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Der Krimi des Monats - 26/02/09

Mike Walters: Blutiger Schnee

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Krimis sind vieles, besonders interessant sind sie als Sonden für fremde Gesellschaften. Mike Walters, erfahren im Ölgeschäft, bohrt in der Mongolei nach Geld und Verbrechen.

Ein Detektiv, der einer anderen Kultur angehört als der Autor, der ihn erfunden hat, schleppt von Geburt an ein doppeltes Legitimationsdefizit mit sich.
Auf die eigenen Leute wirkt er wie ein Verräter. Das, was er über sie und sich selbst sagt, ist immer mit der Stimme des fremden Außenseiters gefärbt. Als ich 1998 mit dem Stammeschef der Navajos über die Romane des großartigen Tony Hillerman sprach, wurde mir das sehr deutlich: Er äußerte Respekt dafür, wie sehr sich der weiße Amerikaner aus Albuquerque in die Navajo-Kultur vertieft hatte. Das war die nette Geste, dann grinste er und sagte: „Hillermans Bücher, das ist was für Touristen.“
Aber auch den „eigenen“, nicht mit der fremden Kultur vertrauten Lesern muss dieser Detektiv beweisen, dass er keine Marionette zur Verbreitung touristischen Wohlgefallens und braver Meinungen ist. Daran krankt beispielsweise der gute Omar Jussuf, der palästinensische Privatdetektiv des Walisers Matt Beynon Rees.

Blutiger Schnee
von Mike Walters (Autor) und
Juliane Gräbener-Müller (Übersetzer)

Goldmann Verlag 2008
ISBN 3442462886

Dieser Doppelfalle entzieht sich der britische Autor Mike Walters in seinem Krimidebüt Blutiger Schnee (original 2006: „The Shadow Walker“) auf elegante Weise. Zwar ist sein Protagonist ein mongolischer Polizist aus der Hauptstadt Ulan Bator. Aber dieser Nergui ist kein herkömmlicher Polizist, sondern ein Mann, der zur lokalen Polizeierfahrung, die er noch unter den Bedingungen des alten Regimes erworben hat, alle Qualifikationen für einen Mann von Welt besitzt. „Ich benutze für Bürgersteig und Aufzug andere Worte als Sie“ erklärt Nergui dem aus Manchester zur Unterstützung herbeigerufenen Detective Chief Inspector Drew McLeish. Nergui hat in den Staaten und in England studiert, spricht Russisch und teilt mit seinem Minister die demokratische Rechtsauffassung. Nergui ist glaubwürdig, weil er ein Mongole ist, der in die neue Zeit passt. Was Mongolen zu ihm sagen?


Und zur neuen Zeit gehört, dass sich ein demokratisch - sagen wir: orientierter Minister - einen Mann sucht, der ihm den Rücken frei hält. Das neue System muss sich beweisen: Bei den internationalen Investoren durch Transparenz und bei den Konservativen zu Hause durch Effizienz. Dieser Mann fürs Diplomatische und fürs Grobe ist Nergui, einsam, kontrolliert und der Implikationen seines Tuns und Nichttuns nur allzu bewusst. Denn das, was ihn auf die Plan ruft, und auch den Roman konstituiert, hat es in der Mongolei noch nicht gegeben. Ein Staat, in dem Viehdiebstahl das häufigste Verbrechen ist und die Mehrheit der Bevölkerung nomadisch lebt, ist mit Serienmord überfordert. Zumal die Morde als Zeichen verstanden werden sollen: Die Ermordeten sind zwar schwer zu identifizieren, weil ihnen der Kopf fehlt, verweisen aber auf die zukunftsträchtigen Wirtschaftszweige, an denen wiederum diverse internationale, mit einander konkurrierende Konsortien interessiert sind.



Buchtipp der letzten Woche:

Das Glück in glücksfernen Zeiten
von Wilhelm Genazino
Carl Hanser Verlag
München 2009
ISBN 978-3446232655


Unter den Toten ist ein britischer Geologe. Das bringt Drew McLeish aus Manchester nach Ulan Bator. Denn das letzte, was ein rohstoffreicher, seine ersten Schritte auf dem internationalen Investorenparkett ertastender Staat tun sollte, ist die mächtigen Staaten dieser Welt zu düpieren. Uns so folgen wir mit den Augen dieses staunenden Schotten der Ermittlung in die frostigen Grauzonen eines Landes, das genau in der Situation ist, in der wir uns alle befinden: Es muss sich neu erfinden. Es gibt nur einen Unterschied: Die Mongolen haben das begriffen.
Vielleicht ist das die tiefere Erklärung dafür, dass dann nicht der britische Kriminalist, sondern doch die mongolische Polizei den Durchblick gewinnt. Der Brite landet in der Folterkammer und geht beinahe drauf.
Dieses Ende mag den Guardian zu Jubelrufen animiert haben: „A worthy new series“. Ich schließe mich an: Prima gemacht, spannend und informativ.
Eine Rezension von Tobias Gohlis


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Erstellt: 18-02-09
Letzte Änderung: 26-02-09


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