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Der Krimi des Monats

Robert Littell: Die kalte Legende

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Gespaltene Persönlichkeiten sind gerade in. Ist das noch Zufall der Krimiproduktion oder schon Zeitzeichen?

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Erstens: Fred Vargas’ vor zwei Monaten in Frankreich erschienener neuer Roman „Dans les Bois Éternels“ erklettert gerade die Bestsellerlisten, Thema: Die Jagd nach einer dissoziierten Persönlichkeit, deren eine Hälfte serienweise mordet, ohne dass die andere davon etwas weiß. Zweitens: In Jenny Silers grandiosem „Ticket nach Tanger“ (Fischer-Taschenbuch) kämpft ein junge Frau um die Wiedergewinnung ihrer Identität, die sie, traumatisiert durch mehrere Schusswunden, vollständig vergessen hat. Und Drittens: Robert Littells „Die kalte Legende“. Hier ist die Persönlichkeitsspaltung Zeitzeichen. Martin Odum, so nennt er sich pragmatisch, weil dieser Name seine letzte Legende - Fachausdruck für eine Deckidentität als Spion - war. Als Privatdetektiv stellt er in New York untreuen Ehepartnern nach und züchtet Bienen auf dem Hausdach.


Eigentlich ein unmöglicher Auftrag

Bis die aus Moskau eingewanderte Estelle Kastner mit einer Bitte an ihn herantritt, wie sie nur in vollglobalisierten Jetztzeit denkbar ist. Odum soll einen russischen Gangster und Geldwäscher auftreiben, der ihre Schwester in Israel geheiratet hat, um rasch aus Russland aus- und dorthin einwandern zu können. Dieser Samat Ugor-Shilow hat sich nach Eheschließung und Hauskauf verdünnisiert. Die Hinterbliebene braucht einen von mehreren Rabbinern bezeugten Scheidungsbrief des absenten Gatten, um wieder neu heiraten zu können. Und den soll Odum beschaffen. Zuvor muss ihm das Unmögliche gelingen, einen Menschen mit Geld, der nicht erwischt werden will, zu schnappen.

Widersprüchliche Identitäten

Odum will den bescheuerten Fall eigentlich nicht annehmen, wird aber von seiner ehemaligen Führungsoffizierin, einem rüschenbeblusten Ekel namens Crystal Quest dermaßen ruppig bedroht, davon Abstand zu nehmen, dass er es aus Trotz dennoch tut. Außerdem hat er noch einen ganz persönlichen Grund: Als operativer Undercover-Agent der CIA hat er in den Jahren seit dem Zusammenbruch des Ostblocks so viele verschiedene Legenden übernommen, dass er nicht mehr genau weiß, wer er ist. Sie geraten ihm durcheinander und das bringt ihn in echt verrückte Situationen. Als Lincoln Dittmann kennt er ein Gedicht von Walter Whitman auswendig, das dieser ihm persönlich vor über hundert Jahren beigebracht hat. Als Dante Pippen versteht er plötzlich Russisch. Außerdem reden ihm seine Identitäten auch noch dazwischen, so dass er befürchten muss, ein vierte oder fünfte kalte Legende vergessen zu haben, die ihm den Weg zu sich selbst erschließen könnte. Odum weiß nicht genau, wer er ist.

Reise durch die Höllen der Geheimdienste

Also macht er sich mit Estelle auf die Suche nach dem Eheflüchtling, auf eine Reise, die ihn über Prag und London nach Israel und weiter nach Russland und an den Aralsee und wieder nach New York führt – eine danteske und kafkaeske Reise durch die Höllen der Geheimdienste und die Verworrenheit der jüngsten Geschichte, meist nur knapp einen halben Schritt der tödlichen Kugel voraus. Waffenschieber, Reliquienhändler und Wohltäter, die die Landminenopfer preisgünstig mit Prothesen versorgen, kreuzen seinen Weg.


Kenner der modernen Spionage

Robert Littell hat sich als Korrespondent von Newsweek im Nahen Osten reichlich mit den rauen Tatsachen der modernen Spionage beschäftigt, bevor er begann, Politthriller zu schreiben. Hierzulande sind von seinen 13 Büchern nur „Tod und Nacht“ (Knaur-Taschenbuch), eine bitter groteske Geheimdienstverschwörungskomödie über die Kennedy-Ermordung, „Die Company“, eine eher dumpf-patriotische Mehrgenerationensaga zur CIA, und neuerdings „Die kalte Legende“ lieferbar. Aber die hat es in sich. In unterkühlt-ironischer Distanz begleitet er sein Chamäleon Odum durch das Netz einer wüsten Doppel-Intrige. Sein Humor ist prächtig. So lässt er uns ganz nebenbei wissen, wie die USA den Anschlag vom 11. September hätten verhindern können. Und wo wohnt der „Oligarch“, der Onkel des gesuchten Geldwäschers und Großhütchenspielers? Natürlich in der Datscha Lawrenti Berijas, der als Massenmörder und Geheimdienstchef Stalins Geschichte gemacht hat. Das einzige, was einen bei der unglaublich raffiniert konstruierten Geschichte dieser Suche nach dem verlorenen Schatten wundert, ist, dass sie gut ausgeht. Das unterscheidet ihn vom großen Meister Le Carré, mit dem er in diesem Werk Eleganz, Raffinesse und den bösen Blick auf die Spionagewelt teilt.




Erstellt: 11-07-06
Letzte Änderung: 11-07-06


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