völlig richtig und plausibel sein, aber seit Hammetts Continental Op-Geschichten oder seinem Roman „Red Harvest“ (Rote Ernte) von 1929 ist eine solche Konstellation von Gesellschaft und Verbrechen auch ein literarischer Topos und nun wahrlich nichts Originelles mehr. Außerdem ist der Weg von Carlottos Held Giorgio Pellegrini vom romantischen Revolutionär und Terroristen zum blutig-spießigen Gastwirt lediglich ein jämmerlicher Abklatsch der Karriere von Jerome Charyns Jahrhundertfigur Isaac Sidel, der seit den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer inzwischen neunbändigen Roman-Saga auf dem Weg zum Präsidenten der USA ist - als Mörder, Mafioso, Polizist und guter Mensch.
Und dass ein gewisses Publikum Mörder und Monster nett - oder toll oder "faszinierend" oder "spannend" - findet, wenn sie nur lecker inszeniert werden, auf diese Gewissheit konnte sich Carlotto seit Jim Thompsons „The Killer inside me“ oder Patricia Highsmiths Ripley-Romanen ganz sicher verlassen, mit den Rezeptionserfahrungen von „American Pycho“, „Hannibal Lecter“ oder „Pulp Fiction“ im Rücken sogar felsenfest und ohne jedes Risiko.
Auch der eisig lakonische Erzählton, den Carlotto für seinen Ich-Erzähler etabliert, ist nicht die Bohne originär. Diesen spezifischen Ton finden wir bei Dashiell Hammett präfiguriert, wir finden ihn beim oben genannten Jim Thompson, und vor allem finden wir diesen Ton bei Jean-Patrick Manchette ausgearbeitet. Er sollte bei Manchette - ein Vierteljahrhundert vor Carlotto - mit der Ungeheuerlichkeit des Erzählten kollidieren - in einem "linken", in einem "revolutionären" Kontext.
Bei Carlotto kollidiert mittlerweile gar nichts mehr. Seine Quasi-Ungeheuerlichkeiten sind Posen, leere Gesten, die schocken sollen, wo kein choque mehr funktioniert, weil der Mechanismus längst ausgereizt ist. Übrig bleiben bei Carlotto quälend fahle Muchomacho-Attitüden, die mangels literarisch-ästhetischer Qualität oder mangels moralischer Provokationskraft allerhöchstens auf eine stammtischhafte, einvernehmliche Belustigung postpubertärer Kerlchen zielen: "Ich wusste nicht recht, was ich mit einer Frau anfangen sollte, die keine Lust hatte, mir den Schwanz zu lutschen oder ihn hinten rein zu bekommen." Ach, du meine Güte, ja ...
Was aber hat all das - noch einmal gefragt - mit Klar, Mohnhaupt und einem ominösen "Fall Carlotto" zu tun, wie die Pressemeldung des Verlages suggeriert? Carlotto selbst war in den siebziger und achtziger Jahren die Hauptperson eines Justizskandals - möglicherweise unschuldig wegen Mordes verurteilt, möglicherweise skandalös vom italienischen Staat behandelt. Die Chronologie der Ereignisse, die der Tropen-Verlag als Pressematerial herumschickt, weist ein paar Lücken auf, über die wir hier nicht verhandeln können. Allerdings wäre es für die Einschätzung des "Falles Carlotto" nicht unerheblich zu wissen, ob dieser Mord eine Beziehungstat war oder einen politischen Hintergrund hatte oder was auch immer. Tatsache ist, dass das Lotta-Continua-Mitglied Carlotto nicht wegen "Terrorismus", sondern wegen Mordes verurteilt, später nach massiver Einmischung internationaler Pressure-Groups begnadigt wurde. Der Zusammenhang mit Mohnhaupt, Klar und der RAF ließe sich also nur über die Figur Pellegrini aus dem besprochenen Roman herstellen - aber wo wäre da irgendein sinnvoller, substantieller Berührungspunkt zu sehen? Nirgends ... (…)
Thomas Wörtche/Freitag


Die wichtigsten Links:

  • Carlottos Homepage (italienisch, ein Klick auf englische Titel öffnet den Bereich in englischer Sprache)

Erstellt: 05-04-07
Letzte Änderung: 24-07-08


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