Das ist der Krimi zum 4. November.
Nein, eigentlich das kohlenkellerschwarze Märchen zum 4. November. Isaac Sidel, der robust-intellektuelle Ex-Cop, der nie ohne eine Glock in der Hosentasche aus dem Haus geht, sich aber manchmal lieber zusammenschlagen lässt, als sie zu benutzen, ist in diesem bereits 1999 auf Englisch erschienenen Roman Jerome Charyns aufgestiegen (aufgestiegen?) zum Vizepräsidentschaftskandidaten der Demokraten. Denn das Volk liebt „Citizen Sidel“: Den Mann, der immer wieder auf den Hintern fällt; der aufsteht und immer noch Moral hat.
Alle kämpfen hier um Einfluss, die meisten sind korrupt, viele mehr als das. Charyn erzählt das in äußerster Knappheit und Lakonik, trotzdem sind manche seiner Sätze herzzerreißend, Minikraftwerke des Gefühls. Der republikanische Präsident jedenfalls hätte gern den beliebten Sidel aus dem Weg geräumt, der demokratische Bewerber hat einen Killer auf seine Frau angesetzt. Dieser aber verliebt sich in sein Opfer: „es war wie bei Shakespeare in Isaacs Manhattan“, schreibt Charyn.
Und erfindet eine zwölfjährige Julia und ihren zu einer Jugendgang gehörenden, sprayenden Romeo, außerdem gleich mehrere Macbeths und diverse Ladies mit Blut an den Händen. Anderswo, eben im Märchen, muss man das Vorbild suchen für die mörderische „Kampfratte“, die Sidel von einem Getöteten erbt. Eine Ratte, die nicht nur Streichhölzer balancieren kann auf ihren Barthaaren, sondern auch in Liebe entbrennen zu der sonnenschönen Zwölfjährigen. In einem Karton hat Sidel das Vieh immer dabei, auch auf Wahlkampfveranstaltungen.
Ein Jerome Charyn hat längst Fieseres erdacht als einen Pitbull mit Lippenstift.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau, November 2008
Fein, dass es nach neun Jahren jetzt doch schon Citizen Sidel von Jerome Charyn bei Rotbuch zu lesen gibt. Das zehnte Kapitel der Isaac-Sidel-Saga aus dem Jahr 1999. Über die verlegerische Misere Charyns im deutschen Sprachraum regen wir uns schon gar nicht mehr auf, das Thema ist zu deprimierend.
Möglicherweise kristallisiert sich an Charyns Saga die ganze Problematik von Kriminalliteratur und ihres momentanen zeitgeistigen Erfolgs. Denn anscheinend ist es kein bisschen evident oder zumindest nur schwer zu vermitteln, warum ein Projekt, das von sehr irdischen, sehr trivialen und sehr universalen Mythen, von individueller Magie, von präziser Beobachtung einer sich permanent ändernden Stadtlandschaft (New York City als Weltmodell) und großgesellschaftlichen Wetterlagen erzählt, ohne den biederen Kriterien von konventioneller Story, Figurenzeichnung, Kohärenz oder anderen Parametern einer anderen literarischen Welt zu genügen und dennoch Kriminalliteratur in the state of art ist, warum also ein solches genial-irres Projekt so ungleich faszinierender ist als alle Blutschocker und “literarischen” Krimis zusammen...
Thomas Wörtche/Plärrer, November 2008







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