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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/09/08

Miles Davis: "Kind Of Blue"

aufgenommen am 2. März und am 22. April 1959 in New York City (Columbia/Legacy CK 64935)


von Bert Noglik

Jahrhundertaufnahmen des Jazz

Nachdem Miles Davis bereits profil- bestimmend zum Cool Jazz und zum Hard Bop beigetragen hatte, suchte er Ende der fünfziger Jahre wiederum nach neuen Ausdruckmöglichkeiten. Da er die immer komplizierter werdenden Akkordstrukturen als einengend empfand, begann er, die Improvisationen von den Bindungen an diese Vorgaben zu befreien und durch Reduktion des Basismaterials eine noch spontanere Form des Gestaltens anzustreben. So fand er zum modalen Spiel, indem der die Changes, die Akkordfortschreitungen, durch Skalen ersetzte.

Was Miles Davis zu den beiden Aufnahme-Sessions von „Kind OF Blue“ mitbrachte, glich Skizzen, die erst im Spiel der handverlesenen und interaktiv agierenden Crew konkrete Gestalt annahmen. Trotz unterschiedlicher Anlage der Stücke, bestechen sie sämtlich durch eine außerordentlich dichte Qualität im Atmosphärischen und eine sich in mittelschnellem bis langsamen Tempo entfaltende Schwebestimmung. Mit John Coltrane, der bereits seine abstrakten Klang-Expressionen aufleuchten lässt, und dem in erdigem Blues fundierten Julian „Cannonball“ Adderley gelang es Miles Davis, zwei Musiker mit höchst individuellen Saxophonsprachen zu integrieren.
Die Rhythmusgruppe unterstützt den freien Flug der melodischen Linien, indem sie das Grundgerüst in ein flexibles und oftmals pulsierendes Geschehen verwandelt. Der Pianist Bill Evans, der zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr regulär mit Miles Davis spielte und vom Trompeter für die Plattenaufnahme noch einmal zurückgeholt wurde, verleiht der Musik durch sein impressionistisch orientiertes Spiel ein ganz besonderes Flair. Insgesamt entsteht bei „Kind Of Blue“ der Eindruck eines Raums von faszinierender Zeitlosigkeit, in dem sich Spannung und Entspannung gegenseitig durchdringen.
Miles Davis überzeugt als ein Meister, der die unsichtbaren Fäden zieht, der es schafft, mit minimalistischen Mitteln musikalische Phantasie freizusetzen und der sich in die oft balladesken Klanggemälde mit seinem unverwechselbaren Ton einfädelt – gleichermaßen hochkonzentriert und äußerst relaxed. Bei alledem erweist sich die Kohärenz von Komposition und Improvisation als ebenso zwingend wie die Integration der Ensemblemitglieder in eine Musik, die sich spontan ausformt und im Prozess der Interaktion die Summe der individuellen Anteile übersteigt.

Bill Evans verglich das geniale Werk in seinem Begleittext zur Platte treffend mit der Kunst chinesischer Tuschzeichnungen, bei der nachträglich nichts mehr hinzugefügt oder entfernt werden kann. Und auch wenn Miles Davis später anmerkte, er habe mit „Kind Of Blue“ angestrebt, den Klang eines afrikanischen Daumenklaviers zu imaginieren, was ihm nicht gelungen sei, so bekennt er zugleich: „Ich versuchte eine Sache und landete bei einer anderen.“ Selten hat der Prozess des intuitiven Suchens im Prozess spontanen Gestaltens zu einem so gültigen Ausdruck geführt wie bei dieser Platte, die nicht nur, was die Verkaufszahlen anbelangt, zu den Spitzenprodukten des Jazz gerechnet werden darf.
Text: Bert Noglik

Miles Davis: Kind Of Blue
Miles Davis – Trompete
Julian „Cannonball“ Adderley – Altsaxophon
John Coltrane – Tenorsaxophon
Wynton Kelly – Piano
Bill Evans – Piano
Paul Chambers – Bass
Jimmy Cobb – Schlagzeug
aufgenommen am 2. März und am 22. April 1959 in New York City

Erstellt: 08-09-06
Letzte Änderung: 12-09-08